Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 30 (26.7.1839)
- Date
- 1839-07-26
- Page
- Seite 236 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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236 ligen Bücher empfangen hat, und dennoch besteht dieses Volk, ungeachtet des Hasses der Völker, der grausamsten Verfolgungen, alle unerhört und doch alle von aller Zeit her verkündigt, ja mit klaren unzweideutigen Worten verkündigt, noch immer fort. Diese beispiellosen Schicksale beweisen die Wahrheit der alten Verkündigungen, und beweisen folglich, daß seine Bestimmung noch nicht am Ziele ist, und daß derjenige von Gott begeistert war, welcher sprach: „Wenn nun über dich kommen alle diese Dinge, der Segen und der Fluch" rc. (veut. xxx. 1. ff.) Hieraus ergiebt sich offenbar, daß dieses Volk seinen Beruf nicht getreu erfüllt, und sich der glorreichen Bestimmung, die seiner wartet, nicht würdig macht, wenn es nicht dis an's Ende der Tage den ihm von der Urzeit her im Gesetz gegebenen Vorschriften beständig treu anhängt. Nunmehr bleibt mir nur übrig. Ihnen, mein Lieber, einige Vorzüge meiner Theorie, oder wenn Sie wollen, Hypothese, zu zeigen, und einigen Einwendungen der Rationalisten, betreffend den Nutzen des Abrahamismus und den aus dessen Verbreitung für die Menschheit entstehenden Vor- Iheil, vorzubeugen. So lange Sie den Rationalisten als Ziel der Offenbarung die Mittheilung einiger Wahrheiten darstellen, haben sie immer recht zu antworten, daß die prophetischen Schriften kein Wissen enthalten, daß sie keine klaren und genauen Begriffe von der Gottheit, von der Seele, von der Bestimmung des Menschen, von der Tugend, vom Recht u. s.. w. darbieten; sondern vielmehr über diese Gegenstände mehr populär als wissenschaftlich handeln, was gewiß nicht sehp^eeignet sein dürste, Wahrheiten zu lehren. Hierzu werden sie noch bemerken, daß der mosaische TM auf den ersten Seiten einige Darstellungen enthält, denen der menschliche Verstand, nicht ohne sich Gewalt anzulhun, den Namen Wahrheit geben könne. Nach meiner Vermuthung aber hat die Offenbarung nicht zum Zweck, Wahrheiten zu lehren, sondern die Lehre Abrahams zu erhalten; und diese besitzt Gottes Beifall wegen der spekulativen Wahrheit, die sie lehrt, und der Tugenden, welche sie einflößt. „Ich habe ihn erwählt, sagt Gott vom Abraham, ich habe ihn erwählt, damit er seinen Kindern und seinem Hause (welches leben wird) nach ihm, befehle, wie es die Wege Gottes wandeln solle, ausübend Menschenliebe und Gerechtigkeit."*) 6ea. xvm. 19.) Hier stehen wir an der wichtigen Frage über den moralischen Werth des Abrahamismus, die ich also beantworte: Der Abrahamismus, wie er uns in allen Schriften des Iudenthums (sowohl in der h. Schr., wie bei den Rabbinen) bargestellt wird, bringt eine Sittenlehre bei, welche sich auf zwei Prinzipien stützt, deren eines völlige Hingebung anspricht, das andere mehr den Eigennutz berücksichtigt: nämlich auf wohlwollendes Gefühl und Gottesfurcht. Das völlig uneigennützige . Gefühl des Wohlwollens, daS *) Die Original-Uebersetzung lautet so: affinch’egli raccomandasse ai suoi figli ed alla sua famiglia (che vivrä) dopo di lui, in guisa che attengansi alla via di viv, esercitando umanitä e giustizia. D. H. Mitgefühl, daS dem Menschen angeboren ist, und nur oft durch den Egoismus und den berechnenden Verstand zu sehr unterdrückt wird, findet im Judenthume seine Nahrung und Erkräftigung, indem dieses oft sich auf's Gefühl beruft, und die frommen Gefühle dadurch desto beliebter und ehrwürdiger macht, daß cS sie der Gottheit selbst beilegt. So j. B. befiehlt es dem Gläubiger, welcher die Bettdecke in Pfand genommen hat, solche vor Abend zurückzugeben, und fügt die zarten Ausdrücke hinzu: Es ist ja sein einziger Schutz, die Hülle für seine Haut. (Wenn du sie ihm vorenthältst), wie soll er sich niederlegen? — Wenn er nun zu mir schreit, werde ich ihn erhören, denn ich bin mitleidsvoll! (Exod. xxn. 24. 25.) — Das Gebot, den Fremden nicht übel zu behandeln, wird mit folgenden Worten eingeschärft: Ihr kennt ja das Gemüth eines Fremdlings (nämlich, wie er sich niedergehalten fühlt), da ihr selber in Aegypten Fremdlinge wäret. (Das. xxui. 9.) An einer andern Stelle heißt es, nachdem gesagt worden, Gott sei der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, mächtige und furchtbare Gott, wird hinzugefügt, daß er der Waise und der Wittwe Gerechtigkeit thue, und den Fremdling liebe, ihm Nahrung und Kleidung gewährend; wozu der Schlußsatz: Und ihr sollt den Fremdling lieben, da ihr selbst Fremdlinge in Aegypten wäret, (veut. X. 17 —19.) — Es wird besonders anempfohlen, keine Beeinträchtigung des Fremden oder der Waise zuzugeben, oder der Wittwen Gewand zu pfänden: mit dem Zusatz: „Erinnere dich, daß du Sklave in Aegypten wärest." (Das. xxiv. 17. 18.) Jedermann weiß, daß die Erinnerung an Leiden, die wir selbst einst erduldet haben, dem natürlichen Mitleid mit Anderer Leiden stärkere Kraft giebt: bion iguara mali, miseris succurrere disco. Indem sich die jüdische Lehre so an's Gefühl wendet, sucht sie dasselbe uns werth und ehrwürdig zu machen. Und damit noch mehr die natürlichen Gefühle geachtet werden, wird auch befohlen, sie in den Thiercn ebenfalls zu beachten. Wer ein Vogelnest ausnimmt, soll die mütterliche Zärtlichkeit, welche zur Rettung der Küchlein das Leben wagt, nicht verkennen; er mag die jungen Vöglein nehmen, aber der Mutter soll er die Freiheit lassen. (Das. XX». «.) Die Wirkung dieser Gefühlsstärkung ist die allgemein herrschende Menschenliebe, welche zu nllen Zeiten den Ruhm der Israeliten ausmachte. Die Syrer sagen nach einer verlornen Schlacht zu ihrem Könige: Wir haben vernommen, daß die Könige Israels gnadenvoll sind. (1. Kön. XX. 31.) Die Thalmudisten sagen: wer nicht Erbarmen fühlt, ist nicht auö Abrahams Geschlecht. — Die Schmach aller alten Gesetzgebungen, die Folter, ist der jüdischen Gesetzgebung, der mosaischen sowohl wie der rabbinischen, unbekannt. Nur Herobes wendete sie an, er aber war ein Fremdling, ein Verächter der jüdischen Sachen und in allem Nachahmer der Römer. — Allgemein bekannt ist das Thalmudische: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst; auch für den Verbrecher wähle den minder schmerzhaften Tod. — Auch Thiere zu quälen ist den Thalmudisten zufolge, vom Gesetz verboten.