Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 8 (22.2.1839)
- Date
- 1839-02-22
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
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62 und wenn eine Gemeinde nur 50 Hausväter zahlte, so unterhielt sie nicht weniger als 30 Jünger, die genügend mit allem Nöthigen »ersehn wurden, und jeder von ihnen erhielt zwei Knaben, die unter seiner Leitung heranwuchsen. Fast in ganz Polen war kein Haus, in dem nicht der Talmud studirt wurde. Die Stubienordnung war folgende: Dom I. Ijar bis den 15. Ab und vom 1. Marchcschvan dis den 15. Schebat mußten die Jünger täglich vor dem Rosch Jeschidah erscheinen. Die erste Hälfte dieser Zeiträume ungefähr war dem Talmud selbst und die andre mehr den Casuisten gewidmet. Ost erlaubte der Rosch Jeschibah einem Jünger einen Vortrag zu halten und opponirte dann selber, um seine Schüler in der talmudischen Dialektik zu üben. Derselbe Tractat wurde immer in ganz Polen gleichzeitig studirt. Ein Pedell des Rosch Jeschibah machte täglich in der ganzen Gemeinde die Runde, um zu sehen, ob alle Jünger und Knaben mit gehörigem Fleiße arbeiteten. Am Donnerstag mußten sich alle Knaben vor einen Studiendirector zur Prüfung stellen, und wer nicht gut bestand, hatte schwere Geißelschläge und Beschimpfungen auszuhalten. Am Freitag wurde die Prüfung vom Rosch Jeschibah mit großer Schärfe wiederholt. Nach der strengen Studienzeit bezogen Rosch Jeschibah, Jünger und Knaben eine Messe, von wo aus die Jünger sich bis zum Beginn des folgenden Cursus zu einem andern Rosch Jeschibah begeben dursten. n. Gottesdienst. Vor Tagesanbruch versammelte sich täglich in jeder Synagoge eine Brüderschaft, welche Klagelieder über die Zerstörüng Jerusalems anstimmte;; auf sie folgte eine andre, welche die Psalmen recitirte; dann begann das eigentliche Gebet, das von Niemanden, außer in sehr dringlichen Fällen versäumt wurde. Nach dem Gebet, ging Keiner an's Geschäft bevor er von einem Talmudisten irgend eme religiöse Belehrung erhalten hatte. in. Mildthätigkeit. In jeder Gemeinde wurden die Passanten für die Zeit ihres Aufenthaltes reichlich mit Speisen »ersehn und durch Almosen unterstützt. Gelehrtere wurden bei den vornehmen Hausvätern mit großer Ehrfurcht beherbergt, und der Gemeindepedell machte für sie eine College, deren Ertrag er ihnen ins Haus brachte. Wandernde junge Leute wurden gekleidet und auf Verlangen in Dienst gebracht. Jünger von einigem Ruf wurden gewöhnlich die Eidame reicher Männer, von welchen sie nach der Hochzeit so lange genährt und gepflegt wurden, dis sie eine Anstellung als Rosch Jeschibah erhielten. Besonders ließ man sich die Ausstattung junger Mädchen angelegen sein, und man fand nicht leistet in ganz Polen ein unverheirathetes Mädchen von 18 Jahren. IV. Gerechtigkeitspflege. In jeder Gemeinde wurde die Gerechtigkeit vom Rabbinat gehalten, und in jeder Provinz war ein Obergericht, an bas man sich nach Belieben wenden konnte, welche Obergerichte fast eine unumschränkte Gewalt ausubten. V. Wahrheit. In jeder Gemeinde waren Beamten, die über die Redlichkeit der Einzelnen im Geschäftsleben wachten, Maaß und Gewicht untersuchten und jeden, der sich einer unreellen Handlungsweise schuldig machte, streng zurechtwiesen und bestraften. VI. Frieden. Der Berichterstatter hat über diesen Punkt nichts zu bemerken, als daß der Friede in den Gemeinden durch das eifrige Religionsstudium erhalten wurde, nach einer Aeußerung des Talmuds, daß die Theologen den Frieden der Welt befördern, und es wäre sehr zu wünschen, daß diese Erfahrung sich allenthalben bewährte. Proben jüdischer Dichtungen. 2. Ritualgesänge von vr. C. Kr afft. rotes t-ix Einiger voll Herrlichkeit! Alleiniger zu aller Zeit! Ihm singen seine Chöre: „Dein, ja dein war und wirb sein, ja dein allein. Dein Herr das Reich in Ewigkeit!" Sein ist die Pracht! Sein ist die Macht! Endloser voll Herrlichkeit! Großer zu aller Zeit! Ihm singen seine Frommen: Dein rc. Gerechter voll Herrlichkeit! Wächter zu aller Zeit! Ihm singen seine Schaaren: Dein rc. Uranfänglicher voll Herlichkeit! Überschwänglicher zu aller Zeit! Ihm singen seine Treuen. Dein rc. Belvhner voll Herrlichkeit! Verschonet zu aller Zeit! Ihm singen seine Heere. Dein rc. Hülfeschenker voll Herrlichkeit! Schicksalslenker zu aller Zeit! Ihm singen seine Stillen: Dein rc. Belebender voll Herrlichkeit! Vergebender zu aller Zeit! Ihm singen seine Lieben: Dein rc. Allliebender voll Herrlichkeit! Barmherzigkeitübender zu aller Zeit! Ihm singen seine Freunde; „Dein, ja dein war und wird sein, ja dein allein. Dein, Herr, bas Reich in Ewigkeit!" Sein ist die Pracht! Sein ist die Macht!