Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 27 (5.7.1839)
- Date
- 1839-07-05
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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212 Briefwechsel über religiöse Zustände. I. R. an S. D. L. 20. März 1839. Welchen Begriff Sie auch mit den Worten Rationalismus verbinden wollen, sobald wir darüber einverstanden sind, habe ich nicht mehr zu fürchten, daß wir bloß um Worte streiten. Sie nennen einen Rationalisten denjenigen, welcher Offenbarung und Wunder leugnet, und den wahren Israeliten nennen sie Supernaturalisten, weil er beides ohne weiteres annimmt. Gut; ich werde um jede Mißdeutung zu vermeiden, die Ausdrücke in demselben Sinn gebrauchen. Sie sagen ferner, der Streit unter den deutschen Gelehrten über die Verbindlichkeit der Ceremonialgesetze sei nur secundär und hänge wesentlich von dem Prinzipienstreit zwischen Rationalismus und Supernaturalismus ab, und dieser Streit sei bereits so tief eingewurzelt, ^daß eine Vereinigung der Partheien nicht zu hoffen sein dürfte. Dieses, mein Lieber, ist der wichtigste Punkt unsrer Untersuchungen, an welchem der Knoten am stärksten angezogen ist. Die Wahrheit der Offenbarung wird heut zu Tage angegriffen, und deßhalb halten Sie die Bekehrung eines Rationalisten für unmöglich. Hier aber finde ich doch für nöthig, bas Wort Offenbarung näher zu bestimmen, damit wir nicht abermals, durch Auffassung des Ausdrucks in verschiedenem Sinn, Gefahr laufen, einander nicht zu verstehen. Zu diesem Zwecke muß ich ein wenig weiter zurück gehen, und alle die Fäden verfolgen, welche meiner Ansicht nach, zusammentreffen müssen, um das Gewebe des Judenthums zu bilden. Entschuldigen Sie, wenn ich etwas ausführlicher bin, als gewöhnlich. Die Erfahrung lehrt, daß der Mensch, sich selbst überlassen, nicht leicht die Ueberzeugung von allen zu seiner Glückseligkeit nöthigen Wahrheiten erlangen kann, oder mindestens in den ersten Jahrhunderten der Welt nicht erlangen konnte. Ich will nicht behaupten, die menschliche Vernunft sei durchaus unfähig, aus sich dieß Ziel zu erreichen; ich glaube sogar mit Mendelssohn, daß die von ihm als ewige bezeichneten Wahrheiten dem Menschen nur durch die Vernunft und durch Aufmerksamkeit auf die ihn umgebende Welt zugänglich find, und daß die Geistesfähigkeiten Kraft genug haben, um uns in den Besitz jener Wahrheiten zu setzen. Ich bin auch mit ihm darin einverstanden, daß der Mensch nicht durch Wunder oder Autorität gezwungen werden kann, sie zu glauben, sondern nur bas natürliche Licht einer gesunden Logik ihn dabei leiten müsse. Ich behaupte nur, daß die große Masse des Menschengeschlechts sie nicht leicht sich aneignet, weil ich überzeugt bin, daß dieß nur wenigen Individuen verliehen ist, da nicht alle die nötbige Schärfe der Denkkraft, Ausdauer im Forschen haben und sich in angemessenen Lebensverhältnissen befinden, welches alles vereinigt sein muß, wenn jemand aus eigener Kraft jene Wahrheiten erwerben will. Die Erfahrung bekräftigt dieß, denn auch der hartnäckigste Rationalist, welcher seinem eigenen Verstände alle Erkenntnisse, betreffend Gott, die Seele, die Unsterblichkeit, die Tugend und die Perfectibilität des Menschen zu verdanken behauptet, muß doch zuletzt zugeben, daß ihm Erziehung und Ueberlieferung von Vorgängern mit dazu verholfen habe, welche letztere sich aus der Offenbarung herleitet; daß ohne die Bibel oder sonst ein Buch gelesen, oder mit Andern, die einer positiven Religion zugethan sind, gesprochen zu haben, es ihm unendlich schwerer geworden wäre, mittelst seiner bloßen Geisteskräfte sich die Grundsätze der natürlichen Religion anzueignen. Demnach erscheint es gewiß nicht irrig, wenn man annimmt, baß die göttliche Weisheit beschlossen habe, dem Menschen mittelst zweckdienlicher Offenbarungen die Erlangung jener Wahrheiten zu erleichtern. — Solche Offenbarungen können jedoch keine über den menschlichen Verstand erhabene, oder gar ihm widersprechende Lehrsätze enthalten; dieß wäre ein Widerspruch gegen den Erziehungsplan der göttlichen Weisheit, welche nicht die menschliche Vernunft herabwürdigen und zerstören, sondern durch ihren Beistand entwickeln wollte. Sie durfte auch nichts anders enthalten, als bloß die ersten Grundsätze der Natur-Religion, klar und einfach dem Verstände übergeben, gleich Theoremen, deren Beweis er selbst finden möge, damit er nicht unstät und ziellos auf dem Gebiete des Denkens umherirre, sondern endlich bei dem stehen bleibe, was dazu dienen kann, ihn zu vervollkommnen und zu seiner Bestimmung hinzuführen. Solche Offenbarungen konnten nicht mittelst Androhung von Strafen im Weigerungsfälle eingeflößt werden, sonst wäre dadurch der Mensch seines hohen Vorzugs, der Freiheit im Denken, beraubt worden. Es war ferner angemessener, diese Wahrheiten mehr dem Gemüthe, als dem Verstände zu übergeben, mehr als Anleitung, Fingerzeig, Ermunterung, als Mittel zur Erweckung des Verstandes und Nachdenkens und Bestimmung des Willens. Auch war es nicht nöthig, Alles jedem besonder» Volke zu offenbaren, und dieß in verschiedenen Zeiten zu wiederholen; es genügte, wenn ein Volk dessen theilhaftig wurde; indem zu hoffen stand, daß die gesunden Lehrsätze sich allmählig über das ganze Menschengeschlecht verbreiten, und zum Bewußtsein der Grundlehren des rechten Glaubens bringen würde, um es zu befähigen, dem höhern Zwecke seines Daseins zu entsprechen. Sind nun diese göttlichen Anweisungen in eine Schrift niedergelegt; sind alle Umstände, die jenen großen Akt begleiteten, dargethan; ist die Wahrheit jener Umstände mit genügenden Beweisen bekräftigt, um die historische Wahrhaftigkeit aller Zweifel zu entheben, und das sind Zeugnisse, Autorität und Wunder; ist eine Familie und dadurch ein Volk auserwählt, um diesen Schatz zu bewahren; sind diesem Volke die Verhaltungsregeln vorgeschrieben, um der ihm überwiesenen Pflicht gehörig nachzukommen, und zeigt sich nachher auf tausend Arten und immer auf außerordentliche und übernatürliche Weise der göttliche Schutz zu Gunsten dieses Volkes, indem er es durch unendliche Leiden an der Hand führt, eines Volkes, welches mit heldenmüthiger Ausdauer Jahrhunderte voll unerhörten Unglücks durchwanderte, und mit beispielloser Beständigkeit seinen wunderbaren Auftrag erfüllte; — so haben wir das Mittel, wodurch der menschlichen Schwachheit Beistand geleistet worden