Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 22 (31.5.1839)
- Date
- 1839-05-31
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 in das ganze bisherige System tief eingreifen. Diese lassen sich kurz als Thesen so fassen: 1) Mischna und Talmud sind ursprünglich nicht abgefaßt worden, um als Gesetzbuch für alle Zeiten zu gelten, — sondern bilden nur spät ausgeschriebene Sammlungen der verschiedenen Gesetzentscheidungen. 8) Die alten Weisen haben durchaus nicht die Nachwelt behindern wollen, nach Zeit und Verhältnissen an ihren Aussprüchen manches abzuändern, hinzufügen und abzunehmen. 3) Sie haben absichtlich die verschiedensten und zwar auch die individuellen Ansichten und Aussprüche ausgeschrieben, damit nach den Umständen eine Wahl gelassen werde, der einen oder andern Ansicht beizutreten. . Mir liegt nicht ob, diese Grundsätze einer neuern Kritik*) hier zu würdigen. Ich berichte nur, daß zu meiner Freude jenes Schreiben in den Autoritäts-Glauben, (L. greift nämlich insbesondere den Maimonides an, welcher durch Aufstellung eines Gesetzbuches nach einseitiger Entscheidung jede Meinungsverschiedenheit hinwegzuräumen beabsichtigte. I.) wie ein Feuerfunke in den Zunder fiel, und eine gewaltige Aufregung bei unfern Rabbinen hervorgebracht hat. Gott weiß, ob das Feuer ein reines ist, und vom Eifer für Gottes Sache genährt wird, oder ein fremdes und unreines, aus Streitsucht und Eigensinn entstanden! Gegen Luzzato erhoben sich nicht bloß der sehr gelehrte Nach man Krochmal und der gelehrte Rabbiner zu Tarnopol (Rapaport) im 4ten Bande des Kerem Chemed, den wir noch nicht gesehen **), sondern auch Eljakim Mehlsak und andere zu Lemberg, ganz *) Auch seine Erläuterung der Mischna i. Ebioth lasse ich dahin gestellt sein. Bemerken aber will ich, daß Geiger's Erklärung des Wortes nVHJJ (Zschr. n. H. 3. 486) schon bei M. di Loosano unter tnu sich findet. — **) Er liegt vor uns. N. K. schreibt gegen L. in der edelsten Haltung, hauptsächlich um ihn wegen seines gegen Maimonides ausgesprochenen Tadels zurecht zu weisen, weil er demselben eine Absicht unterlege, die nicht erwiesen sei. Aber L. beantwortet diesen, ihm vor dem Abdruck mitgetheiltcn Aufsatz mit gleicher Freimüthigkeit und in schöner Sprache, wie uns dünkt, sehr bündig und klar. — Was dem großen Kritiker Rapaport in diesem Bande angehört, ist nur durch ein Sternchen bezeichnet; (wenigstens vermuthen wir, daß er der Anonymus sei). Sie berühren diesen Gegenstand nicht. — Loben aber besonders aber Hirch Hajuth, Rabbiner in Solkow. Letzterer schrieb Gegenbemerkungen gegen obigen Brief des Luzzato, voller Bitterkeit und Beleidigungen, mehr auf Persönlichkeit als auf die Sache gerichtet, was jeder Freund der Wissenschaft tadeln muß. Der Lemberger Rabbiner hat dessen Schrift durch Bevorwortung unterstützt, und in kurzem wird seine (wessen?) Streitschrift die Presse verlassen. So hat nun auch unter uns der Kampf zwischen Autorität und Kritik begonnen, und wir haben jedenfalls dem wackern Luzzato dafür zu danken, daß er die Schlaftrunkenen aufgerüttelt und den Stummen die Sprache gegeben hat. Die Diskussion ist thätig und das Ende davon kann nur eine für Israel heilsame Verständigung sein. Bei so bewandten Umständen muß sich jeder Stimmfähige verpflichtet fühlen, seinerseits alles dazu beizutragen, um die Ermittelung der Wahrheit zu fördern, und insbesondere jede Bitterkeit und Persönlichkeit abzuweisen, damit der Streit nicht ausarte in Feindschaft und blinde Ereiferung. Nur ruhige, freundliche und besonnene Besprechung kann das wünschenswerthe Ergebniß herbeiführen. Was mich betrifft, so möchte ich auf einen Vortheil aufmerksam machen, dessen sich die Kritik bisher nicht bedient hat, und der doch allein geeignet sein dürfte, die Autorität des Talmud in Frage zu stellen. Bisher nämlich streitet die Kritik immer auf dem Boden der Autorität selber, um darzuthun, daß diese selbst Auswege gegen ihre eigenen Bestimmungen darbiete. Natürlich wird cs da dem Gegner leicht, die Einwendungen durch eine Unzahl anderer Autoritäten zu erdrücken. Was will ein einzelner Ausspruch im Talmud gegen die große Masse gegenüberftehender Aussprüche ausrichten? So lange das Werk als ein in sich vollendetes, unfehlbares Monument der wahren göttlichen Tradition gilt, und dafür anerkannt wird, kann mittelst desselben keine Reform eintreten. Warum aber macht man sich nicht daran, die innere Mangelhaftigkeit und die vielen unwiderleglich erkennbaren Fehler, woran das Werk leidet, aufzudecken? Dadurch müssen wir die treffliche Art, wie hier unsre ausgezeichneten, sich ihrer Kraft bewußten Männer gegen einander ohne Haß und Galle aussprechen. Nur so gewinnt die Wissenschaft und wird die Wahrheit an's Licht gefördert. D. H. 22*