Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 36 (6.9.1839)
- Date
- 1839-09-06
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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287 oder richtiger der Europäischen Zeitbildung (er setzt hinzu: „oft nur vermeintlichen," warum denn? hat etwa der Orient höhere Bildung gewonnen, ist er humaner, gerechter, gesitteter, erfahrener, geschickter?) aufgeopfert oder doch zur Beurtheilung überwiesen worden; er meint aber, „die Zeitbildung-könne hier allensalls eine Controlle bilden, um eine allzugroße Divergenz auszugleichen re." Seltsamer Widerspruch! Sie soll zu Verbesserungen führen und doch nicht zur Begriffsaufklärung mit reden dürfen! Ja er inffnuirt zugleich, daß die christlich-germanische Bildung von ihrer religiösen Seite angesehen, die Gläubigkeit m sich schließe, folglich von dieser Seite das Beharren bei der Befolgung, „wenn auch nur vermeintlicher" göttlicher Gesetze, ein Moment ihres Wesens sei! (S. 4.) *) — Alsdann verfällt er in die bis zum Ueberdruß schon vernommene Deklamation über die materielle Richtung der Zeit u. s. w. als ob nicht seit Jahrtausenden dasselbe behauptet worden wäre! und in die Joel Jakobischen Phrasen über die welthistorische Bedeutsamkeit eines mit „orientalischem Colorit!" auftretenden germanisch-christlich gebildeten Juden, und über die Frevel mancher Gelehrten unserer Zeit, welche die mit der occidentalischen Civilisation unverträglich gewordene Praxis religiöser Satzungen (doch wahrlich nur Formen und Mittel zur Civilisation!) beschränken wollen.**) Auch über die Form der theologischen Wissenschaft als solche, erhebt er seine Stimme, in so fern die neuere Schule durch ihr christlich religiöses Moment auf die Beurtbeilung jüdisch-theologischer Fragen starken Einfluß übe, und folglich ein Zwiespalt hervorgerufen werde, welcher die Wahl zwischen altgebildeten Rabbinen und neuen Gelehrten schwankend mache. Damit sich nun nickt, durch das Gewicht der j Zeitbildung vermehrt, die Schale auf dieser Seite neige, j bringt der Vf. auf die andere Seite die Bestimmung der > Rabbinen als Gewissensräthe und Richter in relij giösen Zweifeln über Satzungen und Lebensweise, und will somit die Wahl auf die rein Conservativen hingelcnkt wissen.! Um aber doch nicht allzu befangen zu erscheinen, meint er j doch wieder, ein nach neuer Art gebildeter und doch dabei dem Sinne der Alten ganz und gar ergebener, und für die Sache begeisterter Theologe würde dem Zwecke besser entsprechen! — Eigentlich wird mit allen solchen Reden nichts weiter gesagt, als: Ihr müßt euren Geist möglichst ausbilden, die höchste wissenschaftliche Stufe zu erreichen suchen, aber als Theologen müßt ihr diejenige Ueberzeugung aussprechen und im Leben zeigen, die ihr innerlich nicht habt, sonst besitzt ihr nur eine vermeintliche Bildung! — Eine vortreffliche Lehre! Aber leider eine ersprießliche zu jeder Zeit! Israels Wanderungen, Predigt von I. W. Klein, zeither. Rabbinats-Assistenten zu Bamberg. 1839. Eine wohlgeordnete, gut ausgedrückte Betrachtung über die historische Bedeutung Israels in seiner Wanderung (Ps. 105. 13.), womit zugleich der Vf. von seiner Gemeinde Abschied nimmt, um einem anderweitigen Rufe (nach Mecklenburg) zu folgen. Sie berechtigt zu Hoffnungen auf recht gediegene homiletische Leistungen. Ueber S. Pleßners „Vorträge." Ein Schreiben an den Herrn Verfasser. Sie waren so gütig, mir s. z. den ersten* Theil Ihrer Vorträge über das Gebet zu senden. Ich schrieb Ihnen wie viel Schönes, Herrliches, ja auck Neues sie enthielten, und da Alles aus reinem frommen Gemüth entspringe, so könnten sie auch ihre Wirkung auf fromme Gemütber nicht verfehlen. Zwar hätte ich Manches auszusetzen. So z> B. *) Als ob nicht gerade in der christlich - germanischen Welt die stärksten kirchlichen Aenderungen stattgefunden hätten! **) Sie wollen freilich auf alle Weise den irrigen Vorstellungen von der Bestimmung der religiösen Satzungen entgegenarbeiten, und aus sehr unglücklichen Menschen, empfehlen Sic Thränen als Mittel zur Andacht. Meines Erachtens können Thränen eben so wenig empfohlen werden, wie irgend, ein anderer Effect. Doch, schrieb ich, sind Ihre Vorträge über den Verfall des Gottesdienstes so herzerhebend wie Ihre früheren Leistungen, denen sämmtlich der verdiente Beifall geworden ist. Nachdem Sie nun so kunstreich wie gelehrt die Gebrechen der Synagoge geschildert, ihrer Krankheit auf allen Stufen gefolgt, alle Symptome Schritt vor Schritt aufgerechnet haben, so war es eine gerechte Erwartung, daß Sie als'verständiger Arzt im Verfolg Ihrer Vorträge die beste Heilmethode angeben würden, und Sie dieselbe wohl folgender Art aufstellen möchten 1) Daß man unser altes Chasan-Wesen aus der Synagoge zu dannen streben solle; da im Allgemeinen die Vorsänger weder der Sprache, noch des Gesanges kundig sind, ihnen also die Mittel fehlen, sich selbst zu erbauen, und sie um so viel weniger Vermittler vorstellen zwischen Gott und Gemeinde. Sie sind doch die Hauptursache, daß der Tempel öde und verlassen steht. Können sie den Geist der Andacht wieder erwecken, den sie durch rohe Unwissenheit verbannt haben? — Daher erwartete ich. Sie würden Chasanim wie aus den Zeiten des Talmuds vorschlagen, die damals Opferpriester genannt wurden, weil es die angesehensten sprach- und gesangskundigen Männer waren. Die Gegenwart solcher Männer vor der heiligen Bunbeslade würde die Gemeinde schon mit Ehrfurcht erfüllen und die Andacht befördern. 2) Daß die Gemeinde die Anordnung träfe, daß jeder Knabe, der zu seinem 13. Jahre als Mitglied der Synagoge ausgenommen wird, auch Proben seiner völligen Kennlniß der Gebersformeln ablegen müßte. Dies wäre bas nächste Mittel zur Besserung. 3) Die Piutim bedürfen durchaus, wie Sie (S. 168) einzuräumen scheinen, einer Säuberung und Verminderung; nur ein kleiner TheU derselben entspricht den Anforderungen zur Andacht neuerer Zeit. Trotz Zunz, Delitsch und und mehrerer ihrer Vertheibiger, ist durchaus nichts von Poesie bei ihnen anzutreffen. Selbst die französischen, wovon Herr vr. Zunz in der Judenzeitung Proben gegeben, sehen ihren Brüdern so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Daß deren Verfasser gesetzkundige, fromme und heilige Männer waren, wirb kein Gegner leugnen, aber Dichtertalent hatten nur wenige. Wenn nun diese wenigen geformt und gesäubert würden, so sollten sie zur Andacht benutzt und der Jugend beigebracht werden. Wieder ein Schritt zur Besserung. 4) Daß, da Sie in jeder Zeile Gesang beim Gottesdienst als Hauptbedingung machen, die alte Weise, die Piutim vorzutragen, abgeschafft und dafür gehöriger Choralge- I sang eingerichtet werden müßte. Durch diese Mittel wür-! den nun Ihre und eines jeden Frommen Klagen wegfallen.! Der Vortrag von sach- und fachkundigen Männern bei > geordneter Andacht würde manche Uebel von selbst tilgen, j und der neue Gottesdienst würde anlockend genug sein, um die verwais'ten Gotteshäuser wiederum zu füllen. Kopenhagen und andere Städte gehen bereits mit einem lehrreichen Beispiel voraus. In der Erwartung nun, daß Sie alles Obige in der Fortsetzung Ihrer Vorträge beherzigen und auseinandersetzen würben, erhielt ich den Schluß Ihrer Vorträge. Aber, guter Gott, kann der menschliche Geist, durch Vorurtheil geblendet, sich so von der ebenen Straße der gesunden Vernunft entfernen? Sie schlagen ja auch nicht eins von diesen Mitteln vor. Ihr Universalmittel soll den Stoff der Krankheit vermehren, nämlich Sie wollen die leider schon längst von Maimonides, Aben Esra und so bis auf uns von Manchen zweckwidrig gehaltenen Piutim mir Feuereifer wiedie durch viele Anlässe im tiefsten Elende schmachten, gute, tüchtige, nützliche und glückliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft machen. Das ist wahrlich ein sehr wichtiges Moment und die ächte Aufgabe der Dolkslehrer! D. H.