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Israelitische Annalen · 1839-05-10 · Heft 19 (10.5.1839) · p. Seite 148

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 19 (10.5.1839)
Date
1839-05-10
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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148 Sie führen mir zwei Hindernisse auf: die Macht der Angewöhnung und dieMacht der menschlichen Leidenschaften. Allein mir scheinen beide von geringer Bedeutung. Ich stelle nicht in Abrede, baß Gewohnheit und Leidenschaften eine große Gewalt auf unser Gemüth ausübcn; die tägliche Erfahrung überzeugt uns hiervon zur Genüge. Ich läugne jedoch, daß diese Einflüsse dermaßen unüberwindlich sein sollten, daß -er Mensch sich unwiderstehlich von diesen zwei Tyrannen hinrcißen lassen müßte, ohne sich je wieder ihrer Herrschaft entwinden zu können. Wäre bieß der Fall, so würde sich vergeblich die Philosophie bemühen, den menschlichen Verstand zu erleuchten und gehörig zu leiten, weil die Gewohnheit uns nöthigen würde, unaufhörlich den Vorurthcilen zu fröhnen, welche wir mit der Muttermilch eingesogen haben; und vergeblich wäre gleichfalls alle. Sorgfalt, mit der die Sittenlehrer die menschlichen Handlungen auf den Weg des Rechtes und der Ehrbarkeit zu leiten sich bestreben, weil die Leidenschaften uns stets davon ad- und auf Sen Weg der Sinnlichkeit und des Lasters hinleiten würden. In Wahrheit jedoch ist der Mensch mit freiem Willen begabt, und kann, wiewohl nicht ohne Anstrengung, diese Hindernisse überwinden, den Einfluß der üblen Gewohnheiten zerstören, die eigenen Leidenschaften bezwingen, sich jeder verkehrten vorgefaßten Meinung entledigen, einzig den Aussprüchen seiner gesunden Vernunft folgen, ohne Leidenschaft sich selbst, seine intellektuellen und moralischen Fähigkeiten betrachten, sich deutliche Begriffe von seinem Seelenvermögen, seinen Rechten und Pflichten verschaffen, kurz den Absichten des wvhllhätigen Schöpfers entsprechen und sein Leben seiner hohen Bestimmung gemäß einrichtcn. Wie ich nun mit Ihnen hierin übereinstimme, daß es ein schweres Unternehmen sei, in dem Kampfe zur Vertheidigung eines Iudenthumes aufzutreten, welches, wenn es einmal von allem Ueberflüssigen und Ungehörigen gereiniget wäre, vielleicht weder die eine noch die andere Parlhei befriedigen dürfte, so bin ich doch mit Ihnen bezüglich Ihrer Behauptung von der Unmöglichkeit des Gelingens ganz verschiedener Meinung. Nicht ave sind geneigt, der Vernunft Gehör zu geben; doch hat man in unserem Jahrhunderte Grund zu hoffen, daß die Stimme der Wahrheit nicht ganz verhallen werde, und gerade die Hindernisse vermehren bei Gutgesinnten die Beharrlichkeit und den Muth, je nach Maßgabe des Nutzens, den der Gegenstand ihrer Anstrengungen verspricht. Sollte jedoch Ihre allzufriedliche Gemüthsstimmung Sie abhalten, Ihre Betrachtungen über diesen delikaten Stoff zu veröffentlichen, so sehe ich mit Herzenslust Sie bereit, sich hierüber mit mir in einen privaten Briefwechsel einzulassen. Wollen Sie daher die wenigen Dinge, die ich Ihnen hier nur ganz flüchtig vorgelegt habe, einer Prüfung unterziehen, und wenn Sie dieselben mit Ihrem weisen Urtheile beehren werben, so sollen Sie mich immer mehr geneigt sinden. Ihnen meine Denkungsart zu eröffnen, und die Irrthumer, in die ich etwa verfallen sollte, abznlegen. I. S. R. Israelitische BolksbiHeln. (Zweiter Artikel.) Don Leopold Schott, Rabbinrr zu Nandtgg. (Schluß). Indem ich nun aber am Schluffe meine Bemerkungen noch einmal überlese, so befinde ich mich noch einen Augenblick im Zweifel, ob ich dieselben Herrn vr. Salomon zusenden oder veröffentlichen wolle. Denn ich stand noch nie, auch nur in geringster Berührung mit ihm, und kann daher nicht die entfernteste Ursache noch Absicht haben, seine Verdienste schmälern zu wollen. Im Gegentheile bin ich ihm für manchen lehrreichen Wink, den ich mir aus seinen Predigten gemerkt habe, so wie überhaupt als Mitglied Israels, für dessen geistige Wiedergeburt er sehr vielseitig und heilsam gewirkt hat, zum aufrichtigsten Danke verbunden. < Aber wenn mir nun seine Uedersetzung der fünf Bücher Mose als verfehlt, wenn mir Israels heiligstes Erdtheil in Gefahr erscheint, durch willkührliche und oberflächliche Behandlung, den Nachkommen, die vielleicht zu bequem sein werden, den hebräischen Urtert zu lesen, in einer so entstellten Form überliefert zu werden, daß sie dasielbe weder reizend noch kräftigend finden müssen; wenn diese! Besorgniß um so größer ist, jemehr voreilige Anpreiser sich bemühet haben, die noch nicht erschienene Uedersetzung als die Hauptstütze des Judenthums zu rekommandiren, so ge-! winnt doch das 'r6 ny den Sieg über meine Bei denklichkeit, und ich kann nicht umhin, meine Bemerkungen j in einer Zeitschrift zu veröffentlichen, welche vorzüglicd in i den Händen derer sich befindet, deren Aufgabe und Wille! es ist, das Ansehen der heiligen Schrift zu erhalten, i Ich wende mich aber an alle Partheien derselben, sowohl an die, welche es für Religion halten, zuerst auf der linken und dann auf der rechten Seite zu schlafen (2"nn S. 395), als auch an die, welche fast das ganze bestehende Iubenthum einen Form glauben nennen, dem sie allen moralischen Einfluß adsprechen — obschon man i andrerseits doch so gerne hervorhcbt, wie gerade bei den! Israeliten Wohlthätigkeit, Zucht und Sitte heimisch seien—! (s. Geigers Zeitschrift 4ten Bandes lstes Heft und 2tcr Band S. 458 — 62); ich frage sie Alle, ob sie nicht für das Nothwendigste vor Allem halten, ihre Aufmerksamkeit auf die Schriften zu richten, welche dem Volk in die Hand kommen, und vorzüglich auf die verschiedenen Uebersetzungen der heil. Schrift, deren jede sich als die trefflichste ausgiebt und das Wort Gottes allergetreuest wiederzugeben behauptet? Iür! frage sie, ob hier nicht ihre Bestrebungen einen Vereinigungspunkt finden? ob sie nicht, trotz der Verschiedenheit, wie sie den Vorhof und die Umgebung ihres Heiligthums verziert und besorgt wissen wollen, hier, wo es die Hulh des Allerheiligsten gilt, gemeinsam wirken wollen? Und, wenn sie auch, in Folge ihrer verschiedenen Richtungen, welche, gleich der krummen Linie der Hyperbel, ihren wie einen Abgrund sich öffnenden Schlund, immer weiter aufreißen.

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