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Israelitische Annalen · 1839-05-24 · Heft 21 (24.5.1839) · p. Seite 163

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 21 (24.5.1839)
Date
1839-05-24
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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163 Philosophie, freilich noch immer nach der aristotelischen Schule, welche bei den Juden ganz besonders viele Anhänger zählte, fleißig angebaut. Fast alle genannten Gelehrten, Rabbaniten sowohl als Karaiten, haben entweder irgend einen philosophischen Tractat geschrieben, oder lassen doch in ihren Werken die Schule durchblicken. Joseph Kilti, der Grieche zubenannt, verfaßte um diese Zeit eine Logik*), welche er dem spanischen Emigranten, Juda b. Jakob b. Arar widmete, ein recht geistreiches Werk. Die Thärigkeit der Rabbinen und Gelehrten ward, wie gesagt, durch die politischen Veränderungen nur erhöhet. Wir behalten uns vor, über den weitern Fortgang der Literatur unter der türkischen Herrschaft in einem andern Artikel zu berichten. Briefwechsel über religiöse Zustände. 3. S. D. Luzzato an I. Reggio. (Schluß.) Aber, werden Sie sagen, woher mag es doch kommen, daß das, was vor hundert Jahren allgemein zulässig gewesen, heut zu Tage schlechterdings unzulässig und albern scheinen solle? Der Ursprung dieser Erscheinung ist nach meiner Meinung folgender: Der Unglaube ist im Schooße des Christenthums erzeugt worden. Sobald sich die Völker für großjährig hielten und das Joch ihrer Vormünder abschüttelten, mußten sie nothwendig auch an dem des Glaubens rütteln, und der Glaube an unbegreifliche Dinge mußte, wenigstens bei den vorgeblichen Zlluminaten, wanken und schwinden. Bei'm Judenthume verhält sich die Sache anders. Da dieses keine Mysterien enthält, ist der Unglaube nicht als nothwendige Folge seines Wesens Hineingebrungen, sondern Sympathie und Nachahmungssucht haben ihm den Weg dahin gebahnt. Die Israeliten würden ohne Hemmung an ihrer Aufklärung haben arbeiten und zum Zwecke gelangen können, ohne je daran zu denken, das Wesen ihrer Religion zu verläugnen; sie würden blos eine Reform, gleich der des Luther, zu Stande gebracht haben, indem sie ihre Religion geläutert und von den Schlacken verschiedener Gebräuche und Glaubensmeinungen befreiet hätten, die sich im Laufe der Jahrhunderte eingeschlichen haben. Das Judenthum hatte auch in den alten Zeiten seine freien Denker, und diese läugneten entweder die mündlichen Ueberlieferungen, wie die Karaiten; oder die Unsterblichkeit der Seele, wie die Sadducäer, oder die Pro¬ *) Unter dem Titel mVP nPDD Geschenk für Juda; Hschr. bec. Carmoly. pheten, die nach Moses gelebt, wie die Samaritaner; doch hat sich im Schooße des Judenthums nie eine Sekte Deisten gebildet. So lange die hebräische Nation Nationalstolz im Herzen nährte, konnte ihr die Idee der Offenbarung, die Idee, das auserwählte Volk zu sein, nicht thöricht erscheinen, auch widerstritt es auf keine Art seiner Vernunft. Vielmehr sprach die gesunde Vernunft so zu ihm: „Der Glaube an Offenbarungen, an Propheten, an Wunder ist allgemein und bei allen Völkern. Dieß ist eine feststehende Thatsache. Das ist eine Wirkung, die ihre Ursache haben muß. Wenn sich nie ein Wunder zu keiner Zeit und an keinem Orte bewährt hätte, oder nie eine Offenbarung statt gefunden hätte, so würde dieser allgemeine Glaube sich nicht haben erzeugen können. Aber er epistirt; also hat sich irgend ein Wunder, irgend eine Offenbarung in der That bewährt. Aber welche unter allen vorgeblichen Offenbarungen wird die wahre sein? Die der Politheisten gewiß nicht, weil die Vielgötterei schon in sich selbst absurd und zurückstoßend ist. Also (?) ist die wahre Offenbarung jene der Monotheisten, jene der Juden." — So sprach in den frühern Zeiten die gesunde Vernunft zu den Israeliten. Allein seit in den letzten Zeiten (aus Gründen , deren Anführung zu nichts frommen kann) das Nationalgesühl bei einer großen Zahl unserer Religionsgenossen gesunken, ja erloschen ist, ward diesen die Idee, ein auserwähltes Volk und die einzigen Aufbewahrer der Wahrheit zu sein, zu einem widerlichen und absurden Gedanken; und da sie den auf Mysterien beruhenden Supernaturalismus ihrer Nachbaren nicht rationell fanden, so konnten sie nicht einmal den Supernaturalismus ihrer eigenen Väter zulassen, obwohl er kein Geheimniß, kein der menschlichen Vernunft zuwiderlaufendes Dogma enthält. Ihr Unglaube ist die Wirkung der Sympathie und der Nachahmung, keineswegs eines intellektuellen Fortschreitens. Wenn sich die Sache so verhält, wie ich mir sie denke, mag da wohl, ich bitte Sie, lieber Freund, irgend ein Erfolg von den Controversen zu hoffen sein, in die man sich mit unsern Rationalisten einließe? Halten Sie es für möglich, heut zu Tage in ihnen den Nationalstolz zu erwecken, der schon mehr als erstorben ist, und dem Zeitgeiste so gerade zuwiderläuft? Und gesetzt, man wollte einen solchen Versuch machen, dürfte dieß wohl öffentlich geschehen? Jedoch bevor ich gegenwärtiges Schreiben schließe, fühle ich mich zu einer Erklärung verpflichtet. Ich bin nicht so thöricht, mich für unfehlbar zu halten. Ich erkenne also die Möglichkeit einer Täuschung bei meiner Beurtheilung der Rationalisten, oder Deisten, und aller jener Gelehrten, welche die gegenwärtige Verbindlichkeit der Ceremonialgesetze in Zweifel ziehen. Sie können durch mir unbekannte Raisonnements zu einem Schlüsse gelangt sein, der von dem Mendelssohnischen verschieden ist, ohne eine Offenbarung durchaus zu läugnen. Sie, bester Freund! der Sie mit deren Meinungen und Schriften mehr vertraut sind, als ich es bin, bitte und ersuche ich, mich über einen so wichtigen Gegenstand aufklären zu wollen. Sie werden mir einen neuen 21*

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