Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 8 (22.2.1839)
- Date
- 1839-02-22
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
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Analeeten von vr. Carmoly in Brüssel. ' 4. Robert König von Neapel. (1309— 43.) Am Hofe Roberts, welcher als Beförderer der Gelehrsamkeit berühmt ist, lebte unter andern R. Schemarja von Negroponte, welcher für den König einen ausführ» lichen Commentar über alle Bücher der heiligen Schrift verfaßte. In der Einleitung zu dem Commentar zum Hohenliede, welche ich handschriftlich besitze, spricht er davon und sagt, das Ganze betrage etwa 1000 solcher Hefte, wie über das Hohe Lied. Unterrichtet' ward der König im Hebräischen von R. Je hu da B. Mose B. Daniel aus Rom, auch Gur Arje, auch Leons, genannt, dem Vetter des geistreichen Dickters Immanuel. (Vergl. Mose B. Isak Rieti im AFS t&Hpü/ vi., wo es (in meiner Handschrift) heißt: „Dieser R. Jehuda war ein tüchtiger Philosoph, besonders ein Anhänger des Albertus Magnus. In der lateinischen Sprache war er sehr bewandert. Er erzählte mir, daß er mit dem Könige alle 24 Bücher in hebräischer Sprache durchgenommen habe." Hiernach ist Schalscheleth hakk. zu berichtigen. — Ferner waren am Hofe desselben Königs Kalonymus B. Kalonymus (der bekannte Uebersetzer) nnd der Arzt R. Isaak, welcher die Werke des gedachten R. Jehuda größtentheils für die damals gegründete Neapolitanische Bibliothek auf Verlangen des Königs übersetzt bat. (Vergl. auch Zunz Analecten in Geigers Zeitschrift n. S. 324 ff.) Nachrichten und Correspondenzen. Berberei. — Den neuesten Nachrichten zufolge wohnen in dem Marokkanischen Reiche in allem etwa 540,000 Israeliten. Ueber ihren Zustand haben wir in der G e sch i ch t e d. Isr. nähere Nachricht gegeben. Wir tragen hier noch folgende Notizen nach. Tednest, die Hauptstadt der Provinz Hia in Marokko, ist zur Hälfte von Israeliten bewohnt, welche meistentheils Goldschmiede sind. In Rabbat wohnen ihrer 1000, und bilden den vierten Theil der Einwohner; sie sind fast nur Kaufleute, treiben aber, wie die in Magador, sehr großen Handel, und genießen bedeutende Freiheiten. In Teza wohnen sehr viele, welche fast nur Wein und Branntwein bereiten. — Die Karaiten im Gebirge Atlas werden als tapfere Krieger und gute Reiter geschildert. — Im Allgemeinen genießen sie eines gerechten Schutzes; weit besser als in den übrigen sogenannten Raubstaaten an der aftikanischen Küste, — wovon indeß Algier und die übrigen von den Franzoien besetzten Punkte auszunehmen sind. Bekanntlich bediente sich der Kaiser von Marokko sehr häufig israelitischer Geschäftsträger an auswärtigen Höfen. Ein solcher war auch der im 1.1836 in Amsterdam verstorbene Masahod de la Mar, welcher ein Alter von 88 Jahren erreichte. .Er war im I. 1775 als junger Mann von fünfundzwanzig Jahren mit Regierungsaufträgen nach den Niederlanden und nach England geschickt worden, und hatte seitdem seinen Wohnsitz zu Amsterdam gehabt, wo sich seine zahlreiche Nachkommenschaft ebenfalls befindet. Sehr traurig ist der Zustand der israelitischen Bewohner von Tunis und den übrigen Städten, wohin die Civilisation noch nicht gedrungen. Die Missionsberichte geben sehr düstere Bilder von der Unterdrückung, welche sie erdulden, ohne sich einmal gegen den Uedermuth,der einzelnen Araber beklagen zu Dürfen. Die Rechtspflege istganz barbarisch. Nach dem Jewish Intelligence, May 1838, wurde noch im Juni 1837 ein Jude zu Constantine, fälschlich angeklagt, die mohamedanische Religion gelästert zu haben, lebendig verbrannt. (Wahrscheinlich der letzte, welcher dort solch einem Schicksal unterlag.) In Tunis herrscht durchweg große Armuth und Unwissenheit. Im Septemterheft 1838 des Jewish Intelligence erzählt Ewald, er habe einen großen Lärm vernommen und sich dahin wendend, eine Masse von mehreren hundert Kindern beiderlei Geschlechts in eine Synagoge eindringen sehen, in deren Mitte ein alter Mann und eine alte Frau beschäftigt waren, diesen Kindern Brot auszutheilen, welche mit so heftiger Gier sich herandrängten, daß 4 — 5 Männer mit Stöcken versehen, fortwährend die allzudreisten abwehrten und kaum mit Gewalt über das wilde Getümmel einigermaßen Herr werden konnten. Auf seine Erkundigung erfuhr er vom Vorsteher der Gemeinde, daß dies arabische Judenkinder seien, die in der drückendsten Armuth leben, und die Hungers sterben würden, wofern man ihnen nicht täglich etwas Brod reichte. Warum das aber in der Synagoge geschieht, ist nicht recht abzusehen. — Ewald erbot sich gegen den Oberrabbiner Ioschua Adsis, 50 solcher Kinder in Unterricht zu nehmen, um ihnen eine bessere Zukunft zu bereiten; allein dieser lehnte den Antrag mit dem Bemerken ab, die Kinder seien arabische Juden, sie lernten, was zum Iudenthum gehört und sollten ihrer Religion treu bleiben; an ein Leben in Armuth seien sie, wie ihre Eltern, gewöhnt, und sie bedürfen daher keines ftemden Unterrichts. Constantinopel. — Im Iuny 183? ward«unter den Griechen ein Kind vermißt; alsbald verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten es gestohlen, um dessen Blut zu trinken. (Man sieht, daß es unter den Griechen in Stambu! eben so leichtgläubige Leute gibt, wie am Niedereheirr und an der Weichsel!) Obgleich dieser angebliche Blutdurst den Juden sonst nur zu Ostern zugeschrieben wird, so fand der Patriarch die Sache doch sehr ernst, und wendete sich daher an den Oberrabbi, bas verlorene Kind zurückfordernd, mit der Drohung, daß er andernfalls höhern Orts eine Untersuchung veranlassen würde. Der Rabbi erwiederte ihm, er fände den ihm gestellten Antrag sehr seltsam, das Kind werde ohne Zweifel sich unter den Griechen wieder finden, die Juden hätten keine solche Sitte, welche zu dergleichen Anklagen berechtigte; er selbst wünsche übrigens eine Untersuchung zur Beschämung und Bestrafung der Griechen. In der That kehrte das verlorene Kind zu seinen Eltern zurück. Kaum hatte der Rabbi dies erfahren, als er einen