Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1839-06-14 · Heft 24 (14.6.1839) · p. Seite 189

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 24 (14.6.1839)
Date
1839-06-14
Page
Seite 189 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3133765-3133766-3133791--0218-3134335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

189 Nachrichten und Correspondenzen. Briefe aus Frankreich. Elsaß, im Mai 183». — So viel schon über die Verhältnisse der Israeliten im Elsaß gesprochen wurde, so weiß man doch in Deutschland nicht mehr davon, als daß die Israeliten im Elsaß noch sehr zurück sind und bei weitem noch nicht auf der Culturstufe sich befinden, wohin ihre deutschen Glaubensbrüder schon seit Jahren gelangt sind. Der deutsche Jude wundert sich freilich sehr, wie bei der allgemeinen bürgerlichen Freiheit in Frankreich es möglich wäre, daß die Israeliten dort in kirchlicher und moralischer Beziehung so weit zurückstehen, während die deutschen Gemeinden, vieler Rechte entbehrend, doch seit dem Anfänge des Ivten Jahrhunderts gleichen Schritt mit der allgemeinen Civilisation gehalten, ja in Manchem ihr vorangeeilt find. Man darf aber dreist annehmen, daß vielleicht noch ein halbes Jahrhundert vergehen wird, che der moralisch-religiöse Zustand der Israeliten eine bessere Wendung nehmen dürfte. Dieß liegt in den Verhältnissen. Sie sind in der That eine Heerde ohne Hirten. Die Regierung hat wohl den Israeliten ave bürgerlichen Rechte eingeräumt, sie sind in ftder Beziehung Staatsbürger, aber weiter thut sie auch nichts für sie —kann nichts weiter für sie rhun. Wer das politische Treiben in Frankreich kennt, wird wohl leicht einsehen, daß sich die Regierung mit Wichtigerem zu befassen hat, als mit der Civilisirung der wenigen Israeliten. Diese werden also von Seiten des Staates nicht ermuntert, ihre seit Jahrtausenden gewohnte Richtung zum Handel weiter zu ändern, und es wird nichts gethan, um den Sinn für Agricultur, für Künste und Wissenschaft, als den ersten Schritt zur Civilisation, in ihnen hervorzurufen. Zwar besteht in Straßburg ein Verein zur Erlernung von Handwerken unter den Israeliten; allein die Mittel desselben sind zu sehr beschränkt, um ihn allgemein nützlich für die zahlreichen jüdischen Einwohner in Elsaß zu machen. Dazu kommt noch, daß in Nieder-Elsaß oder Departement Niederrhein, wovon Straßburg der Sitz des Consistoires ist, sehr wenig reiche Israeliten wohnen und daß demnach von Seiten der Israeliten selbst fast gar nichts geleistet werden kann. In Oberelsaß, wo die Vermögenszustände der Israeliten bei weitem besser sind, trifft man auch in den Städten und auf dem Lande viele jüdische Handwerker. — Ein Hauptgrund ist der Mangel an Schulen. Es eristiren im eigentlichen Sinne gar keine Schulen für Israeliten in Frankreich. Man schickt die Kinder in die christlichen, seit der Julirevolution eingeführten Primarschulen, wo sie, namentlich in Elsaß, weder die Deutsche noch die französische Sprache richtig erlernen, und damit hat man Wissens genug für bas ganze Leben. In Straßburg besteht zwar seit einigen Jahren eine Art jüdischer Religionsschule, wo die Kinder hebräisch lesen lernen, damit sie wenigstens die hebräischen Gebete lesen können; vom Verstehen ist keine Rebe. Der Pentateuch wird nach alter Weise bloß übersetzt. In diese Schule schicken die reichen Israeliten ihre Kinder nicht, theils weil da nicht viel gelernt wird, besonders aber weil meistens die Kinder der Armen sich dort befinden und sie jede Vermischung mit den Plebejern vermeiden wollen und daher für ihre Kinder höchstens Privatlehrer, nach dem Schnitte der alten Rabbi's, halten, oder das Hebräische ganz bei Seite lassen. Und sonderbar genug, man fühlt nicht einmal den Mangel solcher Schulen; ja sehr gebildete Männer fragten mich: „Sagen Sie uns doch, was sollen die Kinder in den Religionsschulen denn lernen? Oder was wird in Deutschland in den Religionsschulen gelehrt?" Doch diese Männer würden sich selbst die beste Auskunft verschaffen, besuchten sie die vortrefflichen Schulanstalten zu Frankfurt und manche andere deutsche Anstalt. Auffallend ist, daß Die Rabbinen, besonders in den Hauptstädten, das Schulwesen ganz ignoriren, obgleich sie mit aller Bereitwilligkeit von den Departementsregierungen unterstützt werden würden. Sie fühlen sich glücklich, von den Gemeinden unabhängig zu leben, da sie ihren Gehalt aus der Staaskasse beziehen. Der Consistoire - Rabbiner, zu Straßburg erhält jährlich 3000 Francs fixen Gehalt, nebst freier Wohnung, und von der Stadt noch eigens 1500 Fr. für die Verwaltungskosten der jüdischen Angelegenheiten des Departements. Diesen Gehalt beziehen alle Consistoire-Radbiner mit Ausnahme des Oberconsistorien-Rabbiners zu Paris. Das Departement Niederrhein zählt allein 115 jüdische Gemeinden, wovon immer mehrere Gemeinden einen Rabbiner haben, der vom Staate aber nur 600 Fr. hat, wobei er freilich nur kümmerlich leben könnte, wenn die Geschenke und Gefälle nicht fast eben so viel beibrächten. Das Departements-Consistorium wollte vor einigen Jahren die Gefälle der Rabbinen reguliren, wurde aber durch eine Petition von Seiten sämmtlichcr Orts-Rabbinen davon abgehalten, denen es bedeutend geschadet hätte. Gewöhnlich wird aus Liesen Rabbinen, wenn ein Consistoire-Rabbinat vacant wird, die Stelle besetzt. Es ist dabei durchaus nicht nöthig, baß der erwählte Rabbiner die Studien gemacht habe, die unsre Rabbinen in Deutschland jetzt machen müssen; sehr wenige verstehen Latein, und macht einer eine Ausnahme, so ist er in den Augen von Gelehrten und Ungelehrten: ein großer Gelehrter. Zum Consistoire-Rabbiner ist ein Alter von dreißig Jahren erforderlich; doch kann von Seiten des Mintsteriums eine Dispens eintreten, wenn die Wahl auf einen jüngern fallen sollte, wie es bei Herrn Aron in Straßdurg der Fall war. Die Wahl des Consistoire-Rabbiners wirb von 23 oder 25 Wahlmännern aus dem Departement vorgenommen und Stimmenmehrheit entscheidet. Was nun die kirchlichen Einrichtungen in Elsaß betrifft, so sind sie, mit Ausnahme von Straßburg, an allen Orten die seit tausend Jahren üblichen. Den Rabbinern fehlt es meist an Kenntniß und Energie, an dem alten Hausrath zu rütteln und es möchten — man darf Ließ nicht übersehen — wirklich harte Kämpfe zu bestehen sein, in die Mitte von Finsterniß, Unwissenheit und Rohheit das Licht geläuterter Wahrheit zu bringen. Natürlich muß hier sehr systematisch zu Werke gegangen werben, damit man nicht gleich am Anfang Alles verderbe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.