Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 29 (19.7.1839)
- Date
- 1839-07-19
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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229 Nachdem in dem genannten, zwei Stunden vom DonnerSberg gelegenen freundlichen Städtchen eine sehr schöne Synagoge erbaut worden war, ssühlte man das Bedürfniß, dem Gottesdienste eine zeitgemäßere Form zu geben, und ihm namentlich durch Choralgesang eine höhere Würde zu verleihen. Und auch die Männer, einem solchen Vorhaben gewachsen, fanden sich in der Gemeinde. Herr Adler, Kaufmann, ein ausgezeichneter Musiker, und Herr Sulzbgcher, so wacker als Musiker wie als Lehrer*), Lahmen sich der Sache an, und brachten Alles zu Stande, was unter den gegebenen Verhältnissen nur irgend möglich war. Vorerst wurde das Reciliren der Gebete nach der von dem Herrn vr. Löwi in Fürth arrangirten Weise angeordnet, welche, ganz dem Sinn und der Bedeutung der einzelnen Gebete angemessen, eine sehr erhebende und Erbauung fördernde ist. Alles laute Beten der einzelnen Glieder hat! aufgehört. und werden ganz leise gebetet; den >i größten Theil des übrigen Gebets recitirt der Vorbeter ein-! fach und laut; die Responsorien werden vom Chore nach ergreifenden einfachen Choral-Melodien gesungen, oder vielmehr als Recitative gesprochen. Man hat drei solcher Re- \ citativweisen, nach welchen die Psalmen — jedoch bei weitem j nicht alle im Gebete vorkommenden — abwechselnd zwischen > Vorbeter und Chor vorgetragen werden. Für den eigentli-; chen Gesang bei'm Sabbath-Gottesbienst sind bestimmt: Leij cha Dodi; Barclay Mi kamocha (Recitative) und Veschainru; i dann Hallelujah (Ps. 150), Schochen ad und die kurzen j Gebete bei'm Herausnehmen und Hineinstellen der Thorah; Ln keloheuu (Recitativ, abwechselnd zwischen Vorbeter und Chor) macht den Schluß. — Die Gesänge wurden theils aus bereits vorhandenen, zu diesem Zwecke arrangirt, theils von den beiden oben genannten Herren und einigen musikalischen Freunden eigends componirt. — Den Chor hat Herr Sulzbacher aus seinen (Feier- und Werktags-) Schülern gebildet und eingeübt auf eine Weise, die dem Lehrer und seinen Zöglingen sehr zur Ehre gereicht. Es werden da j drei und vierstimmige Gesänge mit einem so reinen und j richtigen Tone und mit einem solchen Lnsemble ausgeführt, j daß der Gottesdienst zu K. an den Festtagen zu dem Feierj lichsten und Erhebendsten gehört, was es in dieser Beziehung! gibt, so daß auch an solchen Tagen das große Gebäude von j Bekennern jeder Confession dicht angefüllc tst. Ein solch günstiger Erfolg läßt sich nun freilich nicht überall erreichen: solche Männer, wie Herr Adler und Herr Sulzbacher, sind unter uns selten; die übrigen j Verhältnisse auch selten so übereinstimmend, wie in K. — Aber Annäherndes läßt sich allenthalben erzielen; allenthalben fühlt man ja, daß die bisherige Weise des Gottesdienstes weder eine würdige noch erbauliche ist; allenthalben lassen sich einige einfache erhebende Gesänge einüben, die einstweilen als Uebergang zu einer bessern Anordnung im Gottes¬ *) Ich hoffe, Herr S. wird seine Ansichten über Synagogengesänge nächstens in diesem Blatte niederlegen und dürften solche für die beregte Sache von vielem Interesse sein dienste ersprießlich sein werden. — Eine durchgreifende .Reform zwar ist Unmöglichkeit geworden; aber der Grund zu einer solchen kann gelegt werden — und dieß vorzüglich durch Iugendkehrer. Don diesen erwarten wir auch als den Religionslehrern, Aufklärung und Grundlegung zum Fortschritt, worin der gebildete Theil der Israeliten ihnen gewiß seine Unterstützung nicht versagen wird. Möchten nun diese wenigen Worte den Zweck erreichen, den wir uns bei'm Niederschreiden derselben vorgesetzt: dazu beitragen nämlich, baß sich der reinere verbesserte Gottesdienst noch mehr in unserm Ländchen und außerwärts verbreite. In den nun bald zu erwartenden Gesängen der Münchner Synagoge werden die Lehrer und Vorsänger Stoff genug finden; und zu näherer Erläuterung des übrigen Vortrags der Gebete hat sich Herr Sulzbacher immer noch sehr bereitwillig gefunden, und ein Jeder, der sich an ihn wendet, darf sich befriedigende Auskunft versprechen. (Ein Pfälzer.) Anhalt-B^rnburg. — Die wohlthätigeWirkung einer wohlgeordneten Leitung und Belehrung der Gemeinden giebt sich am besten kund in der wachsenden Theilnahme für innere Angelegenheiten und religiöse Erkenntniß. Nur dieser aufblübenben Regsamkeit eines guten Geistes kann man es zuschreiben, wenn Rabbincn und Gelehrte sich veranlaßt finden, die Literatur mit neuen, viele Jahre und großen Fleiß erfordernden Arbeiten zu bereichern. — Mit Vergnügen erfahren wir, daß Herrvr. Herrheimer, Landrabbiner zu Bernburg, mit einem bedeutenden Bibelwerke beschäftigt ist, welches vornämlich die Volksbelehrung bezweckt. Den Verlag desselben hat, wie aus Berlin gemeldet wird, die Lew en t'sche Buchhandlung übernommen. Wir wünschen, daß dasselbe, wenn gleich mehr auf das größere Publikum kberechnet, doch jedenfalls die Ergebnisse der neuesten Bidelforschung gründlich berücksichtigen möge, und daß wir somit ein Werk von bleibendem Werthe erhalten. Ueber Plan und Ausführung erwarten wir noch nähere Auskunft. Dessau. — Auch hier hat die jüngste Veränderung ein neues wissenschaftliches Leben erweckt. Der neuangestellte Rabbiner, Hr. S. Hirsch verdankt seine Stelle der allgemein rege gewordenen Sehnsucht nach gemeinsamer Belehrung. Sein Wirkungskreis sucht diese auch außerhalb der Synagoge durch Vorträge zu befriedigen. Wie wir vernehmen, enthalten diese im Laufe des gegenwärtigen Sommers einen systematischen Unterricht über Religion, Offenbarung, das Verhältniß derselben zur Philosophie, über Prophetie, Wunder, Messias; über die Quellen dieser Erkenntnisse; :c. In der That können wir den Geist, der diese Art rabbinischer Thatigkeit hervorruft, nur lobend anerkennen, und wie unvollkommen auch dergleichen Vorträge, populär gehalten, vor der höbern theologischen Wissenschaft erscheinen mögen, so streuen sie doch gute Saaten aus, und gewinnen das Interesse für eine schönere Seite des Lebens, als die der flache Verkehr dardietet. Der Jugend-Unterricht wird somit bei den Erwachsenen weiter fortgeführt, und ein Gemeingeist wird erhalten, der zu allem Guten gern und willig die Hand reicht. 'S