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Israelitische Annalen · 1839-07-19 · Heft 29 (19.7.1839) · p. Seite 226

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 29 (19.7.1839)
Date
1839-07-19
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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226 ihren Werth. Der jüdische Gottesdienst ist fast in allen Ländern gleich, nnd jeder Jude ist in jeder Synagoge, die er auf Reisen vorsindet, einheimisch. Er kann seiner Andacht, oder doch mindestens den geweiheten Formen genügen, was oft die Stelle einer gedankenlosen Andacht vertritt. So lange ihm nicht bestimmt und klar ein kleiner Kern des gottesdienstlichen Ritus als der ächte Inhalt gegeben wird, sondern das Ganze nach den Anleitungen der Gebetbücher und anderer asketischer Vorschriften ihm geläufig ist, und als nothwendig erscheint, oder auch vielleicht nur hie und da eine kleine Bemerkung eins und das andere als willkührlich bezeichnet, so lange will man nichts von dem Bestehenden vermissen, und jede örtliche Abänderung erscheint dem Laien als ein Eingriff in die Einheit der Gesammtform des Cultus. Selbst dasjenige, was alsdann etwa ansprechender sein dürfte, verliert durch den Wahn, daß hier eine unbegränzte Willkühr obwalte, die man in so allgemeinen Institutionen auf keinen Fall gut heißen kann. Daher entstehen denn meistentheils Anklagen und Partheiungen, in denen man auf der einen Seite bloß die Forderung der Zeit, auf der andern die Kraft des Herkommens als Gründe anführt, und eine Annäherung gar nicht ermittelt werden kann. Abgesehen von aller Leidenschaftlichkeit, welche übrigens in Angelegenheiten von dieser Beschaffenheit nicht ausbleibt, konnte selbst der unparthcische Beurtheiler in den Versuchen, welche vorzugsweise durch den edcln Jakobson — dessen Wirken, wie viel Menschliches sich auch einmischte, doch seine innerste Anregung aus glühender Liebe zur väterlichen Religion schöpfte — in's Leben traten, wohl so mancherlei Bedenkliches finden, was ihm auch in der That sogar abseiren der französischen Behörden Mißbilligung zuzog. Seine und seiner Anhänger wohlwollende Absichten konnten nicht erreicht werden, weil sie anfangs zur Verwirklichung einer durchgreifenden Reform die Mittel sehr häufig von der Außenwelt hcrnahmcn, folglich einen Theil der objektiven Einheit des Gottesdienstes voreilig aufopferten. So z. B. griff man zu Gesängen, welche nicht aufdem konfessionellen Boden entstanden waren, und pflanzte sie in einen Gotesdienst ein, in welchem sie niemals eine andächtige Begeisterung Hervorbringen konnten; und theilweise ging man so weit in Neutralisirung der ganzen Einheit und Grundidee, daß man sogar, bei'm Gottesdienste sich christlicher Chorknaben und Sänger bediente, welches den musikalischen Theil freilich verschönerte, wodurch aber offenbar ein Anstoß gegeben ward, der die ganze Richtung der Verbesserungen verdächtigen mußte. Gleichzeitig ward der Gebrauch der hebräischen Sprache in Frage gestellt, und theilweise in den Hintergrund gedrängt, weil überhaupt mehr auf Verständlichkeit und Gemüthlichkeit der Andachtsmittel, als auf Innerlichkeit der konfessionellen Grundlage gedrungen ward. Es war dieß die Zeitrichtung, welche auf Abstreifung aller Eigenthümlichkeiten bedacht war, und die chimärische Hoffnung hegte, dadurch der Intoleranz und dem Fanatismus entgegen zu arbeiten, und alle Menschen brüderlich zu vereinen. Jakobson selbst begann die Unklarheit dieser Ideen zu fühlen, und ging, als er 1815 in Berlin seinen Privatgottesdienst, gleichsam als ein Musterbild, aufzustellen versuchte, um ein ganzes Stück rückwärts. Dem Herkömmlichen wurde darin ein weit größerer Einfluß gestattet. Das Bedürfniß der Andacht hatte sich bei vielen Mitgliedern jener zahlreichen Gemeinde so lebhaft eingestellt, daß eine ziemliche Anzahl sonst für die religiösen Angelegenheiten gleichgültig gewordener Männer und Frauen die von ihm gewählte Form für ausgleichend hielten und sich ihr anschloffen. Die Theilnahme ward um so stärker, als die überaus liebenswürdige Persönlichkeit des Stifters viele anzog, welcher, obgleich wenig vorbereitet und weder der deutschen Sprache gehörig kundig, noch sich streng seines Zieles bewußt, aus innerer Begeisterung das Amt des Vorbeters an den hohen Feiertagen übernahm, und demselben eine ungemeine Weihe zu geben verstand, auch sehr häufig die Kanzel bestieg, und mit seiner natürlichen Beredsamkeit bald die Zuhörer zu Thränen rührte, bald einen Enthusiasmus erzeugte, welcher, wenn gleich in seiner Grundlage schwankend, doch alle Anwesenden wahrhaft mit fortriß. Wäre er eben so unterrichtet gewesen, wie er phantasiereich war, und eben so körperlich und geistig ausdauernd, wie er an Willen nnd Schnelligkeit der Ausführung lebendig und eifrig war, so hätte er auch hier wahrhaft Großartiges leisten können; wie denn auch diejenigen Denkmale, die er mit großen Opfern errichtet und so festgestellt harre, daß sie seiner Nachhülfe nicht mehr bedurften, ewig dastehen und seinen Namen auf die späte Nachwelt bringen werden; wir meinen seine Thätigkeir zur Befreiung Israels von

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