Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 10 (8.3.1839)
- Date
- 1839-03-08
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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79 Von 1832 — 38 hat die Anstalt 50 Zöglinge gehabt, von denen bereits 22 ihr Brod haben, und die Ihrigen unterstützen, und nur 3 von ihrem Gewerbe abgegangeu sind, alle übrigen befinden sich noch in der Lehre. Aus einer, anfangs nur mühsam zusammengebrachten kleinen Anzahl ist die Zahl der Meldungen immer gestiegen. so daß jetzt 30 warten müssen,' und die Gesellschaft beklagt es sehr, daß ihre Mittel nicht zureichen, um ihren so überaus wohlthätigen Wirkungskreis auszudehnen. Selbst das Bisherige ist nur durch eine sorgfältige Sparsamkeit möglich geworben. Die Unkosten für einen Zögling, für Unterricht, Wohnung, Gehalte, betragen im Durchschnitt jährlich 294 Fr. 10 Ct.; Nahrung, Heitzung, Licht und Wäsche 42z Ct. täglich; Kleidung, Schuhwerk, Ausbesserungen 41 Fr. 70 Ct. jährlich. — Diese Sparsamkeit verdient große Anerkennung. Die Zugend dieser Classe muß sogleich an geringe Lebensbedürfnisse gewöhnt werden, damit Mäßigkeit und Sparsamkeit ihr nachher den Weg durchs Leben erleichtere. Bei so trefflicher Einrichtung und so fichtbarem Erfolge ist es wahrlich bedauernswerth, zu vernehmen, daß die Zeitumstände auch dieser Anstalt mehrere bisherige Unterstützer entzogen haben. Mögen sich immer mehr neue Gönner finden, damit die herrliche Anstalt nicht bloß erhalten, sondern auch zu ausgedehnterm Wirken ermuntert werde. Die Behörden thun das Ihrige; der Conseil general giebt jährlich 500 Fr., der Conseil municipal 1000 Fr. Unter den Donateurs (Geschenkgebern) findet man das Ministerium des öffentlichen Unterrichts mit 1000 Fr. und das Ministerium des Innern mit 600 Fr. aufgeführt. Solche Theilnahme von Seiten der Staatsbehörde ist ein ermuthigender Lohn für so edle Bestrebungen! Auch dex Herr Präfect und der Herr Maire widmen der Anstalt ihre Theiluahme und Aufmerksamkeit. Der Rector der Straßburger Akademie, Herr Cottard, hat die Anstalt, welcher er mit wahrhaft väterlicher Sorgfalt sich annimmt, mit dem Akademieinspector, Herrn Wilm, besucht, und deren Leistungen in den anerkennendsten Ausdrücken gepriesen. Wir ersehen übrigens aus der beigefügten Berechnung, daß die Anstalt hoffen darf, auch fernerhin ihren wohlthätigen Wirkungskreis fortzusetzen und;auch wohl erwünschter maßen zu erweitern. Gegenwärtige Beamten der Gesellschaft find: Herr Achille Ratisbonne, als Präsident; Herr Ch. Hirsch, Controlleur; Herr N. Levy, Beamter für Bekleidung; Herr Henri Ratisbonne, Cassier; Mathieu Hirtz, Inspektor; Eugene Simon, Secretaire. Die beigefügte Liste der Lehrlinge ergiebt folgende Handwerker : Setzer, Stiefelmacher, Maler, Kammmacher, Sattler, Buchbinder, Lithograph, Schneider, Tischler, Ziselirer, Blechner, Juwelier, Drechsler, Bürstenbinder, Schlosser, Zeichner, Friseur, Tapezierer, Nadler, Handschuhmacher, Drucker, Graveur, Kupferschmied und Seifensieder. Die Namen der Meister zeigen, daß in,fast allen diesen Gewerben jüdische Meister zu Straßburg wohnen. Möge diese Anstalt recht gedeihlich sortblühen und viele ähnliche ins Leben rufen! Italien. Triest, am 14. Februar. — Für heute will ich nur versuchen. Ihnen fragmentarisch einige Bemerkungen, die ich seit meinem Aufenthalte dahier gemacht, zusammenzustellen, indem ich mir etwas Geordnetes und Ganzes bis dahin Vorbehalte, daß ich mir durch längere Anschauung einen klarern Begriff von der Eigenthümlichkeit der Italiener überhaupt und der italienischen Israeliten insbesondere gebildet habe. Vor der Hand begnügen Sie sich mit Folgendem: Die Vorstellung, die man gewöhnlich in Deutschland von den Israeliten Italiens hat, besteht in einem mitleidigen Blicke auf die israelitischen Bewohner dieses Citronenlandes, die man in Bezug auf sociale Bildung um Jahrhunderte zurück glaubt. Bei näherer Betrachtung, die aus persönlichem Verkehr erwächst, erweiflt sich indessen diese Vorstellung als durchaus falsch. Das Verhältnis ist vielmehr Folgendes: Wissenschaftlich und in Bezug auf kirchliche Institutionen geschieht freilich nichts im Sinne des Fortschrittes, und ich staunte nicht wenig, als ich bei meiner Ankunft dahier auf meine Frage nach der italienisch-israelitischen Literatur von unterrichteten Männern auf die Bibel und den Talmud verwiesen wurde. Man würde jedoch sehr irren, wenn man glaubte, daß auch das praktische Leben noch auf diesem talmudischen Standpunkt stehe. Man kann im Gegentheil behaupten, baß derjenigen, welche sich privatim und faktisch über die Ceremonien hinaussetzen, in Italien eben so viele, wo nicht mehrere, als in unserm Vaterlande sind, wobei zu bemerken ist, daß das Sichlossagen auf eigene Faust und ohne klare Erkenntniß in der Regel weit extremer wird, so daß in den höhern Ständen das Iudenthum fast durchgehends in gar keinen Betracht mehr kommt. Die Kluft zwischen Lehre und Leben ist hier zu Land mehr als irgendwo schroff, und ist noch in höherm Grade mir ihren nachtheiligen Consequenzen verbunden, so daß es dem theilnehmenden Beobachter Mitleiden einflößt, wahrzunehmen, wie diejenigen, die das Bessere ahnen und wohl auch mitunter hören, wie man „draußen" bas Iudenthum auf eine freundlichere und wissenschaftlichere Weise läutert, weder im öffentlichen Cultus noch in den Bestrebungen der Wlssenschast irgend welche Nahrung für ihr religiöses Bedürfniß finden. Diese Theilnahme, welche der Blick auf diesen schreienden Contrast zwischen Innerm und Aeußerm erwecken muß, wird um so lebendiger, wenn man einerseits den unendlich höhern Grad der, schon aus klimatischen Verhältnissen hervorgehenden Lebhaftigkeit des italienischen Charakters, und andrerseits die lieblichere und heitere Gestalt und Regsamkeit des ganzen Lebens in Anschlag bringt. Zugleich ist aber damit auch ausgesprochen, daß einer fchönern Gestal tung des israelitischen Lebens innerlich nicht nur nicht mehr Schwierigkeiten, als in Deutschland, sondern noch weit