Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 26 (28.6.1839)
- Date
- 1839-06-28
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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203 des Talmuds entstanden ist, sondern gerade umgekehrt, die Interpretation des Talmuds nur eine Folge der schon früher bestandenen und in der Mischna niedcrgelegten Traditionen ist. Das Bestreben des Talmuds ist nämlich bloß dahin gerichtet, auf speculativem Wege die Lehrsätze der Tradition, welche in der Mischna,der eigentlichen mündlichen und überlieferten Lehre, enthalten sind, durch Interpretation aus der geschriebebenen Lehre herzuleiten und in Rapport zu bringen. Dieses Bestreben des Talmuds ist darin erkennbar, daß derselbe alle Axiomen und Lehrsätze der Mischna immer mit den Worten: Woher? Woraus? commentirt, dagegen in der Hagada, wo er zur eignen Auslegung freien Spielraum hatte, stch immer des Ausdrucks (zproi wo) „Wie läßt sich der Vers erklären?" bedient.*) Alle weitern Schlüffe des Talmuds sind bloß Entwickelungen und Folgerungen aus den Lehrsätzen der Mischna, womit noch einige Verwahrungsmittel (Zäune qvpd genannt) verbunden wurden, welche das Innere der Religion vor Gefahr und Uebertretung schützen sollten. Außer den in der Mischna niedcrgelegten Lehrsätzen, stellt der Talmud durchaus keine neuen Grundsätze auf, und selbst die von Rab, als letztem Thana ausgestellten Lehrsätze erkennt er nicht mehr als reine Tradition an, und weis't solche mit den Worten ab: Knzsrn 2~n #rarn Wenn daher die vom Talmud angewendeten Interpretationen und Herleitungen aus Stellen der h. S. noch so sehr mit den Regeln der Hermeneutik, mit der gesunden Kritik und mit dem klaren Wortsinne der Schrift zu disharmoniren und im Widerspruche zu stehen scheinen, welches jedoch bei gründlicher Prüfung keineswegs der Fall sein wird, so bleibt doch die Autorität der darin enthaltenen Tradition in ungeschwächrer Kraft und Wirksamkeit, da ja die Mischna, bis auf einige wenige Ausnahmen, gar keine Gründe angiebt, und die später versuchten Ableitungen des Talmuds rein speculativ sind, was auf die Ueberlieferung gar keinen Einfluß ausüben kann. Eben so wenig bedarf es eines evidenten Beweises von der wirklichen Annahme der Traditionen, da ja außer der schon 1800jährigen Observanz der Gemeinden die Mischna selbst nur auf eine schon längst angenommene und im Leben dastehende traditionelle Ausübung der Gebote basirt und gegründet ist. Es ist nun in der That möglich, die Schrift nach bermeneulischen Regeln anders zu erklären, und Systeme allerlei Art danach aufzustcllen: und dieses ist ein Recht, welches von jeher in der Synagoge bestanden hat. Die frömmsten und frühesten Commentatoren bedienten sich dieser Freiheit, und die Talmudiften selbst stellten vielerlei, bisher noch nicht genug beachtete Erklärungen in dem Midraschim auf. Allein alle diese Versuche können die Antoritär der von der Synagoge angenommenen Tradition nicht im mindesten schwächen und beeinträchtigen. Da es nun einleuchret, wie nothwendig in öffentlicher religiöser Hinsicht eine Autorität ist, wie nur hierdurch die Religion erhalten und verhütet werden kann, daß sie sich nicht in Sekten auflöse, so sehen wir nicht ein, weßhalb wir auf einen kostbaren Schatz verzichten sollen, welcher schon so viel Gutes gestiftet hat und noch stiften wird. Die Beschränkungen, welche zur Motivirung eines solchen Vorhabens die Veranlassung geben sollen, entspringen ja aus den Vorschriften der h. S. selbst und lassen sich trotz aller subtilen Erklärungen nicht aus dem Wege räumen. Möge es daher im Privatleben immerhin dem Gewissen eines jeden Einzelnen überlassen bleiben, sich mehr oder minder an die Vorschriften der Religion zu halten; mögen wir aber in öffentlicher religiöser Hinsicht, zumal schon längst eine mildere Praxis in's Leben getreten, alle mögliche Erleichterung cingeführt ist, und jede Verbesserung des Cultus von Allen begünstigt wird — jenes Band fefthalten, welches beinahe bis zur Gründung der Religion selbst hinaufreicht, und alle Gemeinden Israels so lange umschlungen und verbunden hat.*) A. S. T. *) Für diejenigen, welche mit der Entstehungsart der geschriebenen Sammlungen der traditionellen Gesetze sowohl als sonstigen Interpretationen der h. Schrift nicht näher bekannt sind, bemerken wir, daß sie in der Geschichte der Israeliten, B. 3. 4. 5; ferner in Zunz Gottesdienstl. Vorträge der Juden, und in Geig er's Zeitschrift in verschiedenen Abhandlungen, Auskunft finden können. 26-- *) Das ist auch des Maimon. Anstcht. Mitzw. Axioma n.