Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 37 (13.9.1839)
- Date
- 1839-09-13
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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291 Cine Zeit- und Streitfrage. Von vr. Aub, Rabbiner zu Bayreuth. Beginnt oder endet mit dem Jahre 5600 der israelitischen Aera ein Jahrhundert? Das Wesentliche dieser Streitfrage bewegt sich um den Punkt, ob wir in unserer Zeitrechnung nach erfüllten, oder nach laufenden Jahren zählen, ob das sich schließende, oder das beginnende Jahr die Jahreszahl bestimme. Im erster« Fall würde die Zahl 5600, welche jetzt eintritt, andcutcn, daß die Summe dieser Jahre nach unserer Aera bereits verflossen sei, und wir somit ein neues Seculum beginnen; im letzter« Falle wäre das kommende Jahr das 5600ste und demnach erst mir dem Ende dieses Jahres das Ende eines Jahrhunderts. Diese Diskussion ist nicht neu; dieselbe Streitfrage war bekanntlich unter unfern christlichen Mitbrüdern bei'm Eintritte des I9ren eben so wie im Anfänge des löten Jahrhunderts ein Gegenstand starker Controvers. Könnten rationelle Gründe allein entscheiden, so würde man. aus einer täuschenden Vergleichung der Zeitrechnung mit dem Zählen der Lebensjahre schließen, daß wir stets nach geendigten Jahren zählen, demnach je mir der Zahl 100 ein neues Seculum beginne. Das Kind, sagt man, welches ein Jahr alt geworden, habe bereits zwölf Monate durchlebt, und so fort werde jedesmal das vollendete Jahr zu dem vorhergehenden gerechnet; sollte nicht bei dem Zählen der Weltjahre dieselbe Regel beobachtet worden sein? Wenn wir dieser Beweisführung die zwei Gegengründe gegenüber stellen, daß 1) bei den Lebensjahren meist gefragt werde, wie viel der Mensch deren zähle, oder wie alt er sei; während in der Zeitrechnung zunächst sich uns. die Frage aufdringe, in welchem Jahre wir stehen, sonach wir dort mehr die Vergangenheit, hier mehr die Gegenwart im Auge haben; daß 2) diese Verschiedenheit noch deutlicher bei'm Zählen der Tage und Monate hervortrete, indem im menschlichen Leben immer die vergangenen Tage und Monate, in der chronologischen Berechnung hingegen die laufenden oder gegenwärtigen gezählt werden: — so wollen wir damit jene Ansicht nicht als undenkbar verwerfen, möchten aber doch die Ueberzeugung beibringen, daß auf diesem Wege kein zuverlässiges Resultat gewonnen, folglich kein Ende dieses Meinungszwistes erzielt werden könne. Es handelt sich ja auch nicht darum, wie gezählt werden sollte, sondern wie wirklich gezählt zu werden pflegte. Jene Frage müßte allerdings der Vernunft zur Entscheidung vorgelegt werden; diese jedoch kann nothwendig nur auf dem Felde der Geschichte ihre Beantwortung finden. So laßt uns denn zur Tradition und Autorität unsere Zuflucht nehmen! Hören wir vorerst die christlichen Autoritäten, so stimmt die weit überwiegende Majorität für die Ansicht, daß je mit der runden Zahl 100 ein Seculum schließe, und erst mir 1 ein neues Jahrhundert anfange. Schon am Schlüsse des siebenzehnten Jahrhunderts hat diese Annahme an den durch Gründlichkeit und Gelehrsamkeit hervorragenden Männern ihre Vertheidiger gefunden. (S. die Brochüre: das merkwürdige Jahr Ein tausend acht hundert rc. Gera und Leipzig, bei Gotrlieb Heinrich Jllgen. 1790.) (Vergl. die Predigtsammlungen von Reinhard zu Dresden und Schmidt zu München, in denen die Predigten auf das neue Jahrhundert am Neujahrsrage 1801 gehalten wurden.) Wir sehen indeß wohl ein, daß von der christlichen Zeitrechnung kein fester Schluß auf die isr. Aera gezogen werden dürfe; indem es sich leicht finden könnte, daß jene nach laufenden, diese nach vollendeten Jahren ihre Zeitrechnung ordnete. Darin erkennen wir zwar eine Analogie zwischen beiden Chronologien, daß beide — die eine in der ersten Hälfte des 6ten Jahrhunderts, die andere lange nach dem Schlüsse des Thalmuds eingeführt worden; aber daraus folgt noch nicht, daß in beiden nach gleichen Prinzipien verfahren wurde. Deßhalb lassen wir denn die israelitischen Autoritäten selbst Zeugniß ablegen. Voran stellen wir «den Thalmud, aus welchem Tr. Rosch hasch. I. hervorgcht, daß bei den Negierungsjahren der Könige das laufende Jahr gezählt wurde. Wenn nämlich ein Fürst im Monate Adar zur Regierung kam, so wurde schon im folgenden Nisan, mit dem das Jahr für israel. Fürsten seinen Anfang nahm, geschrieben: im zweiten Jahre. Möge immerhin damals eine andere Chronologie, nämlich nicht nach der Schöpfung, sondern nach den Regierungsjahren der Fürsten statt gehabt haben: so dürfen wir dennoch der Muthmaßung Raum geben, daß die Methode der Zeitrechnung auf dieselbe Weise für die