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Israelitische Annalen · 1839-04-05 · Heft 14 (5.4.1839) · p. Seite 107

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 14 (5.4.1839)
Date
1839-04-05
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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107 Briefwechsel über religiöse Zustände. S. D. Luzzato in Padua an I. Reggio in Görtz. (Fortsetzung.) Verzeihen Sie mir, liebster Freund, diese Abschweifung; ich beeile mich, zum Gegenstände dieses Briefes zurückzukehren, nämlich zum Streite zwischen dem Rationalismus und dem Supernaturalismus, und erlaube mir die Behauptung, daß dieser Streit im Schooße des Iudenthums weit mehr als bei andern Nationen mit den Interessen^ Gefühlen und Leidenschaften der Streiter aufs Engste verknüpft ist. Unter uns geht der Rationalismus häufig Hand in Hand mit einer innigen Verachtung der eigenen Nation, alles dessen, was sich vom reinen Iudenthume entlehnt, und fast aller in ihm gefeierten Personen, mit Ausnahme jener, deren Judaismus durch eine tüchtige Dosis Eroticismus neutralisirt worden; mit einer Verachtung, die im Iudenthume nichts Originelles, nichts Charakteristisches, weder im Guten noch im Bösen, aufkommen, und in ihm alles als unächt, alles als Nachahmung, alles: Meinungen, Gebräuche, selbst die bürgerlichen Kriminal- und religiösen Gesetze als von andern Völkern entlehnt ansehen läßt. Bei uns ist der Rationalismus verbunden mit der lebhaftesten Begierde, die Glaubensgenossen lediglich den civilisirten Nachbarvölkern gleichzustellen, die jüdischen Forschungen eine der christlichen Theologie gleiche Wissenschaft, die Synagogen protestantische Tempel werden, und die Erziehung, die Sitten, das Leben, den Tod der Juden dem Christenthume nachahmen, bis zur Gleichheit nachahmen zu sehen. Emancipation!*) das ist die größte Wohlthat für die Rationalisten unserer Nation. Ihr Herz bewundert das Fortschreiten aller Völker und sieht mit Schmerz oder Geringschätzung die Langsamkeit des Fortschreitens ihrer Mitbrüder; eine Langsamkeit, wovon sie die Quelle in den Vorurtheilen der Erziehung, in der Anfänglichkeit und der den alten Meistern bezeigten Verehrung finden. Der Supernaturalismus im Gegentheil ist unter uns verbunden mit einem nationalen Stolze, mit der Ueberzeugung von der Originalität, von der Göttlichkeit des Iuden- *) Der Vorwurf mag hie und da gereckt sein, aber die israelilischen Theologen Deutschlands trifft er nicht. Uns ist keiner bekannt, der solche Wünsche und Bestrebungen durch Schriften kund gegeben hätte. Die meisten Katechismen sind zwar nur dürftige und farblose Nachbildungen, aber dergleichen Bücher sind ohne Einfluß auf's Ganze. Die Tempel und gottesdienstlichen Anstalten haben unter den abweichendsten Formen noch Eigenthümlrches genug, um nicht der völligen Neutralität beschuldigt zu werden. Die Schriften auch der jüngsten Rabbinen aber sind im Allgemeinen orthodox und höchstens in gelehrter Hinsicht gegen Bisheriges polemisch. Keine von ihnen hat Emancipation zum Gegenstände. Diese wichtige Angelegenheit wird von israelitischen Publicisten und Geschichtsforschern eifrig besprochen; — wäre sie denn nicht bas einzige Mittel zur Tilgung so vieler Uebel, deren Existenz kein Supernaturalismus in der Welt hinweg interpretiren kann? I. thums, von seiner Erhabenheit über alle Bildung und Civrlisation, mit der Ueberzeugung, daß nur die Einführung des Erotischen dasselbe zu verderben im Stande ist, so wie nur die Rückkehr zur alten Reinheit dasselbe wieder herzustellen vermag. Er ist verschmolzen mit der alten rohen Einfalt, mit dem Mißtrauen und der Abneigung gegen alles, was ihm als modern erscheint; mit der Trauer über die Entwürdigung der Bekenner des Iudenthums, welche, erkohren die Lehrer und Muster des Menschengeschlechtes zu sein, nichts anders sinnen, als sich zu Affen ihrer Nachbarn zu machen; er ist verwebt mit dem lebhaftesten Schmerze, womit er sehen muß, wie jene edle Freigebigkeit, die man einst zu Gunsten der Mitbrüder, zur Ehre der Religion und der heiligen Bücher verwandte, nun für Lurus und alles vergeudet, was der Selbstsucht schmeicheln kann. Die äußere Emancipation ist nicht das von unfern Supernaturalisten erseufzte Gut, sondern die innere, das ist die Befteiung vom Einflüsse des Exoticismus. Scheint Ihnen, theuerster Freund, die Aussöhnung zweier von so entgegengesetzten Gesinnungen und Leidenschaften beherrschten Parlheien wohl je möglich? Was thue ich nun bei dieser Sachlage, ich, den Sie einer strafwürdigen Unthätigkeit zeihen? Ich bestrebe mich, durch meine gedruckten und ungedruckten Schriften die Liebe zu den jüdischen Gegenständen in eigentlichem Sinne zu beleben, eine Liebe, die ich von Tag zu Tag abnehmen sehe; mein Bestreben ist dahin gerichtet, das Leben der hebräischen Sprache und Literatur möglichst zu verlängern, welche letztere nach meiner Ansicht die einzigen Mittel sind, die Liebe zum Iudenthume in Frische zu erhalten; endlich bemühe ich mich zu gleicher Zeit in die hebräische Literatur den Saamen einer gesunden Kritik zu streuen, das einzige Mittel, nach und nach das Iudenthum, wie es jetzt besteht, von der großen Menge Verunstaltungen zu reinigen, die es entwürdigen. Und schon in einem vor 18 Monaten an Sie gerichteten Briefe habe ich einige Sätze vorgebracht, die mir den Haß vieler polnischen Rabbiner und auch von anderer Seite zugezogen haben, die mir nun dergestalt drohend gegenüberstehen, daß ein von mir wegen seiner Gelehrsamkeit und Philosophie hochgeschätzter Freund, dessen persönliche Bekanntschaft ich vor zehn Jahren gemacht, und der mir seit jener Zeit nie geschrieben, sich für verpflichtet gehalten, sein Stillschweigen zu brechen und in einem heute mir zugekommenen Briefe mich rathweise angeht, jenes Schreiben zu verläugnen, und so von meinem Haupte ein schweres Ungewitter abzuwenden. Allein dieß erschrecket mich wahrlich nicht im Mindesten, und ich fühle mich mehr und mehr zufrieden, jenen Brief geschrieben und der Oeffentlichkeit übergeben zu haben. Ich bekenne, daß mein Herz zu friedsam ist, als daß ich mich entschließen könnte, den Kampfplatz zu betreten, um gegen beide Partheien einen Judaismus zu vertheidigen, der nur in meinem Sinne und Herzen lebt, und in dem Sinne und den Herzen einer sehr geringen Zahl anderer Menschen, und obendrein ohne irgend eine Aussicht auf Erfolg zu verthei-

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