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Israelitische Annalen · 1839-08-30 · Heft 35 (30.8.1839) · p. Seite 276

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 35 (30.8.1839)
Date
1839-08-30
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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276 Grundsätze enthält, welche der Mensch mit bloßer Vernunftforschung herausbringen kann, während die Lehre Mosis eine große Menge Gesetze über Opfer, Priesterkasten, Speisen, Verwandtschaftsgrade, Saaten, Kleider, Feste, Kriege, Rechte, ic. vorschreibt, deren Grund nur der weiß, welcher sie anbefiehlt. Ueberdieß erscheinen diese Üebungen nicht als Mittel, sondern als Selbstzweck, weil von ihrer Beobachtung die Ausführung nicht bloß des mit Israel, sondern auch des mit den Patriarchen geschlossenen Bundes abhängig gemacht wird, s. veut. VH. 12. Der andere Unterschied liegt in der Form. Die Mosaische Lehre macht das, was in der Abrahamischen freier Wille war, zu verpflichtendem Gesetz. Abraham folgte nur den Eingebungen seiner Vernunft und dem Antriebe seines Herzens, aber die Zsraeliten wurden durch einen Bundesschluß verpflichtet, und dursten sich diesem nicht entziehen. Hiernach ist nun das große Mysterium der Erwählung Israels nicht genügend aufgehellt, und was Sie darüber sagen, stößt auf eine große Schwierigkeit. Erlauben Sie mir, diese Ihrer reifern Erwägung vorzulegen. Sie sagen: Gott habe zu Bewahrern des Abrahamismus Diejenigen eingesetzt, welche von dem ersten Bekenner desselben abstammen, und sehen hierin die Absicht der göttlichen Weisheit, einst durch sie dieselbe Lehre über die ganze Erde zu verbreiten. Wenn dies das Ziel der Erwählung Israels ist, so müssen wir auch begreifen können, auf welche Weise die göttlichen Einrichtungen auf diesen Zweck hinwirken. Es muß eine Uebereinstimmung und Beziehung statt finden zwischen Mittel und Zweck, man muß sehen können, wie dieser durch jene gefördert werde, und wie jene zur Erreichung des Zweckes hinstreben; sonst fehlt es Ihrer Muth. maßung an Stützpunkten. Welche Beziehung finden Sie denn nun zwischen den Ceremonial-Gesetzen, welche Gott den Israeliten streng zu beobachten befiehlt, und der Vxrbreitung der Lehre Abrahams, welches doch der einzige Zweck bei der Erwählung dieses Volkes gewesen sein soll? Sie behaupten ja sogar, daß die Israeliten ihre Mission nur erfüllen, indem sie bis an's Ende der Zeiten alle im Gesetz vorgeschriebene Gebräuche ausüben! Demnach muß doch wohl die Beobachtung dieser Vorschriften zu ihrer Mission gehören; welches ist denn diese wohl? Liegt ihnen ob, die Lehre Abrahams zu verallgemeinern, so läßt sich nicht begreifen, wie sie dieses Ziel durch Ausübung von vielen tausend Gebräuchen erreichen sollen, die mehr dazu bienen, sie von der großen Familie der Menschen auszusondern. Sie sehen also, daß in Ihrer Hypothese der Zusammenhang zwischen Mittel und Zweck fehlte, indem jene, von der göttlichen Weisheit allerdings gegebenen Gesetze, nicht zu dem Ziel hinführen, welches Sie als das Vorgesetzte bezeichnen. Es soll mir lieb sein, erst von Ihnen zu vernehmen, wie Sie diese Schwierigkeit beseitigen, und dann will ich Ihnen meine Ansicht darüber eröffnen. (Forts, folgt.) Maimonides und die Rabbirren der germanischen Welt, ein schlagender Beweis, daß der Einfluß des Lebens auf das Gesetz mächtiger als der der Wissenschaft. Von Rabb. A. Kohn. Die vielfältigen unsterblichen Verdienste des großen Maimoniden um die Wissenschaft des Iudenthums sind hinlänglich anerkannt, und Jedem, der sich in der jüd. Literatur nur ein wenig umgesehen, zur Genüge bekannt. Das Iudenthum hatte vor und nach ihm hochgefeierte Jünger der Theologie, die sich auch im Felde der Wissenschaft, der Philosophie ihrer Zeit, Lorbeeren gesammelt; unserem Mose Ben Maimon ist jedoch Keiner zu vergleichen. Er war der Erste, der auf der Höhe seiner Zeit, ja über seiner Zeit stehend, die ganze geistige Ausströmung derselben in sich ausgenommen, selbstständig verarbeitet, und sich zum klaren Bewußtsein gebracht, und mit dieser Fackel ausgerüstet, an die Hebung und Läuterung des von den Vätern überlieferten heiligen Schatzes ging, den er nach allen Richtungen untersucht, gewogen und gemessen, und von dem das unscheinbarste Theilchen seinem- Adlerblicke nicht entgangen. Kurz, wir kennen keinen Andern, der Meister der gesammten Theologie und Philosophie, wie er, eine Einigung und Verschmelzung beider angestellt hätte. Wie selbstständig er dabei verfahren, wie viel er der Philosophie eingeräumt, wie wenig er sich von alter Autorität blenden oder fesseln ließ, ersehen wir nicht nur aus seinem „Moreh", sondern auch aus seinem talmudischen Hauptwerke, wenn wir dessen dogmatischen Theil, oder die Stellen, wo er sich herbeiläßt, Ursachen der Gebote anzugeben, oder im Volke herrschende Meinungen und Vorurtheile zu bekämpfen,*) näher ins Auge fassen, beweist aber am bündigsten der heftige Kamps der Stocktalmudisten seiner Zeit (der französischen Rabbinen) gegen ihn, so wie der Feuereifer, mit dem der Autoritätsheros unserer Tage (Briefe über Iudenth. 18. Br.) sich gegen ihn waffnet. Stellt man uns jedoch die Frage: „Hat er etwa eine Reform des praktischen Iudenthums zu Stande gebracht oder mindestens angestrebt?" so müssen wir bekennen, daß er von der Nothwendigkeit oder Thunlichkeit einer solchen gar keine Ahnung gehabt, sich vielmehr in seinen Gesetzentscheidungen genau und ängstlich am Talmud hält. Einige Beispiele werden nicht überflüssig sein. Maimonides nimmt keinen Anstand zu lehren, daß der Mann 100 Frauen, sei es zu gleicher Zeit oder Eine nach der Andern nehmen dürfe (8. ischuth c. 14, 8 3), und seiner Ehegattin nach Belieben, ohne ihre Einwilligung, einen Scheidebrief geben könne (8. Kerusclüu e. 1, %. 2); er erklärt beinahe *) Wie erhaben über seine Zeit zeigt er sich z. B. in seinen Aeußerungen über Zauberei, Astrologie, Beschwörungen und Ahnungen (8. Accum c. 11, womit sich sicherlich viele Talmudstellen nicht ausgleichen lassen)! Welch ein Contrast hierin zwischen ihm und dem geistreichen, sonst so freisinnigen Ebn Esra!

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