Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 11 (15.3.1839)
- Date
- 1839-03-15
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3133765-3133766-3133778--0098-3134202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
walk, noch Eigennutz, noch langweilige Controverse, noch geheime Proselitenmacherei, — wie glücklich auch in Untergrabung der Sittlichkeit und des häuslichen Friedens — vermögen etwas gegen den Kern einer in sich geschloffenen Kirchengemeinde. Kann sie zerfallen, so muß sie zerfallen, und jede Nachhülfe ist unnöthiger Vorwitz. SM sie aber auf festem Grunde, so sind die Versuche unergiebige Krafiverschwendung. Man kennt den Gang der Synagoge durch die lange Geschichte hindurch. Sie hat durch die Anfechtungen von außen her keine eigentliche Veränderung erfahren, aber durch innere Entfaltung, und-unwillkührliche Einwirkung fremder Geistesthätigkeiten hat sie manchen Sprößling abgesetzt, welcher, wenn auch dem Anscheine nach ganz andere Früchte tragend« doch mit ihr von gemeinsamem Keime herstammt, und also nur eine natürliche Fortentwickelung ihres Wesens ist. Man suche daher nicht äußere Gründe der Dauer, wie dergleichen oft mit dem Triumphe einer gemachten Entdeckung Vorgebracht werden; wenn gesagt wird: „Leuchtet nur mit dem Lichte der Wissenschaft hinein , so verschwinden die Nebel der Unwissenheit! oder: Hebt nur den Druck hinweg, so ermattet der -Widerstand!" und dergleichen mehr, so glänzt der Gedanke, aber Wahrheit hat er nicht; denn die RMgionen verstehen es, die Wissenschaft mit in ihren Bereich zu ziehen, und werden im Allgemeinen durch Meiheitt»'nicht verlockt. Beides ihnen vorenthalten wäre Tyrannei, aber von ihnen den Untergang einer Kirche erwarten, zeugt nur von Unkunde in der Geschichte der Menschheit. Wenn irgend eine Secte sichern Boden gewonnen hat, so ist es die der Karaiten. Bewiesen hat sie es nunmehr durch eine über tausend Jahre bestehende Geschichte, durch Ueberwindung großer Hindernisse in den ersten Jahrhunderten ihres Daseins, durch eine sich gleichbleibende innere Haltung und durch möglichst klare AuffassungMres Prinzips. Dem äußern Drucke verdanken sie sehr wenig; denn seil vielen Jahrhunderten genießen sie einer ganz ungestörten Freiheit; dem innern Drucke —welchem neuere Gelehrte die Dauer der Synagoge zuschreiben wollen — noch weniger, denn von geistlicher Gewalt ist bei ihnen die Rede nicht; der Unwiffenheir und dem Fanatismus darf man nicht zu viel beimeffen, denn sie suchten so gut wie die Gelehrtem in der Synagoge stets fremde Wissenschaften zu erwerben, so weit ihnen solche aus arabischen Quellen zufließen; kurz, bei ihnen zeigt sich deutlicher als irgendwo die Gewalt des innern Prinzips, und widerlegt alle publicistischen Spitzfindigkeiten und täuschenden Schlüsse. Desto auffallender muß es freilich erscheinen, daß die Forscher großentheils, wie bei Beschreibung der Juden, so noch mehr bei gelegentlicher Erwähnung der Karaiten — so recht eigentlich hat noch niemand diese Sekre zum Gegenstand seiner Untersuchung gemacht — nur deren äußere Erscheinung betrachten, an welcher sich manches zu loben und zu tadeln findet, nicht aber in das Innere ihres religiösen Lebens eindringen, nicht ihre Lehre nach ihrem Wesen und den verschiedenen Richtungen ihrer Entfaltung aufzufassen streben. Der Grund davon ist oben bereits angedeutet. Wir glauben daher die Ausfüllung einer Lücke in der Wissenschaft vorzubereiten, wenn wir, so weit es der Umfang und Plan einer Zeitschrift gestattet, in einzelnen Abhandlungen die Lehre der Karaiten nach ihren eigenen Quellen darstellen; woraus sich dann ohne Zweifel mit der Zeit anderweitige tiefer geschöpfte und systematisch durchgeführte Forschungen hervorzutreten Anlaß nehmen werden. Unsre Aufgabe ist hier nicht, die Lehre der Karaiten nach unserm Maaßftabe zu beurtheilen, noch viel weniger sie zu widerlegen, sondern nur zu berichten, was sie lehren. Aus diesem Grunde vermeiden wir es auch, ihre kirchliche Ansicht zu syftematisiren, sondern geben alles gerade so, wie wir es finden, nach ihrer eigenen Methode und Ordnung. So hat man zugleich ein Bild von der Art ihres Unterrichts und Denkverfahrens. . Als Leitfaden dient uns eins der umfassendsten Werke der Karaiten: niLvn Di das Gesetzbu ch von Ahron B. Eliah dem Zweiten, über dessen Leistungen Wolff, de Rosst und andere Bibliographen nachgclesen werden können. Das Werk ist in Constantinopel im I. 1354 geschrieben, wie man am Ende der Abhandlung über das Wochenfest bemerkt findet. Das Manuscript, dessen wir uns bedienen, — und welches wir gerne durch den Druck bekannt machten, wenn sich zu solchen Unternehmungen Verleger fänden —ist im Jahre 1527 geschrieben. Es enthält 318 Blätter hoch 4*-, ist sehr gut erhalten, (nur die ersten zwei Blätter und das letzte Blatt siud von späterer Hand) mit großer Sorgfalt