Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 7 (15.2.1839)
- Date
- 1839-02-15
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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haben werbe. Es giebt jetzt in jedem Lande tüchtiger und besonders sittlich kräftiger Männer genug, welche um das Beste der Religion und um des Friedens willen gern solche Arbeit übernehmen, und ihre Privatansicht dem Allgemeinen unterornend, zum Wohl des Ganzen redlich beitragen. Theologische Fehde des naphtalischen Briefwechsels gegen die. Jüdisch-Theologische Zeitschrift. (Schluß). Es wäre nun dieser Punkt für die Annalen gleichgültig, wenn nicht augenscheinlich hier mit den einzelnen Persönlichkeiten eigentlich Zeitrichtungen herausgestellt werden sollten, welche die Aufmerksamkeit der leitenden Behörden und zum Theil der Gesetzgebung in Anspruch nehmen. Die Absicht des Angreifers geht dahin, eine ganze, nach ernster Verbesserung vieler Mißstände und Herbeiführung günstigerer Verhältnisse strebende Menge einsichtsvoller und würdiger Personen, als eine verbrecherische und verrätherische Coterie zu schildern. (Ein Verfahren, welches leider auch auf anderen Gebieten der deutschen Literatur an der Tagesordnung ist). Diese Absicht ist unverkennbar in den gewählten Bildern, wonach die Partei in wildem, revolutionärem Getümmel „die Bastille erstürmt, den frommen Greisen der Vorzeit Bart und Gewänder höhnend anzündet, das Allerheiligste mit ruchloser Wuth zerstört, den Leuten Sand in die Augen streuet, sich zu einer Synode, einem Conclave, versammelt, in Klugheit mit der Teufelsstelze einherschreitet, eine Fieschi-Maschine gegen die Religion richtet, durch verabredete Kunststücke das Volk zu verführen trachtet, die Wahrheit escamotirt u. s. w." Eine historische Thatsache ist aber alles dieß durchaus nicht. Eine Verabredung wird niemand wahrnehmen, da wo jeder Forscher offen auftritt, und selbst die in einigen Hauptansichten Zusammentreffenden eben so unumwunden darthun, worin sie von einander abweichen, ja auch allen Gegnern zu ihrer eigenen Belehrung bescheiden das Wort gönnen. Der Angreifende hat ohne Zweifel als Volkslehrer und als Gelehrter den Beruf dazu, nach seinem besten Wissen und Gewissen Irrthümer aufzudecken, Mißgriffe zu beleuchten, (wer darf sich rühmen, bei der redlichsten Forschung, diesen zu entgehen-!) um besonders vor Consequenzen zu warnen, die ihm nachtheilig erscheinen. Ja, den warmen Eifer gegen etwa bemerktes leichtsinniges Selbstvertrauen, gegen täuschende Hülfsmittel, gegen unlogische Schlüsse aus allerlei Axiomen und dergl. würde ihm niemand verargen. Die Unterlegung falscher Motive aber, die Bannung edeler Bestrebungen in die Kategorie niedriger Verbrechen, und die durchaus absichtliche Verkennung der Zeitrichtung und Entstellung der Sachlage wird man um so mehr, mißbilligen müssen, als eine auf Regierungen Einfluß erringende Anklage, welche Unterdrückung der Lehrfreiheit bezweckt, offenbar nur den Erfolg haben kann, alle Aufrichtigkeit zu zerstören und Heuchelei auf die Lehrstühle zu setzen. — Der Angreifer stellt auch die sonstigen Verhältnisse in ein falsches Licht. Er charakterisirt das XIX. Jahrhundert durch den Mund eines Wahnwitzigen als das der Zügellosigkeit, des wilden Selbstbefreiens, der Constitutionen, ves Zerstörens aller Individualitäten, des Selbstforschens und des Hochmuths, und giebt in absichtlich verzerrter Sprache ein Zerrbild von halber Vernunft und halbem Wahnsinn: „Mit Frack und Cravatte, mit Poesie und Logik, mit Aesthetik und Dogmatik, mit Politik und Dramatik, munden uns Speisen, die wir nimmer gekostet, berauschen wir uns mit europäisch-klassischen Gedanken aus Latiums und Gräciens Born, werben wir Prälaten und Schmiede, — sind wir nicht jenes altväterische Volk aus Asien mehr, sind wir Britten und Gallier, Belgier und Deutsche! ic" Wer sieht nicht hierin, mit allem was vorangeht und nachfolgt, die klare Absicht, die ganze Richtung der Zeit als lächerlich zu schildern; insbesondere aber alle diejenigen seiner Gemeinde, welche für gut finden, den unabweislichen Forderungen der Umstände nachzugeben, als Narren zu bezeichnen, welche um die elenden kleinen Aeußerlichkeiten des Lebens ihr Allerheiligstes hinopfern, und auf nichts bedacht sind, als auf Abstreifung jeder Spur ihrer religiösen Eigenheiten, und auf Erzielung des Anscheins von Bildung. Es gibt im Leben überall Zerrbilder, und wo eine Idee sich geltend macht, und von wohlwollenden Geistern gepflogen und gebilligt wird, da fehlt es niemals an geistigen Affen, welche das scheinen wollen, was andere sind, weil sie nicht eigentlich wissen, was gebilligt wird, und das Lob der Tüchtigkeit auf die Erscheinung derselben beuten, die sie nachahmen. Diese Nachäffung findet sich in der Gesellschaft, in den Sitten, in der Lebensweise, ja sogar in der Literatur. Allein hinter solcher Aefferei fleht bescheiden auch die Wahrheit, welche den äussern Schein nicht sucht, dafür aber auch von allen Wahrheitsfreunden erkannt sein will. Sie ist die ächte durch die Thorheiten nicht verdunkelte Richtung der Zeit. Sie bietet alle obigen Umstände dar, ohne solche Carricatur auszuhängen. Allerdings streben die Juden unseres Jahrhunderts darnach, dem Vaterlande, dem sie angehören, mit engen Banden sich anzuschließen; allerdings will ein jeder, statt daß vormals alle einem einzigen, und dem Mißbrauche wie der Verkennung ausgesetzten Gewerbe nachging, vielmehr jetzt nach ^gegebenen Anlagen sich entwickeln und dem Vaterlande und der Welt nützen; allerdings sehen sich die Gelebrten und Befähigten in denjenigen Wissenschaften um, die zu ihrem Fache gehören oder ihrer Neigung zusagen; allerdings haben einzelne fruchtbare Köpfe auch achtbare Werke der Wissenschaft und Kunst geschaffen, und ihrem Namen würdige Denkmale gesetzt; allerdings sind Vielen über unzählige Irrungen der Vergangenheit, über unzählige abergläubische Schwachheiten die Augen aufgegangen, und haben sie manchen heiligen Wahn, manche abscheuliche, die Menschheit ent-