Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1839-05-10 · Heft 19 (10.5.1839) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 19 (10.5.1839)
Date
1839-05-10
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3133765-3133766-3133786--0170-3134282
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

146 -er Menge zu gewinnen, und sich bei ihr in Achtung und Ansehen zu setzen in Werk - und Scheinheiligkeit ausartcn? Und war es zum Verwundern, wenn des hochgesinnten und angestaunten Meisters sich manchmal Stolz und Herrschsucht bemächtigten? Dagegen lag es in der Natur eines nach Heiligkeit strebenden Ordens, in dem nur Geprüften und Bewahrten die Aufnahme gestattet wurde, daß er sich immer mehr zum Pietismus und Myfticismus hinneigte, daß namentlich die ganz dem contemplativen Leben hingegebenen Lehrer weiter als andere Sterbliche zu sehen glaubten, und durch ihre Prophezeiungen Aufsehen erregten, daß die finstere Ansicht vom Leben und das Mißtrauen gegen die Welt, die den ersten Impuls zur Stiftung des Ordens gegeben, allmählich überhand nahmen und in Uebertreibungen *) ausarteten, wie sie in keiner größer« unminder ausgesuchten Gesellschaft hätten aufkommen können. Aber aus demselben edlen Stamme, den Schülern der Propheten und erleuchteten Schriftgelehrten entsprossen, von dem gleichen Religionseifer, von dem Wunsche dem von den Vätern überlieferten Gesetze volle Geltung zu verschaffen, beseelt und durchdrungen, dieses Gesetz seinem geistigen Inhalte nach auffassend, den Zeitverhältnissen anpassend und durch neue Institutionen stützend, standen sie nicht gegen einander, sondern nebeneinander**), beide, jene durch Wort und Lehre, diese *) Z. B. Die Ehelosigkeit, die aber auch von einem Theile des Ordens verworfen wurde, der indessen den Zweck der Ehe auf Fortpflanzung des Menschengeschlechts beschränkte. **) Dieß geht schon daraus hervor, daß der pharisäische Priester, Iosephus, der Essäer überall mit Ruhm erwähnt, mit einem gewissen Nationalstolze von ihnen erzählt, während er auf die Sabducäer gar nicht gut zu sprechen ist. Im Talmud kommen sie auch nie als eine besondere Sekte vor, und ist uns keine kontroverse zwischen ihnen und den Pharisäern (wie so viele zwischen diesen und den Sadducäern) aufbehalten worden, während er Manches von den Altfrommen berichtet, das offenbar von ihnen herrührt. (Siehe Gesch. d. jüd. Poesie von Delizsch S. 25. Anm. 1). Die Mischnah Megillah IV. 8, wo von gefärbten und weißen Kleidern die Rede, ist nicht gegen Essäer gerichtet, deren Orden zur Zeit der Abfassung längst (?) nicht mehr bestanden, sondern gegen die Samaritaner, DTTD/ die ihren Gottesdienst in ttteißen Kleidern und ohne Schuhe verrichten» was dort ebenfalls als verdächtig durch Werk und Beispiel das Volk erbauend und das heilige Feuer des Glaubens in ihm anfachend und unterhaltend, bis sie nach der Zerstörung des Tempels, wo der Orden der Essäer sich auflösen mußte, in einander übergingen. Daß die Ansicht der weit zahlreichern und populärer» pharisäischen Parthei das Uebergewicht erhalten mußte, ist sehr begreiflich, jedoch geschah dies nicht ohne bedeutende Elemente des Essäismus in sich aufzunehmen * *), während der kalte, dem Buchstaben huldigende Sadducäismus, dessen Stärke, wie es scheint, im Proteftiren bestanden, ohne in sich zu einer festen Con- ( sequenz zu gelangen, und'der" ein Staatsgesetz zur Religion erhoben, die Auflösung des Staates nicht lange überleben konnte. **) Verfolgen wir rückwärts den Ursprnng beider Richtungen, so ist Esra, der sich vorzesetzt „in Israel Gesetz und Recht zu lehren" (Es. 7, 10) mit Recht von jeher als. das Prototyp der Pharisäer angesehen worden und lautet in der That die Vollmacht, die er vom persischen Monarchen mitgebracht (das. 7. 25,26), fast wie die Bestallung eines später» Synedrialvorftehers. Wir glauben aber auch die Keime des Essäismus in der heil. Schrift zu entdecken, und zwar im Buche Koheleth. Dieser Hypothese scheinen zwar bei'm ersten angegeben wird. (Jost, Allgem. Gesch. des israel. Volkes, II. Band, S. 195). *) Aus dieser Quelle scheinen gesogen zu haben R. Akiba und Ben Asai^ die berühmten Lehrer, die in der Entwickelung des Rabbinismus Epoche gemacht, die sich in das Paradies der Geheimlehre gewagt, das so vielen zum gefährlichen Labyrinth geworben (Chagigah f. 14 b). Man nehme noch dazu, daß letzterer entweder unverehelicht geblieben oder sich von seiner Frau getrennt (Sotah f. 4 b.) und ersterer sich von der ihm Verlob- - ten auf viele Jahre entfernt (Ketuboth k. 62. b.) so wie auch welches Gewicht dieser auf das Händewaschen vor dem Essen gelegt (Erubin f. 21 b.), und die Seelengröße, die er in der ruhigen Ertragung der gräßlichsten Qualen und in der Verachtung des Todes bewiesen (Berachoth f. 61 b.), die Iosephus den Effäern nachrühmt. **) Die Anhänger desselben scheinen großentheils zum Chrissenthum übergegangen zu sein, (?) das für sie in der That ein Fortschritt, eine Erhebung vom Naturalismus zum Spiritualismus war. Manche Bestimmung hingegen, z. B. die Ansetzung des Pfingstfestes, nahmen die Christen von ihnen an. (?)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.