Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 6 (8.2.1839)
- Date
- 1839-02-08
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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45 wohnlich auch den. Hochmuth antreibt, über Andersdenkende den Stab zu brechen, kann nur durch eine tüchtige Elementarbildung der zarten Iugend von vorn herein gesteuert werden. Gesunde und klare Anschauung, von Iugend auf zur Gewohnheit gemacht, läßt sich späterhin nicht leicht wieder von phantastischem Nebel verwirren, und eine feste Grundlage religiöser Gesinnung und umsichtige Erkenntniß der ersten Quellen läßt sich nachher nicht leicht von spitzfindigen Deuteleien verleiten, das Gesetz zu einem gedankenlosen Spiel zu machen. Wir werden diesen Gegenstand anderswo wieder aufnehmen. *) Theologische Fehde des naphtalischen Briefwechsels gegen die Jüdisch-Theologische Zeitschrift. (Fortsetzung.) Wir haben bis jetzt nur über den Angriff zu berichten, da noch von keiner Seite eine Abwehr sich zeigt. Vor allem müssen wir bemerken, daß es sich hier keineswegs unk eine gelehrte Klopffechterei handelt, sondern daß sehr ernste, wesentlich wichtige, weniger die Streitenden als vielmehr ganz Israel angehende Streitpunkte vorhanden sind; so wie daß von keiner eigentlichen Leidenschaftlichkeit die Rede sein kann, vielmehr beiden Seiten ein sehr edles Ziel vorschwebt: die Erhaltung der väterlichen Lqhre in den Veränderungen des Zeitlichen, welches jeder, wenn wir recht sehen, durch die Richtung der Gegenpartei für gefährdet hält. Die Streitpunkte sind nicht bloß theologisch wichtig, sondern ihr Einfluß wirkt gewaltig mit auf das bürgerliche Leben ein, und es ist durchaus nicht gleichgültig, ob ein Staat bei der Wahl der Rabbinen und Lehrer die eine oder die andere Parthei begünstigt, oder die Mehrheit der *) Es gibt auch eine höhere Mystik, eine mehr wissenschaftliche, wie wir dies in der Einleitung angebeutet haben, welcher die Rabbinen selbst theilweise zugethan find, und welche das ganze Wesen der traditionellen, ja selbst der rein mosaischen Gesetze, im höchsten Grade symbolisirt. Wer sich hierüber Auskunft verschaffen will, muß es verstehen, sich durch die härtesten Hüllen und Schalen der kabbalistischen Werke durchzuarbeiten. Diele Goldkörner finden sich alsdann allerdings. Diejenigen unsrer Leser, welche gerne das Wesentliche dieser Geheimlehre aus den Quellen geschöpft — jedoch freilich nach katholisch-christlicher Auffassung in ein System gebracht, welches dem Prinzipe nach von Juden nicht anerkannt wird — kennen lernen wollen, finden die vollständigste Belehrung in M olitor'S Philosophie der Geschichte, oder über die Tradition, dritter Theil. Münster 1839. Wir haben diesen so eben erschienenen Theil mit Aufmerksamkeit und Interesse gelesen und viele Stellen mit den Originalen verglichen, und dürfen behaupten, baß wir eine gleiche Treue der Uebersetzung oder der inhaltlichen Auffassung noch in keinem ähnlichen Werke christlicher Gelehrten gefunden haben. Ein Anhang liefert viele Originalstellen mit Uebersetzung. Auch die Darstellung ist klar und anschaulich. Stimmen entscheiden läßt, oder ohne sich darein zu mischen, jeder Parthei ihre eigene Entwickelung anheimstellt. Wir würden beiden Partheien Unrecht thun, wenn wir sie durch Fortschreiten und Rückgang, Bewegung und Stillstand, liberal und servil oder andere alltägliche Gegensätze charakterisiren wollten; denn der Gegensatz der Ansichten, als deren Vertreter hier vorzugsweise die Geiger'sche Zeitschrift und Naphtali's Briefwechsel anzusehen sind, scheidet sich nicht ganz so, wie letzterer insinuiren will. Wir sehen unsrerseits auch bei ibm in der tiefsittlichen Auffassung seiner Aufgabe, in der Wärme und Begeisterung der (leider sehr übertreibenden) Darstellung und in der Kraft des Auftretens ein reges lebendiges Gefühl, einen geweiheten Glauben und eine Vollendung der Ueberzeugung, welche überall fruchtbar fortwirken kann, und welche wir, obgleich in der Sache selbst nicht mit ihm einverstanden, doch gerne anerkennen. Der Gegenstand des Kampfes sind die wichtigen Fragen: Kann der europäische Jude unter den obwaltenden Verhältnissen, ohne seine väterliche Religion aufzuopfern, manches von seinen herkömmlichen Satzungen, Gewohnheiten, Uedungen rc. zu Gunsten der errungenen oder noch zu erringenden Civilisation aufgeben? Und in diesem Falle, was? und wie weit? Oder muß alles als göttliches Gesetz angenommen und befolgt, und die ganze Civilisation dem rabbinischen Gesetze in seiner ganzen Breite untergeordnet werden? Ueber die erste Frage sind bisher nur Meinungen und Ansichten ausgesprochen worden, eine bestimmte Lösung derselben ist noch nicht erfolgt; aber' die Mitarbeiter der Zeitschrift und alle andern, welche eine ähnliche Ansicht haden, fanden die Frage um so mehr einer Beachtung werth, als von ihrer Lösung das zeitliche Wohl der Israeliten' unmittelbar, und ihre Gewissensruhe mittelbar abhängt. Daher haben ihrer mehrere die ihnen gerade zugänglichen Punkte untersucht, quellenmäßig geprüft und theils in der Zeitschrift, theils sonst, mit Belegen versehen, herausgegeden. Der Verfasser des Briefwechsels hingegen (Herr Rabbiner Hirsch in Oldenburg) bejahet nicht bloß die zweite Frage unbedingt, sondern erklärt auch alle Anhänger der ersteren für Ketzer und Verräther. Dies ist sein Angriff, und um seinen Sieg vollständig Lurchzuführen, erklärt er zugleich alle, die ihm auf diesem Felde begegnen, für unfähig, und bereitet sich so im Voraus einen enschiedenen Erfolg. Wir sehren, wie gesagt, diese Zuversicht, ihrer Quelle wegen. Die Art des Angriffs wird niemand billigen können, wenn gleich ihm mancher Vortheil eingeräumt werden dürfte. Er geht folgendermaßen zu Werke: Ein Verrückter preist in Ecstase das XIX. Jahrhundert wegen des aufgegangenen Lichtes, der Entfesselung, der wissenschaftlichen und weltlichen Bestrebungen rc. und freuet sich über die Geigersche Zeitschrift, welche die „thalmudische Bastille" erstürmen soll, u. s. w. Von dem Anblick des Wahnwitzigen erschüttert, träumt der Vf. einen Traum, wie dieser Geisteskranke mit einer Fackel den Temprlberg in Brand steckt, das Heiligthum und alle, die ihn je bearbeitet.