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Israelitische Annalen · 1839-03-29 · Heft 13 (29.3.1839) · p. Seite 99

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 13 (29.3.1839)
Date
1839-03-29
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 in einer so erleuchteten Gegenwart, ganz außer sich gerathen; und so kommt es -enn niemals zur That und die Verbesserung bleibt immer nur ein allge- . meiner Wunsch. Bei so vielen Beispielen einer herrlichen Wirkung guter Schulen sollte man nicht glauben, daß noch immer der Eigensinn mehr durchsetzt, als die feste und wohlbegründete Ueberzeugung von dem wohlthätigen Erfolge eines nach vermittelten Ansichten angeordneten Schulwesens, wozu die vorhandenen leicht Muster darbieten, die nach Umständen überwogeu werden können. (Schluß f.) Briefwechsel über religiöse Zustände. S. D. Luzzato in Padua an I. Reggio in Görtz. *) Padua den 15. Zanuar 1839. Liebster grj.unfc! Es ist schon längeHnl ein Jahr, daß Sie mir von Zeit zu Zeit die sorglose Nachlässigkeit Vorhalten, mit welcher ich bei der Spaltung, die sich nach Ihrem Urtheile zwischen den Israeliten in Deutschland zu bilden beginnt, einen müßigen Zuschauer abgebe, und sich darüber beschweren, daß ich mich während einer solchen Krisis so ganz ruhig mit rein literarischen Untersuchungen befassen kann, da ich nach Ihrer Meinung meine Kräfte für Gegenstände von weit größerer Wichtigkeit und nationaler Nützlichkeit verwenden könnte und sollte. Auf Ihre wiederholten dringenden Aufforderungen habe ich mehrere Male ausweichende Antworten gegeben; allein ich sehe endlich, daß ein Freund, wie Sie es sind, das Recht hat, zu verlangen, daß ich ihm mein Herz öffne, und ihm ganz einfach die wahren Beweggründe darlege, welche mich gewaltsam davon zurückhalten, diesen Kampfplatz zu betreten. Sie ermunterten mich, zur Vertheidigung der Religion unsrer Altväter die Waffen zu ergreifen, dieser Religion, welche heut zu Tage von vielen zu einem bloßen Deismus zurückgeführt werden möchte, und ich sagte Ihnen, daß die Vertheidigung des Supernaturalismus einen anerkannten Mann erheische, einen Mann von literarischer Berühmtheit, einen Mann, der insbesondere wegen seiner philosophischen Freiheit im Denken bekannt ist. mit einem Worte einen Mann, an den sich weder Verachtung noch Spott der starken Geister wagen, von dem sie nicht sagen könnten: Er ist ein Schwärmer. Fällt doch der Mißkredit des Anwalts natürlicher Weise auf die von ihm vertretene Sache zurück. Darum stand ich ausbeugend Ihren Aufforderungen gegenüber. Jedoch um es Ihnen einfach und rein herauszusagen, wie ich denke, so darf sich der große Kampf nicht endigen mit dem Siege der einen und vollständigen Niederlage der andern Parthei, sondern mit Schwächung beider; der große *) Das italienische Original ist von Herrn Reggio selbst in's Deutsche übertragen. Ueder Luz. f. Nr. 2. S. 6. Streit darf nicht enden mit Verdammung des einen der streitenden Theile, sondern mit einer freundschaftlichen Verständigung. Beide Theile haben ihre Ansprüche so weit getrieben, daß beide Unrecht haben, und keiner weder eine gänzliche Unterdrückung noch einen vollen Triumph verdienet. Wer sich aber als Vermittler zwischen beide Partheien stellen, und beide zur Einsicht bringen wollte, würde sich ohne Zweifel der Gefahr aussetzen, beide verdrießlich zu machen, und weit entfernt, den Frieden wieder herzustellen, würde er sich nur den Haß beider zuziehen. Der Einfluß der Gewohnheit wirkt entscheidend nicht nur auf die Bewegungen des Körpers, sondern auch auf die Urtheile des Verstandes, und die an den sogenannten Rationalismus gewöhnten Geister werden äußerst selten zum Supernaturalismus zurückkehren wollen; die Menschen hingegen, welche in der Verehrung zahlloser Gegenstände ausgewachsen sind, die ihr ganzes Leben hindurch ihren Trost und ihre Hoffnung ausmachten; Menschen, die in Folge der Erziehung oder der Gewohnheit entweder nicht denken, oder nicht anders denken, als auf die Grundlage der eingesogenen Grundsätze; solche Menschen, sage ich, haben wohl äußerst schwer die Kraft, darauf zu verzichten. Die Annäherung beider Partheien stellt sich daher fast als eine Unmöglichkeit heraus. Ich sage fast und nicht schlechterdings, weil ich glaube, baß die von den Urtheilen des reinen Verstandes oder von der bloßen Jdeenverschiedenheit herrührenden Hindernisse doch endlich überwunden werden dürften. Allein ich sehe andere Hindernisse von einer schlechterdings unbesiegbaren Natur, und dieß sind solche, die nicht im Verstände, sondern im Herzen ihren Ursprung haben. Der Streit zwischen den zwei Systemen, dem Rationalismus und dem Supernaturalismus ist kein Streit aus reiner Spekulation; er bezieht sich auf weit höhere Interessen des Menschen und der Gesellschaft; er kann somit nie ohne Leidenschaftlichkeit behandelt werden, wie etwa eine physikalische ober philologische Untersuchung. Und eben Ließ, um es im Vorbeigehen zu sagen, ist die Ursache des langsamen Fortschrittes, den die Philosophie macht, welche im Gegentheile, anstatt auf geradem Wege zur Gewißheit und zur Vereinigung aller Schulen in. eine einzige vorwärts zu schreiten, so zu sagen nur einen Kreisweg zurückzulegen scheint, auf welchem sie uns fortwährend die nämlichen Systeme im Wechsel vorführt. Dieß kommt daher, daß viele philosophische Untersuchungen nicht ganz ohne Leidenschaft abgehanbelt werden können, weil ja der Mensch, das denkende Subject, zu gleicher Zeit der Gegenstand des Denkens ist, und sich der Mensch in seiner Untersuchung über den Menschen äußerst schwer und nur auf kurze Zeiträume seiner Empfindungen, seines Stolzes, seiner Wünsche, und aller der Täuschungen seines Herzens bar zu machen im Stande ist, wie es erheischt würde, um ein richtiges Urtheil über den Menschen, seine Kräfte u.s.w. zu bilden. Und wenn auch unter den Tausenden der Philosophen sich einer befände, der einer leidenschaftslosen Behandlung der philosophischen Aufgaben fähig wäre, so müßte seine Stimme nothwendiger Weise von dem Geschrei jener Tau- 13*

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