Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 22 (31.5.1839)
- Date
- 1839-05-31
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 würde ja sonnenklar bewiesen werden, daß wir hier nur ein durch viele Jrrthümer entstelltes Mcnschenwerk besitzen, und daß ein in sich einiger Geist nicht die Abfassung dieser Sammlung durchdrungen habe! Sei ihr Inhalt noch so wichtig und für die Religion wesentlich, so darf doch das Werk, dessen innere Beschaffenheit an vielen Stellen beweist, wie die alten Lehrer selbst nicht mehr richtige Lesarten vor sich hatten, und oft über etwas streiten, das ursprünglich in der Tradition ganz anders gelautet haben muß, unmöglich als infallibel angesehen werden!*) Die Kritik sollte also erst ihr Terrain genauer recognosciren, und Nachweisen, daß die Autorität selbst auf unsicherm Boden stehe! Dann erst läßt sich über das Gewicht,, das ihren Bestimmungen beizulegen sei, mit einiger Zuverlässigkeit urtheilen. Dieß habe ich in reinster Absicht der Prüfung unsrer Gelehrten anheimgcben wollen. Sollte ich irren, so will ich mich gern eines Bessern belehren lassen. Nachrichten und Correspondenzen. Breslau, IS. Mai. — Mit der Angelegenheit des Dr. Geiger sind wir noch nicht weiter als vor einem halben Jahre. Die Sache gehört aber in unsere Tagesgeschichte und bildet offenbar einen Wendepunkt in den Verhältnissen und Ansichten, deßhalb ist es gut, noch vor Beendigung des schwankenden Zustandes ein ernstes Wort darüber zu reden, schon um manchen Irrungen zu begegnen. Bekanntlich ist unter einer größer» Anzahl von Concurrenten der durch seine Zeitschrift und einige andere rühmlich erwähnte Schriften in der Gelehrtenwelt geachtete vr. Geiger als Mitglied des hiesigen Rabdinatscollegium regelmäßig gewählt worden und hat die Stelle angenommen. Die öffentlichen Verläumdungen, welche sich Neid und Mißgunst erlaubt haben, über seine Religiosität zu verbreiten, sind auf das Gründlichste urkundlich widerlegt worden und fallen auf ihre Urheber zurück. Solche Persönlichkeiten ändern gewöhnlich bei den Klarschauenden nichts, und dienen nur dazu, die Achtung vor einem Mann, der von den wahrhaftesten und zuverlässigsten Männern und von seinen Vorgesetzten Behörden für vorwurfsfrei erkannt wird, zu erhöhen. Anders verhält es sich mit dem Eindruck den dergleichen Aeußcrungen bei scrupulösen Anhängern stehender Formen *) Der Vf. liefert uns interessante Beweise aus den wichtigsten Stellen des Talmud; doch können wir solche, des beschränkten Raumes wegen, hier nicht abdrucken! D. H. hervorbringen, welche gerade die Charakterfestigkeit und ent. schiedene Gesinnung eher fürchten, als selbst das in äußere religiöse Förmlichkeiten gehüllte Laster. Solche würden jeden Candidatcn, welcher in^ieser Beziehung standhaft zu heucheln wüßte, wenn sein Chawer auch sonst in zweideutigem Lichte stände, einer klaren^eytschieden sittlichen Richtung vorziehen, sobald diese sich in^-Awisser Selbstständigkeit bewegt und dem Mißbrauche und ^^Verkehrtheit nicht huldigen will. Da werden denn auch alle/'fDst die unwirksamsten und tadelhaftesten Hebel in Bewegung gesetzt, und keine Anstrengung gescheut, um eben nur den Schatten eines Uebergewichts zu haben. Mit leidenschaftlichem Eifer hat daher eine kleine Anzahl hiesiger Gegner, unter dem Vorgeben der Gewissenhaftigkeit, alle kleinlichen Bedenklich ketten, Mißdeutungen und Insinuationen aufgegriffen, welche ihnen zum Theil von außerhalb an die Hand gegeben wurden, um durch eine Vorstellung höhern Orts zu bewirken, daß Dr, Geiger, der als Ausländer die Stelle nicht antreten kann, ohne das dießseitige Staatsbürgerrecht zu besitzen, dieß wirklich nicht erhielte. Joel Jacoby (der Name genügt), ist der Verfasser der Denkschrift, welche deßhalb eingereicht wurde, deren Inhalt theilweise schon veröffentlicht worden. Es lohnt nicht der Mühe, ihn hier zu erörtern, die Ver. fasser derselben sind am besten überzeugt, daß die Wahrheit nicht aus ihnen spricht; auch hat die Denkschrift als solche den Beweisen gegenüber keine Kraft. Wäre vr. Geiger ein Inländer, so wäre diese Protestation schon längst zurückgewiesen. So aber hat sie natürlich einige Zögerung veranlaßt, bis jene Beweise Vorlagen. So steht es nun jetzt, und eine positive Entscheidung ist noch nicht erfolgt. Jedenfalls ist die Frage nicht eine persönliche, sondern eine Principien-Angelegenheit; aber sie hat, das möchten wir behaupten, mit der Rcligionslehre als solcher nichts gemein, wie sehr man auch bemüht ist, sie als einen Kampf der Neologie mit der Orthodoxie zu schildern, um bei den häufigen Rückgängen in unserer Zeit sie mit in's Schlepptau zu nehmen. Was vr. Geiger öffentlich gelehrt hat, ist kein sogenannter Deismus, sondern die positive Lehre, geläutert und gereinigt von so vielerlei Ansätzen, welche seine eigenen Gegner größtentheils eben so betrachten. WaS er als Mitglied des Rabbinates zu thun hat, ist eben auch nur eine Funktion der positiven Lehre, die er nicht annehmen würde, wenn sie sich mit seinem Gewissen nicht vertrüge. Es ist daher nur eine traurige Machination, den Streit in das Gebiet der Religion hinein zu spielen, und daraus eine Gewissensfrage zu machen. Wenn von Principien die Rede ist, so stehen einander gegenüber der ernste Wille der Gemeindeglieder, in ihren Rabbinen nicht einen müssigen Gelehrten, sondern einen Geistlichen zu besitzen, der den Anforderungen der Zeit genüge und zugleich seinen weltkundigen Gesinnungen zufolge unbedingtes Vertrauen auf Wahrhaftigkeit verdiene, und der Eigensinn und besonders die traurige Ueblichkeit des Rabbinenamtes, welche nur äußerliche Bedingungen stellt, die, wenn sie sich erfüllen, dazu dienen, die Entwickelung der Cultur abermals zu hem-