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Israelitische Annalen · 1839-05-31 · Heft 22 (31.5.1839) · p. Seite 170

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 22 (31.5.1839)
Date
1839-05-31
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 raiten anschließen. Keinesweges! Ich bin vielmehr ein Anhänger der Tradition, und ehre deren Träger; ja ich glaube, daß sie mit ächter Frömmigkeit und in der reinsten Absicht die Folgerungen aus dem Gesetz zur bessern Anwendung desselben entwickelt haben. Auch bleibt ihnen das Verdienst, durch ihren Fleiß und ihre treue Pflege unsre heilige Religion, mitten in den vielfachen Verfolgungen und Leiden und mitten unter fremden Religionen kräftig beschützt, und bewahrt zu haben, und ohne sie wäre dieselbe vielleicht ganz verschwunden. Aber das behaupte ich, und zwar aus innigster Ueberzeugung, daß das Joch, welches sie unfern Religionsbrüdern zur Verhütung des Jrrthums aufgelegt haben, in unsrer Zeit drückend gefunden wird, und leicht dahin führen kann, daß man es lieber ganz abwirft und aller positiven Religion sich entzieht, so daß was sie verhindern wollten, gerade durch die angewandten Mittel befördert wird. Hieraus entsteht für alle heutigen Gelehrten und Volkslehrer die heilige Pflicht, um die obschwebende Gefahr einreißender Irreligiosität bei Zeiten abzuwenden, ihre Aufgabe recht scharf in's Auge zu fassen, und genau zu prüfen, was unsre Weisen zu ihrer Zeit zu verordnen für gut fanden, und nach gewonnener Erkenntniß wiederum unsre Zeit zu würdigen, was dieser nicht gemäß ist, abzustellen, und dafür andere, den neueren Verhältnissen entsprechende Einrichtungen zu treffen. In unsrer Zeit, da einerseits die Wissenschaften blühen und durch sie die Religionsangelegenheiten klarer und richtiger erwogen werden, andrerseits ein friedlicherer Sinn durchweg herrscht, und Verfolgungen und Verketzerungen keinen Anklang finden, indem das Urtheil über die Gläubigkeit der Individuen demjenigen anheim gestellt wird, -er Herz und Nieren prüft; in unsrer Zeit, da offener und ohne Rückhalt jede Meinung besprochen und kritisch geprüft werden darf; ist die Gefahr der Zerrüttung weit größer als sonst. Wofern nicht Männer, deren Beruf es ist, mit Gewissenhaftigkeit alle Lehren, Gesetze und Aussprüche recht sorgfältig betrachten und erkennen, und in ihrer reinsten Klarheit vortragen, sondern die Sache vielmehr -er zufälligen Entwickelung anheimgestellt wird, so muß die natürliche Folge davon sein, daß zeder sich die Religion nach seiner individuellen Ansicht modelt, und somit eine zahllose Menge Religionslehren entstehen. Sind wir auch nicht durch das Prinzip an Autoritäten gebunden, so kann doch niemand es billigen, daß die Reformen so ganz und gar der Willkühr oder der zufälligen Bildungsstufe jedes Einzelnen, der Aenderungen machen will, preisgegeben werden. Was würde aus solchem Zustande zuletzt werden? Die Mißverständnisse würden sich in's Unendliche vermehren, und vergebens würde man sich nach Mitteln umsehen, die Einheit wieder herzustellen. — In der That ist die eingetretene Verwirrung schon jetzt sehr groß, und nur der eine Trost bleibt übrig, daß gerade die Schwierigkeit der Verhältnisse unsre Rabbinen und Gelehrten binnen kurzem zwingen werde, wider ihren Willen einen Mittelweg einzuschlagen, manchen herrschenden Mißbrauch zu entfernen, unfern Gottesdienst nach Umständen zu reinigen und zu erheben, und Anordnungen zu treffen, welche der Zerrüttung ein Ziel setzen. Unsre Brüder in Deutschland sind uns mit gutem Beispiele vorangegangen. Dort haben zuerst gelehrte Rabbinen ihre Aufmerksamkeit auf diesen Umstand gerichtet und mit wahrer Religiosität es unternommen, ihre von einander oft sehr abweichenden Meinungen in Zeitschriften auszusprechen und sich gegenseitig ohne Ansehen der Person und mit aufrichtiger Wahrheitsliebe über wichtige Punkte aufzuklären. Heil ihnen! Jeder, dem es um Wahrheit zu thun ist, muß es ihnen danken, daß sie so offenkundig nach Begründung wahrer Frömmigkeit streben. — Ich erwartete, daß auch unsre Rabbinen endlich aus ihrer Lethargie erwachen und in so wichtigen Dingen ihre Ansichten entwickeln würden; aber nichts konnte sie aufrütteln! Die Stimmen der deutschen Rabbinen vernahmen sie nicht, rheils weil sie in weiter Ferne von ihnen wohnen, theils weil sie deren Sprache nicht verstehen. Wer weiß, wie lange sie in dieser Theilnahmlosigkeit geblieben wären, iy dem Wahne befangen, es sei alles noch wie vor Jahrhunderten, hätte nicht der berühmte und edle Wahrheitsfreund S. D. Luzzato im vorigen Jahre durch seinen Brief (Kerem Cherned III. 5) in der ihnen allen verständlichen Sprache neue Ansichten *) aufgestellt und entwickelt, welche *) Der Brief ist höchst interessant. Er nimmt Veranlag, sung von der vortrefflichen Abhandlung unsers vr. Geiger in seiner Zeitschrift über Abfassung der Mischna, um theils seine Meinungen zu bestätigen, theils aber in Betreff der Zeit der Abfassung zu bekämpfen. Wir begnügen uns, unsre Leser auf beides zu verweisen. %

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