Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1839-08-30 · Heft 35 (30.8.1839) · p. Seite 274

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 35 (30.8.1839)
Date
1839-08-30
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3133765-3133766-3133802--0314-3134442
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

274 Eine dritte und, wie mir scheint, auf israelitischem Boden ganz neue, Ansicht ist die, welche im „Lehrbuche der israel. Religion", das auf Veranstaltung der kön. israel. Oberkirchenbehörde zum Gebrauche der Synagogen und^ israel. Schulen Württembergs (Stuttgart 1837) herausgegeben worden, S. 71 ausgestellt wird. Da wird dieses Dogma folgendermaßen erläutert: Nach der Verheißung unsrer Propheten wird ein außerordentlicher Lehrer, LlasolriaoK (Gesalbter), aus Davids Geschlecht, den wir noch zu erwarten haben, Gründer des großen Gottesreichs sein. Unwillkührlich drängt sich uns die Frage auf: „Warum gerade aus Davids Geschlecht? da wir von einem erbeigenthümlichen Lehramte in seinem Hause nirgendher etwas wissen." Wirklich ist dies in dem dazu gehörigen „Confirmanden-Unterricht" weggelassen, wo S. 9 der zwölfte maimonidische Glaubensartikel mit den Worten gegeben wird: „daß Gott dereinst! einen außerordentlichen Lehrer (Maschiach) senden wird" u. s. w. Fragen wir nach den Gründen, so erhalten wir als Belegstellen Jes. 11,1—5, Jerem. 33,15, Ezech. 37,24—26, wo überall nur von einem sehr weisen und gerechten Herrscher und Richter, nirgends von einem Lehrer die Rede ist; ferner Zach. 14, 9, Jes. 32, 17 (?), wo die Herstellung eines Gottesreiches, um bei diesem Ausdrucke zu bleiben, verheißen wird, aber nicht durch einen einzelnen Menschen, durch einen außerordentlichen Lehrer. Eine so außerordentliche Thatsache, die ein Wunder über alle Wunder, von denen uns in der heil. Schrift erzählt wird, enthält, bedürfte wahrlich anderer Beweise, um ohne Weiteres Glauben zu finden. Maimonides llilvd. Theschuba, v. 9, §. 2, äußert zwar, daß jener König aus dem Stamme! Davids (der Messias) an Weisheit Salomon über-! treffen und als Prophet Mose nahe kommen, daß er das ganze Volk belehren werde u. s. w.; aber er bleibt doch immer ein König, der durch seine fromme Regierung Recht und wahre Gotteserkenntniß zu fördern hat, und die ganze Schilderung ist nach der Weise der Agadisten, die more poetico Alles concret und unmittelbar darstellen, und David und seine Helden — um dieselben sich so nahe als möglich zu rücken — als gelehrte Rabbinen sich denken, deren Heldenthaten glückliche Disputationen sind. In der angeführten Hauptftelle Hil. Melachim hingegen, so wie in seinem Mischnah- Kommentar zu Sanhedrin X, 1, erklärt er ausdrücklich die Erlösung Israels von allem, die religiössittliche Vervollkommnung hindernden, zeitlichen Drucke für die einzige wahre Legitimation und Hauptaufgabe des zu erwartenden Messias, durch den auch nicht mit einem Male das Reich des einigen Gottes gegründet werden, sondern unter dessen Aegide es erblühen soll. Der gemeine Glaube der Synagoge hat sich überhaupt den persönlichen Messias nie anders gedacht, denn als einen von Gott beschützten Erlöser, der die äußeren Hindernisse des Gottesreiches heben wird, und nur als Vorläufer desselben einen großen Lehrer — den Propheten Eliahu — erwartet, der kommen soll, um die Herzen Gott zuzuführen und Frieden in der Welt zu stiften. Dieses Dogma hat zwar bei uns lange nicht die Wichtigkeit, die es im Christenthum behauptet; aber darum dürfen wir es doch nicht ungerügt lassen, wenn uns ein fremder Messiasbegriff unbemerkt eingeschmuggelt wird, wodurch freilich der Zusatz nöthig wird: „den wir noch zu erwarten haben". Es hängt nämlich Alles von der Frage ab, ob ein solcher außerordentlicher Lehrer aus dem Stamme Davids etwa schon gekommen sei oder nicht. Wer sieht nicht, auf welch einen engen und gefährlichen Steg wir ohne Noth hingedrängt werden! Je größer die Autoritär des Buches, das von der israel. Oberkirchenbehörde für alle Synagogen und israel. Schulen Würtembergs vorgeschrieben und von sämmtlichen Rabbinern des Landes approbirt worden, desto weniger dürfen wir ein Auge zudrücken. Ich erlaube mir daher an diese Herren die Frage zu stellen, wie so sie die Lehre vom Messias, wie sie im Buche aufgestellt wird, als mit der heil. Schrift übereinstimmend und den richtigen Ausdruck der Kirche (re8p. Synagoge) enthaltend (Vorrede, S. XIV), haben erklären können, und sie um Aufklärung zu bitten, die der Herr Redakteur wohl in diese Annalen gefälligst aufnehmen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.