Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 34 (23.8.1839)
- Date
- 1839-08-23
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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266 nen und Erzählungen der verschiedenen Völker durch, und es wird sich eine bemerkenswerthe Mannigfaltigkeit ergeben, welche hier zu entwickeln noch nicht der Ort ist. In der jüngsten Zeit haben mehrere Juden selbst ihren Zuständen eine poetische Seite abgewonnen, und in dichterischem Ergüsse ihr eigenes oder ihrer Genossen Schicksal besungen. Mehrere haben das ganze Leben der Juden zum Gegenstände romantischer Darstellungen gewählt. Diese Erscheinungen sind in den Annalen der Israeliten einer nähern > Beachtung würdig; und wir wünschten, daß sie mehrseitig beleuchtet würden. Wir möchten nun vorläufig -arauf verweisen, daß zwei Elemente in derartigen Darstellungen zu scheiden seien, nämlich die rein-poetische Auffassung und die mehr humane, welche letztere mehr oder minder den löblichen Zweck hat, verjährte Vorurtheile zu vertilgen, und zu einer allgemeinen Aussöhnung die Wege zu bahnen. Beide haben ihren besonder« Werth, nehmen aber in der Literatur ganz verschiedene Stellen ein, und müssen nach diesen verschiedenen Richtungen beurtheilt werden. Daß die rein-poetischen Figuren einen höher« und bleibender» Werth behalten, liegt in der Natur der Sache, da sie eben keinen relativen Zweck verfolgen, sondern ihre Wahrheit in sich selbst tragen. Daher z. B. ein Shylock, so sehr auch der Charakter in's Romantische hinüberschreiret, und in der schwachen Alltags-Welt seines Gleichen weder findet, noch finden kann, fast alle andern dramatischen Charaktere, die zu humanen Zwecken gedichtet werden, überragt und überleben wird. Man har freilich im vorigen Jahre in vielen Zeitungsblättern die Anecdote aus Leti wieder an's Licht gebracht, nach welcher in Rom ein Proceß der Art zur Zeit des englischen Dichters Statt gefunden haben soll, in welchem jedoch der Christ vertragsmäßig dem Juden ein Pfund Fleisch ausschneiden wollte; und aus diesem Geschichtchen beweisen wollen, daß der Dichter, von Vorurtheil geblendet oder den Thorheiten seiner Zeit schmeichelnd, die Sache umgekehrt habe, so daß im Shylock weder factische noch poetische Wahrheit zu erkennen sei. Allein abgesehen davon, daß diese Thatsache nur ein sehr untergeordnetes Moment bildet, wofür der Dichter ein anderes setzen konnte, haben die voreiligen Tadler übersehen, daß der große Dichter keineswegs aus einem Vorfall seiner Zeit geschöpft habe, sondern aus uralten Dichtungen, die schon im Oriente seit Jahrhunderten bekannt waren, und daß aus diesen auch die etwas abenteuerliche Composition des Kaufmanns von Venedig entstanden ist. — Wir bemerken dies besonders deßhalb, weil eine falsche Empfindelei gern die ungeheueren Härten im Shylock'schen Charakter von sich weift, als ob der Dichter in ihm alle Juden habe schildern wollen. Das! letztere ist aber nicht der Fall, obwohl man gestehen muß, daß der Charakter an sich die natürlichste psychologische Wahrheit entfaltet. Die humanen Darstellungen haben aber — wenn sie sonst mit poetischer Kunst vorgeführt werden, außer dem dichterischen auch ihren geschichtlichen Werth, und verdienen schon des Strebens wegen, besondere Aufmerksamkeit. In ihnen offenbart sich nicht nur das Talent ihrer Verfasser, sondern auch der Geist des Jahrhunderts, der Standpunkt der Humanität, auf welchem die Leser theilweise schon stehen, oder den sie durch die Zauberkraft der populären Dichtungen leicht betreten. So ist der Cumberlandsche Jude aus seiner Zeit hervorgegangen, im Ganzen jedoch nur unbedeutend, groß aber und stark wirkend Nathan der Weise, noch immer gern gesehen, obgleich er heute schwerlich entstehen würde. Die jüngere Zeiten haben ihre Aufmerksamkeit mehr auf Sittengemälde gerichtet, und wo die Humanität mitwirkte, hatte sie die bür-! gerliche Befreiung im Auge, wofern nicht die entgegengesetzte Ansicht die gesetzlichen Hindernisse derselben poetisch zu rechtfertigen sich bemühete, in beiden Hinsichten aber lagen ihr ob, thörichte Volksideen zu vernichten, und ein milderes Licht über die abftechenden Verhältnisse zu verbreiten. Wir dürfen die Werke dieser Art, wo Juden Haupt- oder Nebenpersonen bilden, — fast alle nur in deutscher Literatur erwachsen, weil in den andern Ländern, wo die Emancipation zur Sprache kam, die Sache ganz und gar politisch behandelt ward, und darum entweder ohne Rücksicht auf die Religion der Juden durchging, oder aus politischen Gründen zurückblieb, — als bekannt voraussetzen. Um so mehr aber dürfte ein Roman, welcher von einem Polen in französischer Sprache geschrieben ist, hier einer Erwähnung verdienen', in so fern er ebenfalls bezeugt, wie sehr selbst, unter dem Volke, welches am meisten mit Vorurtheilen gegen