Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 6 (8.2.1839)
- Date
- 1839-02-08
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
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eine höchst gedankentreue Uebertragung und erläuternde Ani merkungen, die zum Denken und Prüfen anleiten, und kein unbefangener Leser wird verkennen, baß eine solche Leistung vorzügliches Talent und seltenen Fleiß voraussetzt. Die, welche die religiösen Bedürfnisse der Juden in der laufenden Zeit kennen, werben es mit Vergnügen sehen, daß der dritte Theil des More Nebuchim zuerst erscheint, weil dieser Theil viel mehr als die zwei ersten die Fragen berührt, deren Lösung die Aufgabe unsres Jahrzehenbs ist, die nämlich, welche die Regulirung unseres religiösen Lebens in seiner äußeren Erscheinung betreffen. In dem dritten Theil, wie in den zwei ersten, bemüht sich Maimonides, die Lehren der jüdischen Religion mit den Philosophemen des Aristoteles in Einklang zu bringen und führen ihn hier seine Untersuchungen auf denjenigen Theil der Religion, welcher der mosaischen Lehre cigenthümlich ist, auf die einzelnen Vorschriften des Ritualgesetzes, und erhält dadurch ein praktisches Interesse von der höchsten Wichtigkeit. Dieser Theil beginnt mit einigen sehr verschleierten Aufschlüssen'über die Visionen Ezechiels, denen die ptolemäische Astronomie und die Physik des Aristoteles zu Grunde liegen, und die daher bei dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft keinen Werth haben. Er entwickelt hierauf die Hindernisse, welche das Sinnliche in der menschlichen Natur unserer Glückseligkeit und unserer sittlichen Vollkommenheit entgegenhält, bekämpft dann die Behauptung, daß Alles zum Nutzen des Menschen erschaffen sei, zeigt, daß wir vergeblich die Zwecke der Schöpfung überhaupt suchen, so wie wir uns auch vergeblich abmühen, die Schwierigkeiten zu lösen, welche uns die Lehren von der göttlichen Vorsehung und der göttlichen Allwissenheit darbieten, weil das Wissen, das Wollen und das Lenken der Gottheit nicht bloß dem Grade, sondern auch der Art nach von dem unsrigen verschieden sei. An diese Betrachtungen schließt sich dann die Frage an, ob sich auch von den göttlichen Geboten, die im Pentateuch ertheilt werden, keine Ursachen angeben lassen; welche Frage bei näherer Betrachtung in die vier folgenden zerfällt: I. Haben die mosaischen Gebote überhaupt Ursachen, oder sind sie uns nur gegeben, um uns im Gehorsam gegen den göttlichen Willen zu üben? Diesen Zweifel beseitigt Maimonides durch die Betrachtung, daß das göttliche Gesetz, wie sich die Schrift selbst hierüber äußert, die Weisheit und die Heiligkeit des israelitischen Volkes beurkunden soll. Nur nimmt er an, daß wohl jedes Gebot überhaupt, aber nicht die zu seiner Ausübung vorgeschriebenen Details bestimmte Ursachen haben, und daß es z. B. thöricht wäre, zu untersuchen, warum so und so viel Schafe an Festtagen geopfert wurden? eine Behauptung, welche er bei einiger Ahnung von der kabbalistischen Mystik gewiß nicht aufgestellt hätte, und es ist sehr fraglich, ob nicht der Geist des mosaischen Gesetzes wirklich eine den Geboten zu Grunde liegende Mystik verräth. ii. Ist es uns erlaubt, nach den Ursachen der mosaischen Gebote zu forschen, und ist nW zu fürchten, wir möchten diesen Ursachen praktische Anwendungen von bedenklicher Natur geben? Maimonides läßt sich auf diese Frage fast gar nicht ein, so sehr erssonst der Meinung ist, man müsse, was die Religion verhüllt hat, den Augen des gemeinen Mannes verborgen lassen. Herr vr. S. hilft hier in seinen Anmerkungen nach und zwar durch sehr interessante Stellen aus den rabbinischen Büchern und besonders durch die Bemerkung, daß jedes Gebot, außer den uns bekannten Ursachen, noch andere haben könne, die sich zu jeder Zeit seiner Aufhebung entgegen stellen. IN. Sind nicht vielleicht die Ursachen der Gebote der Art, daß sie der schwache, menschliche Geist nie fassen könne? Auch diese Frage beschäftigt Maimonides nicht, was sich bei seiner Unbekanntschaft mit der rabbinischen Geheimlehre leicht erklären läßt. IV. Haben sich nicht durch die Entfernung in Raum und Zeit die Ideen, welche den mosaischen Geboten zu Grunde liegen, gänzlich verloren? Maimonides bekennt, daß dies in Beziehung auf mehrere mosaische Rttualgesetze allerdings der Fall sei, daß jedoch die meisten derselben sich durch einige Bekannntschaft mit den sabäischen Lehren leicht erklären lassen, und er zeigt dies an sehr vielen mosaischen Gesetzen, jedoch so, daß er sich dadurch genöthigt sieht, mehrere Gebote, den Entscheidungen des Talmuds zuwider, nach ihrer buchstäblichen Abfassung zu interpretiren, und Herr Dr. S. verfehlt nie, uns hierauf mit einer Unbefangenheit aufmerksam zu machen, für die man ihm eine rühmliche Anerkennung um so weniger versagen kann, da er überhaupt, seiner Liebe für zeitgemäße Fortschritte ungeachtet, sich überall mit Bedacht und Besonnenheit ausspricht und in einer Anmerkung die Rabbinen unserer Zeit auf die Nothwendigkeit aufmerksam macht,.bei den vorzunehmenden Verbesserungen auf das Bestehende schonende Rücksicht zu nehmen. In Beziehung auf die Beschneidung namentlich äußert er dieselben Ideen, welche vor einigen Jahren ein boshaftes Pamphlet unter dem Titel: „die richtige Mitte" hervorgerufen haben. Bei Gelegenheit der Erörterungen über die Levirats-Ehe bekämpft er die Abhandlung des H. Rabbiner G u t m a n n über die Pflicht der Chalizah in unfern Zeiten; aber er sucht ihn zu widerlegen im Ton eines gebildeten Mannes und, obgleich er glaubt, daß H. Rabbiner G. in mehreren Punkten geirrt habe, glaubt er sich nicht berechtigt, ihm, wie leider! bisweilen geschieht, auf eine insultirende Weise zu begegnen. Ausnehmend kühn sind die Ideen des Maimonides über den Opferdienst im Tempel, den er geradezu für eine Nachgiebigkeit gegen die Vorurtheile erklärt, welche die alten Israeliten im Umgänge mit den heidnischen Völkern eingesaugt hatten und Hr. vr. S. ist so glücklich, eine Stelle im Midrasch aufzufinden, deren Inhalt mit der Behauptung des Maimonides eine gewisse Aehnlichkeit hat. Diese ist um so wichtiger, da durch sie die Messiasidee der Rabbinen sehr modificirt wird, und es wäre zu wünschen, daß Maimonides uns auch erklärt hätte, wie wir nach seiner Ansicht für die Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem beten können. Besonders auffallend wird der Leser die Vorstellung des Maimonides von der göttlichen Vorsehung finden. Es ist