Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 11 (15.3.1839)
- Date
- 1839-03-15
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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85 der Ruf, — der mich zu qualenreichem Dasein schuf? — ' wohl besser war's, ich blieb einst dort — als daß ich ausging, Schuld zu häufen fort und fort. — O großer Gott! bring doch die Lieb' mit in's Gericht, — und nicht d n Zorn, du möchtest mich vernichten! — Was ist denn auch der Mensch, — daß du ihn labest vor Gericht? — Was das verstoß'ne Nichts, — daß du's versuchest im Gericht? — Wirst du es auf die Waage geben, — sie wird nicht sinken, sich nicht heben; — und was denn frommt dir's auch, — Gewicht zu geben eitlem Hauch? l) — Von seines Lebens erstem Tag' — folgt ihm das Elend drängend nach, — er ist von Gott geschlagen, — voll Qual und Plagen. — Sein Anfang gleich verjagter Streu, — sein Ende gleich verwehter Spreu, — im Leben, wie ein Kraut, von Brand verzehrt — und dieser Flüchtling ist's,, den Gott begehrt?3) — Seit jenem Tag, da aus dem Mutterleib' er kam, — füllt Kummer seine Nacht, und seinen Tag der Gram; — heut läßt er hoch sich hegen, — und morgen wirb er Würmer pflegen; — Spreuflitter kann ihn verjagen, — Dornsvlitter ihm Todeswunden schlagen. — Fühlt er sich satt und voll, — fehlt er aus Bosheit toll: — fühlt er des Hungers Noth, — fehlt er um's Stückchen Brod. — Dem Reichthum nachzudringen, — regt er des Adlers Schwingen. 3) — Den Tod er doch vergißt, — der ihm im Rücken ist. — Zn der Enge — hat er Wort in Menge, — übt er Reden glatt, — an Gelübden nimmer satt — doch kommt er in weiten Raum, — da waren die Worte Traum, — und seine Gelübde Schaum. — Und Thor und Riegel schließt er zu, — und der Tod hält schon im Zimmer Ruh'; — und Wächter stellt er üb'rall aus, — und der Hinterhalt liegt schon im Haus: — dem Wolf wird kein Zaun ein Hinderniß sein,— zu kommen zur Heerde hinein. — Er kommt, und weiß nicht, warum? — freut sich, und weiß nicht, womit? — Und lebt, und weiß nicht, wie lang? — Zn seiner Kindheit, starr gesinnt — geht er auf eigenen Wegen; — doch der Geist des Herrn wenn ihn beginnt — zu rühren mit mächtigen Schlägen — *) — da treibt's ihn zu sammeln Gut und Geld, — er zieht von der Heimath hinaus in die Welt, — das Schiffsroß zu besteigen, — durch Wüstenei'n zu streichen, — sein Leben in des Leu'n Revier zu tragen, — und unter Bestien sich herum zu schlagen. 5) — Und glaubt er nun, wie viel er gethan, — wie Großes die Hand gefunden — schnell fällt ihn, den Sichern, der Räuber an, — auf blickt er, und es ist verschwunden. — Und allzeit — steh'n Unfäll' ihm bereit; — sie ziehen fort, — und andre trelen an ihren Ort; — Und jede Stunde — bringt böse Kunde; — und Mißgeschick — bringt jeder Augenblick; — und alle Tag' — stell'n ihm die Schrecken nach, — kaum gönnt ihm die Minute Ruh', — kommt ihm das Unheil schon im Nu! — Ob er zieht zu Feld — und ihn trifft das Schwert, — oder ob geschnellt — ihn der Pfeil durchfährt; — oder ob der Leiden Heer — drängend 1) Job. 28, 25. 2) Pred. 3, 15. 3) Jer. 4, 13. 4) Nicht. 13, 25. 5) Ezech. 1. 13. ihx umringet, — oder ob des Unglücks Meer — wogend ihn verschlinget, — oder Krankheit hart und schwer — endlich ihn bezwinget: — bis lästig er die eigne Seele drücket, — und Schlangengift im Honigseim erblicket. — Und wie sein Schmerz im Steigen, so sein Verstand im Weichen, — Buden verlachen ihn, — Knaben regieren ihn; — den Kindern fällt zu Last er sehr, — sein guter Freund kennt ihn nicht mehr; — und kommt nun seine Zeit — dann lenket Er — aus seiner Höfe Mitte — zum Todtenhof die Schritte; — und zieht aus schattigem Gemach — hin zu des Todes Schattendach; — und zieht auS buntes Gewand, — und zieht an buntes Gewürm; — und läßt des Kermeswurmes Seide, — der Wurm wird selber ihm zum Kleide: — und legt sich in die Erd', und steiget wieder — zu seines Urstoffs dunkler Heimath nieder. — Und dieser Mann, also bestellt, wie findet Er die rechte Zeit zur Wiederkehr? — zu waschen ad die Krankheitsspur — der ausgearteten Natur? — Kurz nur währt des Tages Frist, — doch sehr groß die Arbeit ist; — und die Dränger passen auf, — sind stets wach und auf dem Lauf, — und die Zeit entflieht, — und der Hausherr ist des Wartens müb'. *) — Drum, o mein Gott, schau doch herab, — was uns für Elend quälet! — und wenn ich mich verschlimmert Hab', — bleib du von Lieb' beseelet! — Bezahle doch nicht Maaß mit Maaß — dem, dessen Sünden ohne Maaß, — der einst im Tode scheidet, — von keiner Herrlichkeit begleitet. — Literari sch -historische Notizen. Bekanntlich sind über den Ausdruck R. Elieser Ben Jakob Kaliri aus Kirjath Sepher allerlei Conjecturcn, betreffend diese Bei- und Heimath-Namen, gemacht worden. Der bekannte Forscher, Isaak Reggio, Verfasser des in diesen Blättern mitgetkeilten Aufsatzes über die Psalmen — eröffnet uns hierüber seine Ansicht, welche eine besondere Beachtung verdient. Aus der Art, wie bei den Juden sehr häufig die Namen ihrer ursprünglichen Heimath, anfangs mit dem Zusatze von oder aus (2), nachher aber schlechtweg als Beinamen beigefügt worden, schließt er, baß die Vorfahren des Dichters aus Kalir, welches höchst wahrscheinlich, aller Einwendungen ungeachtet, Cagliari auf Sardinien sein wird, herstammten, und dies Beiwort führten, als sie und vielleicht noch der Dichter selbst in Kirjath Sepher wohnten, von welcher Stadt er selbst nachmals mit Beibehaltung des zum Familiennamen gewordenen ersten Stadtnamens wiederum eine neue Bezeichnung erhielt. Die Stadt rv*lp aber hält er für keine andere als civita di penna in den Abruzzen. Obgleich der hebräische Name nicht gerade dem Italienischen entspricht, so darf man doch annehmen, daß die Gewohnheit, europäische Städtenamen mit ähnlichen biblischen auszudrücken, auch hier obwalte, so wie die Rabbinen oftmals nicht so streng in 1) Sprüche der Väter, Abschn. 2, Mischna 2«.