Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 9 (1.3.1839)
- Date
- 1839-03-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3133765-3133766-3133776--0085-3134187- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— TL — Um so allffallender ist es andrerseitswenn man bei ihnen wiederum Kenntnisse findet, die den übrigen Zeitgenossen abgehen und folglich als Beweise tieferer Forschung elten müssen. Zm Sohar, dessen Abfassung spätestens in'S dreizehnte Jahrhundert fällt, liest man folgende merkwürdige Stelle: (Levit. Ed. Sulzb. col. 15.) Zm Buche des R. Hemnuna wird ausführlich erklärt, daß die ganze Erde völlig rund wie eine Kugel sich drehe, so daß die Einen oben und die Andern unten sich befinden. Alle Menschen unterscheiden sich in ihrem Ansehen, nach dem Klima jedes Ortes; und alle stehen aufrecht, wie die übrigen. Daher ist es auf der bewohnten Erde so, baß die Einen Tag haben, wenn es bei den Andern Nacht ist; auch gibt es Gegenden, wo es bisweilen ganz Tag, oder die Nacht nur sehr kurz ist. Dies ist schon angedeutet in den ältesten Schriften und im „Buche Adams." Und dies Geheim»iß ist den Lehrern der Weisheit (Kabbalisten) übergeben, nicht aber den Geographen (oder Astronomen), weil es ein tiefes Geheimniß der Offenbarung ist. Nach dieser Aeußerung kommt wieder allerlei mystische Spielerei. Nichts neues unter der Sonnen. Seit einer Reihe von Jahren giebt ein Herr Nork (pseudonym für Krön) allerlei Werke heraus, um zu beweisen, daß die ganze biblische Geschichte nichts weiter barstellt als Astronomie. Abraham ist die.Sonne, Isaak ist die Sonne, Zakob ist die Sonne, aber mit den zwölf Zeichen des Tbierkreises, Eli ah ist die'Sommersonne, und sein Schüler Elisa die Wintersonne. Wir haben die übri-- gens mit vieler Belesenheit gespickten Werke aus Curiosität gelesen, auch anderswo darüber ausführlich berichtet. Der Gedanke schien uns und Andern neu, und daher der Neuheit wegen, und noch mehr, weil er recht auffallend und piquant erscheint, in unsre Zeit zu passen, wo alles Ausschreilende angestaunt wird. Eine so eben bei A. Schmidt erschienene alte Sammlung hebräischer Correspondenzen aus dem Anfang des dreizehnten Zahrhunberts zeigt uns aber, daß dergleichen Lehrsätze schon damals verbreitet waren, und unter den Rabbinen ängstliche Besorgnisse erregten. S. dHjQ S. 54. Nachrichten und Correspondenzen. Bedenken über die Nachricht von Juden in Afrika. 1) In der neuesten „Reise in Abyssinien," von A. v. Kalte, Stuttg. bei Cotta. 1838. S. 88. heißt es über die Juden dieses Landes also: „Die Juden oder Falaschas, wie sie genannt werden, wohnen in der Provinz Simien am Tzana-Sec, in der näheren Umgegend von Gondar und in den nördlichen Gebirgen der Provinz Demdea. In Tigre gibt es durchaüs keine. Zuweilen kommen sie nach Adua, um sich daselbst durch Arbeit etwas zu verdienen. Vor fünfzig Jahren bildeten sie unter eigenen Fürsten einen Staat in Simien. Die hohe Felsenburg Ainba Gideon war der Hauptsitz ihrer Fürsten. Seitdem ward aber diesem Staat durch den christlichen Beherrscher von Simien ein Ende gemacht, und nun leben sie von diesem in gewisser Abhängigkeit. Ihre Zurückgezogenheit jedoch und der Ruf der Zauberei schützt sie besser als alle Waffen gegen willkührliche Bedrückungen. Man läßt sie gern in Ruhe, sobald sie den unbedeutenden Tribut zahlen, der ihnen auferlegt ist. Von ihren Sitten, Gebräuchen und ihrer innern Verfassung weiß man wenig. Jedoch sind sie weit arbeitsamer, als die übrigen Abyssinier; man kann sagen, sie sind die nützlichsten Einwohner des Landes. Sie bauen die Häuser in Gondar, schmieden das Eisen und sollen sogar einige Metall Compositionen, so wie chemische Präparationen kennen. Ihre Häuser sollen die besten sein, die man in Abyssinien findet; sie halten sie sehr reinlich, erlauben aber niemals einem Christen den Eintritt. Uebrigens sind lle in Bezug auf die Bibel sehr unwissend und kennen kaum die fünf Bücher Mose." Dann aber bemerkt derselbe, ob aus eigener Anschauung? sagt er nicht — daß diese Juden völlig afrikanischer Race seien, folglich gewiß nicht von einer jüdischen Colonie herstammen, sondern höchstens von einigen Flüchtlingen herrühren können, die sich mit Landeskindern vermischt, und ihnen das Judenthum mitgetheilt haben. Der Verf. weist hierauf mit Recht die vielen Hypothesen, wonach bald alle Abyssinier, bald die Nordamerikaner, und gar die Chinesen, von Juden herstammen sollen, als müßige Träumereien ad. Wir ftagen aber nochmals, wie wir es vor 12 Jahren im 8ten Bande der Geschichte der Israeliten, S. 110 — 1 gethan haben, wer beweist uns, daß diese Leute in Abyssinien Juden sind? Ja, wer darf den Reijebeschreibern irgend einen Glauben beimeffen, wenn sie allesammt über einen so wichtigen Gegenstand gar nichts weiter berichten, als was bereits vor zweihundert Jahren berichtet worden ist? Herr von Katte hat sich in Adua (1836) aufgehalten, wohin angeblich die Juden kommen, um zu arbeiten. War es nicht der Mühe werth, sich genauer nach ihrer Lebensweise, nach Synagogen und Schulen rc. zu erkundigen, um den Europäern etwas mehr zu erzählen, als was längst in alten Nachrichten steht, und von sämmtlicken nachgekommenen Reisenden mit gleicher Dürftigkeit wiederholt wird? Wir können daher nicht umhin, anzunehmen, daß die Herren Reisenden in diesem Punkte, wie wahrscheinlich in so manchem andern, von einander abschreibcn, und somit die ganze Nachricht von der Eristenz des Judentbums in Abyssinien unter einem abgesonderten Volke für sehr zweifelhaft zu halten. Wir werden in unserm Mißtrauen gegen Herrn von Katte noch mehr bestärkt durch seine chronologische Angabe, daß der selbstständige Judcnstaat erst seit etwa 1785—6 zerstört sei. Da halte man dock wohl nähere Kunde über so manche Frage, betreffend dir Besieger und die Besiegten einzie-