Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 35 (30.8.1839)
- Date
- 1839-08-30
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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279 den zahlreichen Gleichgesinnten lebhaften Enthusiasmus erzeugt. Merkwürdig ist es jedoch, daß ihnen die früher» Schriften desselben Vrfs. kaum dem Namen nach bekannt sind, was zu beweisen scheint, daß es ihnen mit ihrer eigenen Erbauung und mit der Ausbildung und Befestigung ihres Systems kein wahrer Ernst sei. Das Talmudstudium, wie es bisher betrieben worden, hat in der Thal innere Religiosität auf keine Weise gefördert, das Gemüth vielmehr ganz leer ausgehen lassen, und nur Witz, Scharfsinn und — Disputirsucht genährt. Es ist daher diesen Talmudisten, die nicht selten innerlich in einem gewissen Grade Skeptiker und Indifferentisten sind, häufig dlvs darum zu thun, sich zu unterhalten und sich geltend zu machen, weßhalb ihre Kinder auch oft einen ganz andern Weg einschlagen, und auf eine skandalöse Weise gleichsam aus Trotz sich über wichtige Religionsgebote hinwegsetzen. Es ließen sich vielleicht noch andere Thatsachen anfübren, die den Werth solcher Frömmigkeit mehr als zweifelhaft machen würben. — Hinsichtlich der bürgerlich gewerblichen Bestrebungen dagegen ist unsere Jugend nicht zurückgeblieben. Es haben sich in neuerer Zeit tüchtige Handwerker aller Art gebildet, deren viele aber, da sie bei ihrer Niederlassung auf unüberwindliche Hindernisse stießen, zur Auswanderung sich entschlossen. Die meisten gingen nach Amerika, mehrere nach Paris (wo die Gebrüder Heilbronner aus Kellheim eine sehr bedeutende Fabrik errichtet, für die sie viele deutsche Mädchen ihres Glaubens verschrieben), einige nach Griecherland. Manche unterstützten von dort aus ihre zurückgebliebenen armen Eltern mit beträchtlichen Summen. Heuer sind auch bei uns mehr ausgewandert als sonst, und haben noch Mehrere, zum Theil ganze Familien, Vorbereitungen getroffen, das nächste Jahr jenseits des Oceans sich anzusiedeln. Möge der Segen des Herrn sie geleiten! Auf mich machen diese Auswanderungen immer einen erhebenden Eindruck, so traurig auch die Veranlassung dazu ist. Gab es doch Zeiten, wo der Israelit keine solche Freistätte fand, keine Zuflucht hatte, wenn er gedrückt wurde, wo es ihm nicht einfiel, sich ein Vaterland zu suchen, wenn er in seinem Wohnort nur athmen durfte, und wie viele unserer Glaubensgenossen beneiden uns noch jetzt um dieses Auswanderungsrecht! Eins nur mißfällt mir, daß auch junge Leute auswandern, die nichts Tüchtiges erlernt haben, und die nur den Kleinhandel betreiben können, und baß sich diesen sogar in Amerika, den Briefen der Auswanderer zufolge, manche Professionisten, ihre Profession verlassend, anschließen, um mehrere hundert engl. Meilen landeinwärts hausiren zu gehen. Es wirb noch viel brauchen, bis wir die uns in den früher» Jahrhunderten aufzebrungene Schmach ganz abgewälzt, bis der Sinn für bürgerliche Gewerbe und Vorliebe für den Handwerks- und Bauernstand sich der untern Klasse ganz bemächtigt haben werden. Wir können nicht genug dafür thun, diesen Sinn und diese Vorliebe zu wecken und zu beleben. Amsterdam, 12. August. — Am?. d. M. feierte die hiesige nieder!, israel. Armenanstalt für alte Männer und Frauen den 6. Jahrestag ihrer Stiftung. Der Präsident der israel. Armendirertiön (/irmbestuur), Herr Eantvnsrichter T. Boas, gab bei dieser Gelegenheit in emer kurzen, doch herzlichen Rede Bericht von dem jetzigen Zustand dieser Anstalt, wie auch von dem damit verbundenen Krankenhaus und der allgemeinen Armenpflege der niederl. israel. Gemeinde. Im vergangenen Jahre (Aug. 1838 — 39) wurden in der erstgenannten Anstalt 81 alte Leute verpflegt, von denen l5 gestorben; (um ausgenommen zu werden muß man wenigstens 70 Jahre erreicht haben; kränkliche Leute aber werden schon zu 05. zugelassen.) — Von den 15 erledigten Stellen waren 11 schon wieder durch eine von der Direction getroffene Auswahl besetzt. Die übrigen 4 blieben zur Verfügung Derjenigen, welche jährlich zur Stiflungskasse beisteuern, und wurden bei dieser Feierlichkeit durch öffentliche Verlosung angewiesen. Außer dieser freiwilligen jährlichen Beisteuer, welche ungefähr fl. 4500 beträgt, den Beiträgen von der Landes- und Stadt-Obrigkeit, der Gemeindekasse und des stehenden Kapitals der Anstalt selbst, war auch an Vermächtnissen und außerordentlichen Gaben fl. 355? eingegangen, worunter ein Legat von fl. 984,50 von dem in London verstorbenen Herrn Peter Eäsar Labouchöre, und fl. «80 als Antheil von der durch S. k. H. dem Großfürsten vön Rußland gespendeten Gabe. Die Direction bezeugte ihre Zuftiedenheit mit dem Betragen der alten Leute, und versichert, daß sie sämmtlich für die Wohlthar, jetzt der tiefsten Armutb entrückt, ihre Lebenszeit ganz sorgenfrei und mit allen Bequemlichkeiten versehen hier zubringen zu können, stets ihren wärmsten Dank zu erkennen gaben. Alle waren, sehr reinlich gekleidet, bei dieser Feierlichkeit gegenwärtig. Bedeutende Erweiterung des Raumes wird künftiges Jahr möglich machen, die Anzahl der Aufgenommenen bis auf ungefähr 100 zu bringen, welche Zahl dem Bedürfnis der Gemeinde in dieser Hinsicht auf die Dauer entspricht. Im Krankenhause wurden im verflossenen Jahre 203 Kranke, 80 chirurgischer Hülfe Bedürftige und 14 Wahnsinnige verpflegt, worunter 1? Kranke und 3 Irre, welche hier nicht wohnhaft sind, und wofür die Kosten, was die Ausländischen betrifft, von der Landesregierung vergütet sind. Don der Gesammtzahl sind 200 genesen, 43 gestorben und 54 noch unter Behandlung. An 402 Wöchnerinnen sind, außer unentgeldlicher Geburtshülfe, Kleidungsstücke, Lebensmittel u. s. w. ausgetheilt worben. Eine große Anzahl Kranker haben in ihren Häusern ärztlichen Beistand und Heilmittel bekommen, so daß die Anzahl der abgegebenen Recepte sich auf 24605 beläuft. 201 Verstorbene sind aus der Armenkasse mit Todtenbekleidung u. s. w. versehen und beerdigt worden. — Obiges ist ein genauer Auszug aus dem mir vom Präsidenten mitgetheilten Bericht. Ich füge nur die Bemerkung hinzu, daß die Ausbreitung und zweckmäßige Anordnung dieser Anstalt, vereinigt mit den jüngst gemachten religiösen Einrichtungen in den Armen-Colonien Fredriksoord und Venhuisen, einen sichtbaren Einfluß auf die Verminderung und endliche Abschaffung des Bettelns unter den hiesigen Juden haben muß, welches von allen Wohlgesinnten sehnlichst gewünscht wird. Bemerkung zu unsrer Note S. 211. So eben empfangen wir aus Tarnopol von dem verehrten Kritiker, dessen ausgezeichnete Verdienste um die Literatur wir in vollem Maße anerkennen, einige Aufschlüsse über sein, übrigens offen vorliegendes, von uns lediglich im Interesse der Wissenschaft gerügtes Verfahren in den Anmerkungen zu Lerem Chemed, B. IV., und es gereicht uns zum Vergnügen, daß er nicht bloß hierbei jede ihm zur Last gelegte Absichtlichkeit von sich weist, sondern auch gleichzeitig in der Angelegenheit des Dr. Geiger (Zeitschr. letztes Heft) sich von jeder ungerechten Intention völlig frei erklärt. Jenes ist uns um so erfreulicher, als wir daneben durch die außerdem eingetretene Privatverständigung zu der Hoffnung berechtigt werden, daß die unschätzbare Sammlung hebräischer Dokumente, Alterthümer und Forschungen, welche mit jedem neuen Bande an Interesse zugenommen hat, ohne an wackern Mitarbeitern einzubüßen, ihren weitern Fortgang haben werde. So wird durch das schöne Band der Eintracht, mit Beseitigung kleinlicher Privatrücksichten, die Wissenschaft gefördert, und ein solcher Geist wahren gemeinnützigen Strebens wird unsrer Zeit zum Ruhme gereichen. Den 211 besprochenen historischen Gegenstand wird Herr Rapaport durch eine Abhandlung in den Annalen selbst beleuchten, und zugleich unsre Bedenklichkeit gegen einen Punkt desselben zerstreuen; wir freuen uns auf diese für die Geschichte ohne Zweifel sehr lehrreiche Arbeit, und werden gern, durch gründliche und triftige Beweise überwunden, der Wahrheit die Ehre geben. D. H.