Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 35 (30.8.1839)
- Date
- 1839-08-30
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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275 Schreiben aus Gallizien. * *) (Vom Vecf. des Aufsatzes in No. 22.) Den Aufsatz: Tradition und Talmud (No. 26), welcher mein? Ansichten zu widerlegen strebt, habe ich gelesen, und zunächst mich gefreut, daß der Verfasser desselben nicht mit wilder Wuth auftritt, wie manche Schriftsteller, welche diejenigen, so mit ihnen nicht etnftimmen, auf mittelalterliche Art mit Schmähungen und Beleidigungen verfolgen, vielmehr mit Ruhe und Besonnenheit seine Entgegnung ausspricht, ohne Haß und Feindschaft, ohne Hohn und Verachtung, welches hinlänglich beweiset, daß eine edlere Absicht und gebildetere Denkart ihm die Worte eingiebt. Da es indeß Jedem, der öffentlich Behauptungen macht, obliegt, seine Ansichten zu rechtfertigen, so bin ich bereit. Alles, was ich in meinem Aufsatze ausgesprochen habe, zu begründen, und meines Gegners Erinnerungen zu widerlegen, und werde auf's Unwidersprechlichste darthun, daß aus den vielen Mängeln und Irrungen des Thalmud allerdings sich ergiebt, wie dessen Verfasser nur ftaubgeborne Menschen waren, aus denen nicht stets Gottes Geist sprach, und daß sie nicht überall Gottes Wort verkünden. Hiemit verbinden wir denn den allgemeinen Grundsatz, daß, was sie mit ihrem Verstände, dem Mcnschen-Verftande, entwickelten, auch der Prüfung anheimfällt, der uns von Gott gegebenen Vernunft, durch welche wir Gutes vom Bösen, Wahres von Falschem, Nützliches von Unnützem unterscheiden; daß auch ihre zum Frommen ihrer Zeiten getroffenen Einrichtungen in unsrer Zeit allerdings verändert und abgeschafft werden können, und man sie durchaus nicht als unabänderliches Wort Gottes anzunehmen habe. Diese meine Meinung ist das Ergebniß einer völlig vorurtheilsfreien anhaltenden Forschung, einer sehr fleißigen Beschäftigung mit dem Thalmud, und eines sorgfältigen Studiums der Quellen und sehr vieler Werke der alten und der neuern Zeit, sowohl der strengsten Anhänger der Tradition, als der Zweifler und der wenigen Bekämpfet' derselben. Es ist aber die Pflicht eines Jeden, welcher es wagt, seine Gedanken niedcrzuschreiben, alle in demselben Fache bereits früher ausgeschriebenen Ansichten näher zu kennen, und einer sorgfältigen Würdigung zu unterziehen. Dies ist *) Ebenfalls hebräisch eingegangen und von mir frei übertragen. I. bei vorliegendem Gegenstände von besonderer Wichtigkeit. Ist schon bei jedem Meinungsstreite der Jdeentausch das beste und sicherste Mittel, um zur Wahrheit zu gelangen, sobald nur achtes Streben nach Wahrheit, nicht Eigensinn, Rechthaberei, Ansehen der Person, Ehrsucht, und sonstige Nebenzwecke, die Streitenden erfüllt; so ist dies noch weit mehr in einem Kampfe um religiöse Wahrheiten der Fall, wo außer der natürlichen Sucht, seine Ansicht für die einzig richtige zu halten, noch die Furcht vor jeder Abweichung von dem Herkommen hinzutritt, indem dieses durch die Zeit geheiligt erscheint. Da bedarf es also einer ganz besonder» Vorbereitung und eines ernsten Entschlusses, die Wahrheit anzuerkennen, und seine eigene Ideen, seien sie noch so alt, aufzuopfern; denn das Alter ist kein Beweis für die Wahrheit, und die bloße Herkömmlichkeit kein bindendes Gesetz für die Nachkommen. Diese Einleitung schien mir nothwcndig, bevor ich auf meines Gegners Einwendungen eingehe, wonach der Herausgeber der Annalen entscheiden möge, wer von uns Recht habe. *) Bemerken aber muß ich, daß fast alle Einwendungen meines Gegners meist wörtlich im Zweiten Cusari, oder Matte Dan von David Nieto, und zwar in den ersten vier Gesprächen zerstreut, wo er die Karaiten bekämpft, zu finden sind. Ich habe mich wundern müssen, daß er mich mit den Karaiten auf eine Stufe stellte, da ich mit diesen gar nichts gemein habe, wie meine ausdrückliche Verwahrung besagt. Doch dies mag als eine kleine Uebereilung auf sich beruhen. (Forts, folgt.) Briefwechsel über religiöse Zustände. «. 2. R. an S. D. L. (Fortsetzung.) Diese Betrachtungen haben mich darauf gebracht, zwischen der Lehre Abrahams und der des Moses zwei Unterschiede, einen so zu nennenden materiellen und einen formellen, zu finden. Erstlich bemerke ich, daß die erstere nur aus rein rationalen Elementen besteht, und nur solche . .£ *) Er wird sich niemals eine Einmischung in dergleichen Streitigkeiten erlauben, und hält sich dazu gar nicht für befugt. Die Discussion, mit Würde geführt, muß ganz freien Lauf haben. Indeß werden wir immer nur dasjenige aufnehmen, was der Sache neues Licht giebt. D. H. 35»