Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 30 (26.7.1839)
- Date
- 1839-07-26
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Freiheit, so vieles verwenden zu können; er war nicht bloß reich für die Hungrigen und Entblößten, sondern mehr für die Thätigen, für die Entwickelung aufblühender Thaten. Die Armen priesen ihn; es war ihm fast gleichgültig, unangenehm; was sie erhielten, hatten sie ein Recht zu fordern; aber junge Männer brachten ihm die Früchte ihrer Kunst, ihrer Wissenschaft, durch seine Pflege gediehen und erstarkt, und das war sein Genuß, seine Labung, doch alles nur für den Moment; der nächste ward wieder einer neuen Aussaat gewidmet; an Ernte dachte er nicht. Das war seine Freude, sein Wirken; durch Kummer nur dann getrübt, wenn offenbares Mißlingen ihn selbst berührte. Reicher noch an religiösen Empfindungen als an äußern Mitteln, suchte er nach Befriedigung des Gemürhs. Die Synagoge gewährte keine Andacht, keine Augenweide, keine Herzenslabung; die Gebräuche starr, die Töne betäubend, das Gebet kalt, herzlos, leere Gewohnheit, der Anblick betrübend. Er stand an der Spitze der Kirchenbehörde. Was that er? Er reformirte nicht, er verwarf nicht das Vorhandene, er hatte nichts anderes dafür. Er ergriff das Todte, und wärmte es an seiner Brust, er hauchte ihm ein Leben ein, wie es ihm zusagte, er schmückte es aus nach seinem Wohlgefallen. Es erstand auf seinem Gute eine freundliche Kapelle, in seiner Schule ein ansprechender Tempel, das lebendige Wort erweckte die Erstarrten, und eine gemüthliche Musik drang bis zum Herzen. Ohne Sprache erwarb er sich die Gabe der Ueberredung, ohne Musik erschuf er andachterregende Melodieen. Zur Ausführung verstand er gewandtere Jünger zu ermuntern. Dies war sein Wirken am Gottesdienste, stets versuchend und schaffend, und nach Befriedigung der religiösen Sehnsucht ringend. Sein Leben dauerte nur kurze Zeit, kaum ein Jahrzehnt der starken Blüthe, nicht ohne mannichfache Stürme und Leiden, aber ein reiches Leben, frei von armseliger Engherzigkeit, von geizigem Haschen nach kleinlichem Gewinn, von geiftesleerer und fruchtloser Kurzweil, und von so manchem Fleck, der oft am Gcldbesitze klebt; ein reiches Leben, in einem Jahre genußreicher als ein halbes Jahrhundert langsamen und ängstlichen Fortschleichens durch die düstere Rechenftube bis in das finstere Grab. Diese Charakteristik eines Mannes, der so unermüdlich für Israel beschäftigt war, darf man nicht außer Augen lassen, wenn man die Erfolge beurtheilen will. Die Planlosigkeit lag in der Quelle seines Thuns, und gerade sie ist von größerm Einflüsse geworden, als eine wohlberechnete Reform, wozu damals noch die Verhältnisse nicht reif waren. Auch in Berlin trat er nur mit einem sogenannten Privatgottesdienste auf, dessen gesetzliche Freiheit er allerdings durch eine mißverstandene Deutung dahin ausdehnen zu dürfen meinte, daß jedem beliebig die Theilnahme daran gestartet werden dürfte. Das ganze Wesen der Einrichtungen, die er traf, und die oftmals Aenderungen unterworfen wurden, obgleich der erste Versuch nur etwa 8 Monate geduldet ward, trug das Gepräge seiner Persönlichkeit. Der Gottesdienst glich dem der Synagoge in allen Hauptstücken, und war ihm wiederum in allen Beziehungen unähnlich. Wer mit dem Innern vertraut war, fühlte, daß hier eine tiefe Lebendigkeit sich zu entfalten strebte, und empfand eine gewisse Befriedigung, mit thärig sein zu können. Wer nichts davon verstand, sah darin etwas Neues, Glänzendes, Blendendes, und konnte bald sich über die schöne Wirkung einer äußern, ansprechenden Form im Voraus freuen, bald dies als eine Neuerung verurtheilen, welche Zwietracht und Verwirrung anftiften, oder mindestens die bestehenden religiösen Interessen gefährden dürfte. (Forts, f.) Briefwechsel über religiöse Zustände. S. D. L. an I. R. (Schluß.) Das hebräische Volk warb indeß nicht bloß dazu erwählt, um den Abrahamismus zu bewahren, und lediglich die Eapsarii *) der Nationen (wie der h. Augustinus sagt) zu sein, so daß es mit der bloßen Verwahrung des ihm anvertrauten Schatzes seinen Beruf erfüllt zu haben glauben dürfte, und nach Erledigung dieser Pflicht wieder in die große Familie Adams zurücktreten könnte und nur noch den ursprünglichen Abrahamismus zu halten brauchte. Diele Jahrhunderte sind bereits verstrichen, seitdem die Menschheit im Großen von diesem Volke den Schatz der hei- *) So hießen bei den Römern die Sklaven, welche den Kindern die Bücher zur Schule hin nachtrugen; nach einigen auch die Kleiderbewahrer in den Bädern. Das Erstere ist wohl hier in Anspielung genommen, nämlich, die Israeliten seien die Bewahrer der Bücher, die Hüter der Lade (e»psr»rium). D. H. 30»