Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1839-02-22 · Heft 8 (22.2.1839) · p. Seite 60

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 8 (22.2.1839)
Date
1839-02-22
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3133765-3133766-3133775--0073-3134174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Unterhaltung waren meist belehrend, immer unterhaltend, vernünftig, witzig, oft scherzend." Seine Gattin ist eine Schwester der berühmten Rahel. Diese veranlaßte ihn zur Abfassung der oben erwähnten, nicht gedruckten Schrift: Precis historique pour l'etat des Israelites du Royaume des Pays-bas; und cs mag kein uninteressanter Beitrag zur Geschichte der Frau Varnhagen sein, wenn wir hier ihren Brief an Affer einrücken, in welchem sie ihn dazu auffordert: Sie schrieb: „Ober frere! I! n’y a rien au monde, qui m’aille tant ä coeur que le perfectionnement du genre humain; cest le seul chemin de notre bonheur et les opprimes sont ceux auxquels je voue ma plus gründe tendresse et sollicitude. Soyez notre veritable frere par les sentimens et la faqon de penser. EmpreSsez vous de servir ces pauvres damnes, ne remettez pas ce que vous pourriez faire ä leur avantage; dussiez vous veiller quelques nuits, comme vous serez bien la nuit suivante sur votre chevet. Vous etes le seul, le veritable homme qui soit capable de les servir, de sauver tant de personnes. Un pays entraine l’autre, et dans les teraps, oü nous vivons, plus vite que jamais. Adieu.” Hierauf schrieb Asser seinen Preeis im Jahre 1887. ,,Vieles hat er," so urthcilt ein Lebensbeschreiber Assers, „während er an der Spitze seiner Glaubensgenossen stand, für sie getan; er arbeitete unermüdet zu ihrem Besten, und erwarb er sich auch nicht immer die allgemeine Zufriedenheit, war er auch nicht in Allem was er beabsichtigte, glücklich, so sind doch sicherte, welche ihn persönlich kannten, von der Trefflichkeit seines Willens überzeugt. Man mag darum ruhig behaupten, daß alles Gute, was durch die Hauptcommission für Unterricht, Armenwesen u. s. w. geleistet worden ist, größtenrheils ihm verdankt wird." Befriedigend kann man das Urtheil nicht nennen, und man sieht in jedem Ausdrucke die Hesitation, den Zweifel, das Schwanken zwischen Lob und Tadel. Und nichts ist leichter zu begreifen. Die Wirklichkeit ist in Holland in der Gegenwart gar sehr hinter den Erwartungen zurück geblieben, welche die oben bezeichneten Bewegungen angeregt hatten. Da hat jede Gemeinde ihre Synagoge, ihre Vorsteher, die Bedeutenden ihre Rabbiner, ja ihre sogenannten Schulen und Religionsschulen, — ein prächtiges Fachwerk, künstlich geschnitzt und ausgearbeitet; aber wie ist dies Fachwerk ausgefüllt? wer vertritt diese zahlreichen Stellen? wer sind die Rabbinen, wer die Vorsteher, wer die Lehrer? Wir sprechen aus eigener Anschauung, und dürfen behaupten, ohne Furcht, daß man uns durch Thatsachen widerlege, daß an manchen zahlreichen Gemeinden Lehrer stehen, die die Muttersprache nur radebrechen, von einem systematischen Religionsunterricht auch nicht den mindesten Begriff haben, und die oft den wichtigen Beruf der Erziehung einer jungen Generation — mit dem Geschäfte des Schlächters unterbrechen müssen. In den Synagogen werden alle Bekanntmachungen in einem unverständlichen Mischmasch vorgetragen, und man urtheile über die Aufklärung der Kirchenvorfteher von dem Umstande, daß, so oft irgend eine Bekanntmachung eines ihnen untergeordneten Vereines in guter holländischer Sprache abgefaßt, ihrer Approbation vorgelegt wird, sie die größte Sorge dafür tragen, dieselbe in ihren elenden Jargon übertragen zu lassen, der ihnen heilig geworden! — Der Gottesdienst selbst wird durch zahlreiche Ungehörigkeiten unterbrochen und statt der Andacht und des Gebetes muß man ewige Segcnsprüche (Mischeberach) jeden Samstag anhören, die eine Quelle des Gewinns für schlecht besoldete Synagogendiener, ein Mittel zur. Unterhaltung für eine Menge wohltätiger und teilweise mißbräuchlicher Gesellschaften sind. So herrscht die Langweile auf allen Gesichtern; und icder freut sich des Momentes, wo er dies sogenannte Gotteshaus verlassen kann. In ganz Holland ist überdies keine einzige Synagoge, in welcher das Wort Gottes jeden Sabbath- und Festtag in verständlicher Sprache von der Kanzel verkündet wird!*) Nach solchen Ergebnissen ist cs wohl nicht möglich, der Wirksamkeit eines Mannes unbedingt Ruhm zu zollen, der doch andererseits auch zu sehr die Achtung allgemein in Anspruch nimmt, um einen Tadel hervorzurufen. Allein abgesehen von den andern zahlreichen Staatsgeschäften, fehlte es Herrn Asser an hinreichender Kenntniß des Judenthums von der religiösen Seite. Immer darauf verwiesen, nach den Rapporten untergeordneter oder beigeordneter Beamten die Sache zu betrachten, mochte wohl sein Scharf- *) Neuerdings hat sich bereits manches geändert, wie wir berichten werden. D. H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.