Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 16 (19.4.1839)
- Date
- 1839-04-19
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 lichsten in -er unbeschränktesten Gewissensfreiheit kund, welche durchweg herrscht, so daß die entschiedensten Anhänger bestimmter Religionsansichten im Familienverbande, wie im Verkehr und Umgänge friedlich nebeneinander bestehen, und bei den entgegengesetztesten Wünschen doch einander in keiner Art belästigen oder verletzen. Dieser wahrhaft männliche' Charactcr der Gemeinde ist die beste Bürgschaft für die durchgreifende Kraft des edlern Sinnes und fernere Gediegenheit der Leistungen. Daß nun in solchem Verhältnisse, .zumal da noch sehr wesentliche Punkte ihre Erledigung erwarten, mitunter einzelne Mängel schmerzlich empfunden werden, daß sie bald der Unkunde zu allerlei Mißverständnissen Anlaß geben, bald die Streitsucht sie zur Friedensstörung benutzen möchte, liegt in der Natur der menschlichen Gesellschaft, die einen ächten Frieden immer nur durch Kämpfe erlangen und durch scharfe Wachsamkeit behaupten kann. Der klar schauende Geist darf sich dadurch nicht irren lassen, auch von so einzelnen Erscheinungen krankhafter Zustände nicht bestimmt werden, das gewonnene Unheil zu modificiren. Vielmehr müssen solche einzelne Vorfälle ihn nur in dem Wunsche bestärken, daß es der oberen Leitung dieser Gemeinde ferner gelingen möge, den Ursachen etwa vorhandener Uebel nachzuspüren und ihnen wo möglich abzuhelfen, die Unkundigen eines bessern zu belehren, denen aber die wirkliche Mängel aufdecken, dankbar die Harrd zu reichen und mit ihnen gemeinsam das Bessere nach Kräften zu erzielen. Solche Resultate sind jedoch nur zu erreichen, wenn an der Spitze der Gemeinde Männer stehen, welche die hierzu nöthigen Eigenschaften besitzen, wie sie der vorstehende Aufsatz, gemäß den bereits in Nr. 7. S. 52 der Annalen ausgesprochenen Gedanken, charakterisirt. Diejenigen, welche das Heil von partheisüchtigen, befangenen oder gar ungebildeten und unwissenden Personen erwarten, weil solche etwa während des Kampfes geschäftig und einflußreich erscheinen, würden sehr bald ihren Mißgriff bitter zu bereuen Ursache haben, wie dies in so manchen auswärtigen Gemeinden urkundlich dargethan werden kann. - Um so wichtiger Ist es für jeden Wohlgesinnten, diesen Gegenstand mit angemessenem Ernste zu überdenken> und mit der strengsten Gewissenhaftigkeiezu erwägen, damit nicht oine der erftcit Gemeinden Israels, welche andern zum Vorbilde dient, in ihrem schönsten Entwickelungsgange gestört werde, und ein trauriges Bild innerer Zerrüttung darbiete, anstatt der wackern Tüchtigkeit und kräftigen Einheit, welche, ungeachtet einiger durch die Umstände hervorgerufenen, wohl leicht auszugleichenden Streitigkeiten, sie noch jetzt auszeichnet und mit dem Beistände des Höchsten noch ferner auszeichnen wird. _ Das Schulwesen der Israeliten im Großherzogthum Hessen in den. letzten 25 Jahren. (Schluß.) 3. Wahrhaft beklagenswerth ist aber unterdeß der Zustand der sogenannten Religionsschulen in unserem Vaterlande. Diese werden Abtheilungsweise von den Schülern besucht, welche den übrigen Unterricht in der Volksschule erhalten. Das Schulzimmer ist eine bewohnte Stube; der Religionslehrer meist nichts weniger als Lehrer, und das Lehrbuch ein für die Kinder unverständlicher Katechismus. Dieser wird dem Gedächtnisse der Jugend von einem Menschen, welcher mit der Rechten seinen Stab schwingt, mit der Linken aber seine Pfeife hält, mit roher Gewalt eingebläuet, ohne Anstand, ohne Erläuterung, ohne Begriffsentwickelung. Wie kann es auch anders sein, wenn hergelaufene Handwerksgesellen, herumftreichende Polen und müßige Bursche 'aller Art zu so heiligem Geschäfte angenommen werden? — Eine Verordnung vom 15. April 1835, welche in Gemäßheit höchster Entschließung, mittelst Rundschreibens an die Evang. Decane des ganzen Großherzogthums, betreffend die Prüfung solcher Lehrer erging, setzt zwar fest, daß jeder Candidat dieser Art geprüft werden solle, ob er allgemeine Bildung, genügende Lehrgaben und Geschicklichkeit besitze, ob er von seinem Berufe würdige, von schädlichen Vorstellungen freie Begriffe habe, ob er sich's zur Aufgabe mache, nicht sowohl die genaue Befolgung einzelner Ceremonien, als vielmehr die sittliche Veredlung seiner Glaubensgenossen, und die Verbreitung solcher Begriffe zu befördern, welche dem Culturforrschritte der Israeliten und dem bürgerlichen Gemeinwesen überhaupt nicht nachtheilig seien. —Wie leicht aber ein jeder, noch so unwürdige Aspirant sich auf ein Stündchen in der Studirstube eines Decans zu dergleichen Ansich- 16»