Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 15 (12.4.1839)
- Date
- 1839-04-12
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 fen, der ihr die Schüler entzieht. Beides ist ihr selbst nachtheilig, und eine Concurrenz mehrerer Anstalten ist auch hier das einzige Mittel, um die Lehr- und Studienfreiheit zu beschützen. Ja, eine alleinstehende Anstalt wird auch fortwährend mit Verkennung und Mißdeutungen zu kämpfen haben. Man weiß von wie vielen Nebendingen das Urtheil der Welt über Leistungen der Geistlichen und Volkslehrer abhängt, und wie leicht die Religiosität oder die Richtung derselben bemakelt wird; wie viel schwieriger wird nun erst die Stellung derjenigen Männer, welche durch ihre wissenschaftliche Tüchtigkeit als Lehrer künftiger Rabbinen fungiren, wenn sie, wie das im Durchschnitt immer der Fall sein wir-, jener oft ganz grundlosen Vorurtheile nicht achten, und dadurch ihre eigene Religiosität bei einem großen Publikum in Frage gestellt sehen. Welche reiche Quelle für Mißtrauen und Anschwärzung und für Anklagen aller Art, die im schwächsten Fall eine Verlassenheit der Anstalt zur Folge haben. Und gesetzt es ergäben sich gerechte Ursachen zu Klagen, wer soll diese führen, bei wem, nach welchen Grundsätzen und mit welchen Beweisen? Gesetzt einige der angestellren Lehrer wichen in ihrer Lehransicht bedeutend von andern ab, was wird aus solcher Religion- und Rabbinenschule? — Abermals bleibt, wofern man nicht bloß Sinecuren*) gründen will, kein anderer Ausweg, als die Errichtung mehrerer Seminarien und höheren Schulen, damit der Wetteifer regsam erhalten und eine Verschiedenheit des Unterrichts, unbeschadet des zu erreichenden Zweckes möglich sei. Dann kann jede Gemeinde entweder ihre Jünglinge da bilden lassen, oder ihre Rabbinen aus derjenigen Schule wählen, wo ihr der Unterricht am gediegensten ertheilr zu werden scheint. Auch erleichtert dies in der That die Ueberwachung der Anstalten selbst durch nahestehende Behörden, oder durch die öffentliche Meinung, welche ftärkern Einfluß behauptet, wenn keine sich als alleinstehend betrachten kann. *) Don Süddeutschland her ist ohnehin kein sonderlich lebhafter Besuch solcher Anstalten zu erwarten, so lange die trefflichsten Talente der zahlreichen und unversorgten Candidaten vergebens auf Stellen warten, auf welche diese vermöge der erwiesenen guten Studien und ihrer unbestrittenen Qualification ein Recht haben, welches ihnen der Fanatismus vorenthäkt. Wir begnügen uns vorläufig mit diesen Andeutungen, welche nicht die Idee selbst als unausführbar darzustellen bezwecken, sondern vielmehr zeigen sollen, daß für diejenigen Gemeinden und Privaten, welche in größerm Maßstabe wirken könnten und möchten, Gründe vorhanden sind, um den ersten Versuch abzuwarten, und danach sich zu entschließen, ob es in der That dem Allgemeinen zuträglicher erscheinen dürfte, alle Kräfte und Mittel auf eine einzige Anstalt zu vereinigen, oder lieber für die verschiedenen Länder durch verschiedene, wenn auch minder großartige Institute — wie das bei den bisherigen, jetzt völlig unbrauchbaren Rabbinenschule» der Fall war — nach Kräften zu sorgen. Ob diese Rücksicht nicht darum doch das Beisteuern zu dem ersten Versuche räthlich mache, ist eine andere Frage. Wir möchten sie bejahen, weil dadurch die Sache der Ausführung und der Weiterbildung jedenfalls näher gebracht wird, als wenn gar nichts geschieht. Wir halten aber zugleich dafür, daß es zweckmäßiger sein dürfte, mit kleinerm Versuche den Anfang zu machen, und mit der Erfahrung immer fortzuschreiten, um allen den Bedenklichkeiten, welche eine große Anstalt noch vor ihrem Entstehen allerdings darbietet, allmählich zu begegnen, und so auf langsamerm aber sichererm Wege das Gute zu bewirken. Uebrigcns öffnen wir dieses Blatt gerne weitern gründlichen Diskussionen über diesen für alle deutschen Israeliten wichtigen Gegenstand. Wohlthätige Anstalten. Der Rechenschaftsbericht des Vereins zur Versorgung armer israelitischer Waisen und verwahrloster Kinder zu Stuttgart, vom Jahr 1838, bietet so interessante Notizen dar, daß wir unsere Leser ganz besonders darauf aufmerksam machen. Aus dem vorgedruckten Vortrage des Herrn vr. med. S. Dreifuß theilen wir folgende Stelle mit; sie wird genügen, um zu zeigen, was mit geringen Kräften bei regem Willen und wahrer Menschenliebe ausgerichtet werden kann, und gewiß hie und da die Nachahmung wecken und ermuntern. „Wer von uns hätte damals, als sich vor acht Jahren ein kleiner Kreis von Männern in hiesiger Stadt verband, ein Gedeihen wie das vor Augen liegende, auf diese Zeit vorauszusagen gewagt? Seit jener Zeit hat unsre Sorgfalt sich über 45 Kinder erstreckt, 7 Kinder davon sind bei Handwerkern, und 4 Mädchen bei Dienstherrschaften un- 1