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Israelitische Annalen · 1839-09-13 · Heft 37 (13.9.1839) · p. Seite 293

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 37 (13.9.1839)
Date
1839-09-13
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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293 Beobachtung -er väterlichen Religion, auch den Anforderungen der menschlichen Gesellschaft, in welche die Israeliten durch die Humanitär der Regierungen immer mehr eintreten, besser Genüge leisten zu können. Die verbreitete Annahme des Thalmuds wird zwar von manchem als der beste Beweis seiner Authenticität angeführt; allein sie ist nur eine Wirkung des uuglückseligen Zustandes der Israeliten im Mittelalter gewesen. In trauriger Lage ergreift der Mensch alles, was ihm Trost sein kann, glaubt selbst das Ungereimteste und knüpft seine Hoffnung an alles, wodurch er gottgefällig zu sein meint. Alle Kirchen geben Beweise hievon. Wir brauchen die Geschichten der verschiedenen schauderhaften Religionsverfolgungen nicht zu wiederholen, um dies zu beweisen. Unsere eigene Geschichte enthält der Beispiele genug, um die Verschiedenheit der Ansichten, nach Maßgabe der verschiedenen Behandlung, die wir erlitten, darzuthun. Wie ganz anders lauten die Lehren der Spanischen Gelehrten, welche unter den Mauren lebten, von denen die unter dem Druck der Christen seufzten! Und so ist auch unsre Zeit, in welcher menschenfreundlichere Fürsten unser Glück zu befördern streben, natürlich auch die Veranlassung geworden, unsre gesetzlichen Verhältnisse zu prüfen, und nachzusehen, wie fern sie mit den neueren Zuständen bestehen. Wenn daher viele Rabbinen dies nicht begreifen, so bewirken sie nur gänzlichen Abfall; denn was vor tausend Jahren unter damaligen Verhältnissen gut und vortrefflich schien, ist mit der Gegenwart unvereinbar! Aller Widerspruch in der Welt wird den Umschwung der Begriffe und die Veränderung der Ansichten nicht verhindern! Die Zeit ihren Gang und die Gesinnungen reifen mit ihrem Fortschreiten!*) Wir hegen sogar die Ueberzeugung, daß der Thalmud keinesweges auf ewige Geltung aller Einzelheiten Anspruch macht, wie denn auch in dem Werke sich Fälle von zeitgemäßen Veränderungen vorfinden. Warum denn soll es uns nicht zuftehen, uns nach den Umständen zu richten? *) Sejbst das Buch Cusari II., aus welchem mein Entgegner seine Behauptungen schöpft, räumt ein, daß der Thalmud den Zeitumständen ein Recht zur Entscheidung über manche Satzungen zugestand. Gespr. IV. 384. lieber andere Bedenklichkeiten, betreffend das Abänderungsrecht, s. Ler. Chem. in. 5 u. 6, wogegen Rosentbals Einwendungen (Beth-Aven 1839) offenbar ohne Gewicht sind. Briefwechfel über religiöse Zustände. 6. I. R. an S. D. L. (Schluß.) Zu einer andern Bemerkung giebt mir Ihr Brief Anlaß, nämlich da, wo Sie meinen, die Lehre Abrahams sei auf die beiden Prinzipien, Wohlwollen und Gottesfurcht zurückzuführen, von denen sie das erstere uneigennützig, das andere selbstsüchtig oder eigennützig nennen. Diese Benennungen und Eintheilungen, lieber Freund, verbreiten nicht viel Licht über das wahre Moralsystem, wie es jeder gute Denker annehmen muß; sie entspringen nicht aus einer genauen Entwickelung einer unsrer Seelenfähigkeiten, sie führen nicht zur Erkenntniß unsers Selbst, unsrer Pflichten, der weisen Richtung unsers Willens; kurz, ne scheinen mir unbestimmt, verworren, unvollständig und in vieler Hinsicht irrig. Ich bin nicht der Meinung, daß die Lehre Abrahams auf diese zwei Prinzipien der piet» (Wohlwollen) und der Gottesfurcht zu beschränken seien, und überzeuge mich auch nicht, daß diese beiden Prinzipien das ganze System der Moral-Philosophie (Sittenlehre) enthalten und umfassen können. Das Wort pleta (Pietät) ist an sich mehrdeutig, und kann die beiden Empfindungen bezeichnen, welche die Franzosen durch pietö und Mv scheiden. Ueberdieß können Sie zwar mit dem Worte pieta alle Pflichten des Menschen gegen seinen Nebenmenschen bezeichnen, aber doch auf keinen Fall aus diesem Begriffe die Pflichten gegen sich selbst herleiten. Gottesfurcht aber ist ein Ausdruck, der sich nicht sehr eignet, die Quellen aller unsrer Pflichten gegen das höchste Wesen auszudrücken, da abgesehen davon, daß er leicht den Irrthum erzeugt, als sei in der That hier von einer Furcht vor dem gütigen Schöpfer und liebenden Vater aller Geschöpfe, die Rede, er auch in so fern mangelhaft ist, als er Liede, Vertrauen, Hoffnung, Treue, welche wir in Beziehung auf das Wesen, das alle Vollkommenheiten in sich faßt, nähren sollen, keinesweges in sich schließt. Die Unterscheidung des Selbstsüchtigen und Uneigennützigen kann ich noch weniger billigen. Meines Erachtens tritt der Eigennutz in alle unsre Thätigkeiten mit ein, und die Selbstliebe (im reinsten Sinne, völlig verschieden vom sogenannten Egoismus) ist die Grundlage der ganzen Sittenlehre. Bin ich nicht da, um meine Wohlfahrt zu suchen, und mein Dasein so gut als möglich zu machen? Und sagt mir nicht die Vernunft, daß mein wahres Wohlsein keinesweges in Befriedigung der sinnlichen Begierden, vielmehr in der Entwickelung und möglichsten Vervollkommnung meiner Seelenkräste, in meiner Veredlung bestehe? Kann man nun wohl selbst die edelste That, die ein Tugendhafter im höchsten Heroismus übt, wäre sie auch nur mit gänzlicher Hinopferung seines Lebens oder eines großen Theils der irdischen Glückseligkeit ausführbar, darum uneigennützig nennen, weil sie seinen Geist zu einem höhern Grade von Edelmuth und Vollkommenheit erhebt, während ja gerade diese Selbstvervollkommnung das einzige Ziel des Tugendhaften ist? — Verzeihen Sie, l. F., meine Offenheit. Es ist einerseits wahr, daß die Moravehr? des Pen-

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