Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1839-06-07 · Heft 23 (7.6.1839) · p. Seite 178

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 23 (7.6.1839)
Date
1839-06-07
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3133765-3133766-3133790--0206-3134322
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

178 Zu leugnen ist aber andrerseits nicht, daß dadurch das Gebiet der jüdischen Wissenschaft eine sehr große Menge Arbeiter verloren hat und weiter einbüßen werde; ja daß ihr, je mehr sich der Geist des Volkes von ihr entfernt, desto weniger Anregung und Aufmunterung zu ihrem Anbau geboren wird,! und daß mit der Verflachung der Kenntniß von den! religiösen Grundideen und deren Quellen so wie de- I ren Geschichte das Wesen derselben bei ihren eigej nen Bekenncrn immer weniger Interesse findet. Am! Ende bleibt nichts davon als ein leerer Schatten j zurück, erkennbar nur an äußeren Formen ohne! allen Inhalt.! Es giebt nun gewiß recht viele, die eigentlich! dies für den wahren Fortschritt halten, die gerne! das ganze Gebäude, das nicht mehr bewohnbar er-! scheint, Zusammenstürzen sehen, die daher jeden Ver-! such, im Innern der Wissenschaft sich umzuthun, > und deren Kern herauszuziehen, für thöricht oder! doch nutzlos erklären, und aus diesem Grunde die j Unterstützung jeder derartigen Bemühung mit Kälte i oder Widerwillen von sich weisen. In der That ist auch die Muthlosigkeit der Gelehrten in dieser Beziehung in den Ländern, wo jene Veränderungen eingetreten sind, groß genug, um sie von Unternehmungen zur Rettung der Wissenschaft abzuschrecken, da sie kaum noch bei denen, welche ihr berufsmäßig; angehören sollten, einigen Anklang finden.! Diese Wirkung darf man nun wohl nicht zu j den erfreulichen rechnen. Sie gereicht weder zur! Ehre nach außen hin — obwohl die Eitelkeit sich j gern überreden möchte, daß in der Abweisung aller j organischen Religions - Einheit die wahre Bildung j bestehe und nur durch sie alle Lücken sich ausgleichen — noch viel weniger zur wahren Befriedigung im Innern. Mögen immerhin hundert kleine Uebelftände am Gottesdienst abgestellt, möge die Feierlichkeit jeder rituellen Handlung durch äußere Schönheit, wie durch Symbolisirung, erhoben werden, — es bleibt alles zuletzt nur Formelwesen, wofern diejenigen, welche als Volkslehrer dastehen, nicht durch eine recht vollständige Umsicht auf dem ganzen kirchenhiftorischen, dogmatischen und philosophischen Gebiete der von Mose gegründeten und dann Jahrtausende hindurch in unendlich vielen Formen forlentwickelten Religion für ihre eigene Lehre eine Begeisterung mitbringen, welche ihren Unterricht belebt und erwärmt, so daß es eben genüge, die einfachsten Keime in die Brust des Volkes zu legen, und auf deren Gedeihen zu rechnen. Wem dieß Feuer nicht inne wohnt, der wird auch andere nicht erwärmen, und ein solcher Volkslehrer ist am Ende auch nur ein todtes Werkzeug. Was daraus folgt ist einfach dieß, daß die W i sscnsch afr Theilnahme sucht, und selbst von denen, die ihr nicht gänzlich angehörcn, manches Opfer fordern darf da deren Ertrag dem Volke selbst zu gute kommt. Und weil dieser Anspruch in unserer Zeit stärker hervortritt, als vordem, da die innere Sachkunde verbreiteter war, und weil er um so gerechter ist, als öffentliche Anstalten für diese Wissenschaft nicht viele *) vorhanden sind, so gereicht es uns zum Vergnügen, berichten zu können, daß Israel auch in dieser Beziehung noch nicht verwaist ist, und daß sich vielmehr auch auf dem rein-jüdischen Gebiete eine starke Thätigkeit offenbart, welche sich einer lebhaften Theilnahme erfreuet, und welche zugleich das beste Zeugniß von dem Einflüsse der Bildung unsrer Zeit auf Organisirung und Belebung der Geisteskräfte ablegt. Was durch den Mangel öffentlicher Anstalten entbehrt wurde, das leister die Presse durch Verbreitung gediegener Werke, und wenn dieselben durch Sprache und Inhalt sich dem Auge des unwissenden oder des diesem Gegenstände nicht zugewendeten Volkes entzieht, so wird sie eben dadurch um so kernichter und vollwichtiger, und wir dürfen sagen, daß die Wissenschaft auf diesem Wege viel sicherer fortschreiter, als durch Verallgemeinerung und Verseichtigung ihres Inhalts. Der Sitz dieser wissenschaftlichen Arbeiten ist seit längerer Zeit Oesterreich und insbesondere Nord- Italien und Galizien. Die eigentliche Form derselben hat sich noch nicht recht ausprägen können. Sie bestehen vorläufig in einer höchst sorgfältigen Erforschung theils der classischen Zeiten — als welche man namentlich die der arabischen Obmacht anzusehen har — aus denen uns so viele Monumente, jedoch in verwahrloserer Gestalt, überkommen sind, theils auch anderer Epochen, in Herstellung der verstümmelten Denkmäler, deren Deutung und Einfügung in die Weltgeschichte, in Entwickelungen verworrener Tharsachen n. s. w. Ueber diese Thä- *) Bekannt sind uns nur das berühmte Collegio Rabbinico zu Padua, und das neu errichtete, noch nicht ganz organisirte Seminar zu Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.