Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 35 (30.8.1839)
- Date
- 1839-08-30
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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277 jeden Geschäftsverkehr, jede gegenseitige freundschaftliche Annäherung mit Christen an allen ihren Feiertagen und in Palästina sogar drei Tage vor denselben für verpönt (H. Accum c. 9); er nimmt von jedem Israeliten, der ein Stück Vieh schlachtet, für die Ahreoniden den Bug, die Kinnbacken sammt der Zunge und den Magen in Anspruch (H. Biccurim c. 9); er erlaubt eine am Sabbath ausgebrochene Feuersbrunst nicht einmal durch einen Nichtjuden (wenn dieser es nicht unaufgefordert thut) löschen zu lassen, geschweige selbst zu löschen (H. Sabbath c. 12). Folgten wir seinem Ausspruche, so dürften auch ledige Frauenzimmer nicht entblößten Hauptes auf der Straße gehen (H. Issure-Biah c. 21, §. 17), die Leichenträger keine Schuhe anhaben (». Abel c. 4, §, 3), diejenigen, die einen Kranken besuchen, weder auf einem Stuhle noch auf einem Sopha u. dgl. sitzen (ibid. c. 14, §.6), müßte der Leidtragende das Haupt verhüllen, alle Betten in seinem Hause Umstürzen und auf umgestürzten Bette liegen (ibid. c. 5, §. 18, 19, widrigenfalls er am ersten Tage der Trauer ein mosaisches s!) Gesetz überträte). Alles nach dem Talmud, den er durch sein Compendium, in dem er ein für alle Mal abschließt, für die Praxis wenigstens entbehrlich zu machen hoffte. Wer weiß nicht, daß alle diese Bestimmungen in unsern Gegenden bereits vor vielen Jahrhunderten außer Kraft gekommen, und zum Theil schon zur Zeit dieses großen Lehrers außer Kraft waren? Es wird dies gewöhnlich, und zwar mit vollem Rechte, entgegengesetzt der vor Kurzem wieder vielseitig aufgefrischten Behauptung, daß starre Unveränderlichkeit Charakter des Judenthums sei/ Merkwürdiger jedoch und fruchtbarer wird diese Betrachtung, wenn wir sie weiter verfolgen, und die Entdeckung machen, daß diese Gesetzreformen, rc8p. Abweichungen vom Talmud, in den finstersten Jahrhunderten zu Stande gekommen, und Autorität erhalten von Männern, die vom Licht der Wissenschaft unberührt, ganz und gar in jenem lebten und webten. Wie kommt es nun, daß diese Rabbinen, die dem Talmud ihre ganze Geistesbildung zu'verdanken hatten, und deren Orthodoxie kein Mensch je nahe getreten, so oft über denselben hinausgingen, und das Gesetz, das unter der Hand des so lange theilweise verketzerten Maimonides noch mehr erstarrt, in selbstständiger Kraft fortbildeten? Dieses Räthsel schwindet durch einen Blick auf die Länder, in denen sie geblüht. Sie wohnten nämlich unter Völkern von deutscheuropäischer Gesittung, deren Geist auch auf die Juden, trotz der innern und äußern Schranken, die sie von aller Welt trennten, mächtig eindrang, und sie nöthigte. Alles, was mit denselben gar zu grell contrastirte, abzulegen. Den neuen klimatischen, staatsgesetzlichen und häuslichen Verhältnissen, an die man früher nie gedacht, und die mit unwiderstehlicher Gewalt sich geltend machten, mußten die alten Bestimmungen weichen, und Concessionen gemacht werden. Der Verfasser des ,,Mischneh Thorah" hingegen blieb dieser Evolution ganz fremd, seine Lebensrichtung und Anschauungsweise war noch durchweg die talmudisch-orientalische, da er stets unter Arabern im Orient (wozu das maurische Spanien allen seinen Verhältnissen nach gehörte) lebte. Es zeugt also von krasser Unwissenheit und erbärmlicher Beschränktheit, wenn man den Einfluß des umgebenden Mediums leugnen will, oder durch einige Phrasen Niederhalten zu können hofft. Daß dieser Einfluß von jeher äußerst wirksam gewesen, haben wir so eben erfahren; wenn er aber in unserer Zeit so sturmartig hereingebrocheu, und so gewaltige. Vielen unerwartete Umwälzungen der gesammten Denk- und Lebensweise hervorgebracht hat, so ist dies eine natürliche Folge des vorangegangenen langen innern Stillstandes, der schnell gefallenen Schranken, der plötzlich veränderten Stellung, der rasch gestiegenen äußern Cultur und Civilisation. (Schluß folgt.) Nachrichten und Correspondenzen. Aus dem Regierungsbezirk Koblenz. (Im August.) — Schon mehrmals lasen wir in Ihrem geschätzten Blatte Berichte aus unserm nachbarlichen R. B. (Trier), und noch ist aus dem hiesigen keine Stimme laut geworden, die etwas von unsern jüdischen Verhältnissen der Welt vorlege. Sollte es vielleicht an Stoff dazu ermangeln? Sollten hier einerseits keine Bestrebungen nach dem Bessern bei Vielen vorhanden fein,, welche die öffentliche Anerkennung und Aufmunterung, so wie andererseits gar keine Reaction gegen Fortschritte sich vorfinden, welche den gerechten öffentlichen Tadel verdienen? Weit entfernt! Zu beidem ist Stoff vorhanden. Vorläufig folgt hier eine einfache Darstellung der Verhältnisse. 1) Kirchliche Zustände. Hierüber ist leider wenig Günstiges zu berichten. Denn obgleich eine große Anzahl der hiesigen Religionsgenossen wirklich nach Verbesserung sich sehnt und wir sogar viele höher gebildete Männer unter uns zählen, so ist dennoch überall der alte Schlendrian noch im Gange, und es fehlt auch die Aussicht, daß dies in Kurzem anders werde. Fast keiner der unnützen Gebräuche, die seit Jahrhunderten den Gottesdienst entstellten und die Andacht störten, ist verschwunden, und an wirkliche Reform derselben ist gar nicht zu denken. — 2) Schulwesen. Hier sind schon. Gottlob! Lichtseiten hervorzuheben. Mehrere Gemeinden, z. B. Simmern, Beitelstein, Neuwied re. haben eigene, mitunter wohleingerichtetc Schulen und sehen mit Freuden ihre Kinder durch dieselben zu tüchtigen Menschen heranbilden. Diesen Gemeinden wird hie und dh von der Stadtkasse Unterstützung zu Theil, und es ist besonders hierin die Kreisstadt Simmern zu rühmen, wo mit wahrhaft humanem Geiste die jüdischen Glaubensgenossen in dem strengsten Sinne des Wortes emanzipirt sind. — Auch zeichnet sich die hiesige israelitische Schule, welcher früher eine geräumige Zeit der tüchtige Lehrer Levy aus Trier (gegenwärtig in Trier segenreich wirkend) Vorstand, und welche durch den eben so tüchtigen, redlichen und kenntnißreichen Lehrer M. Block aus Bernkassek geleitet wird, auf das Vortheilhafteste aus. — Um