Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 5 (1.2.1839)
- Date
- 1839-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
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39 wollte, daß von zwei entgegengesetzten Meinungen, immer die eine traditionell ist, so würbe man dadurch die Tradition selbst, als der Controverse unterworfen darstellen, was, wie schon Maimonides bemerkt, sehr ungeziemend wäre.... Es bleibt uns noch übrig, fährt Reggio fort, vom Zweck der Mischnah zu sprechen. Wir müssen ihn in dem Buche selbst suchen, da dasselbe mit keiner Vorrede versehen ist, und in der wohlgegründeten Voraussetzung, daß das Buch auch dem mit demselben beabsichtigten Zweck entspricht. Maimonides sagt, der Autor habe sich vom Drang der Zeiten bewogen gesehen, es zu veröffentlichen, damit sein Inhalt nicht in Vergessenheit komme. Eine höchst auffallende Behauptung! denn wie läßt es sich denken, daß Rabbi Iehudah zu einem solchen Zweck eine Unzahl von Controversen gesammelt habe, ohne je zwischen den streitigen Meinungen zu entscheiden? Welchen Nutzen sollte es den Lesern gewähren, da überall die Halacha, auf welche es doch allein ankommt, darin fehlt? Zst dies ein Buch, das geeignet ist. Allen in Händen gegeben zu werden? Sehen wir doch, daß selbst die Amoraim jeden einzelnen Punkt mit großer Mühe erörtern mußten, um daraus eine Entscheidung zu eruiren!... Wie läßt es sich ferner erklären, daß sich in der Mischnah nichts findet von den Pflichten der Liebe, der Verehrung und der Heiligung Gottes, nichts von den Verboten zu verläumden, den Nächsten zu beschämen, sich zu rächen, Groll nachzutragen, die doch auch zu den göttlichen Vorschriften gehören? ferner nichts über Denkriemen, Gesetzrollen und Thürschriften? — Alle diese Schwierigkeiten führen Reggio auf die Meinung, daß Rabbi Zehubah bei der Abfassung der Mischnah keine andere Absicht gehabt habe, als, nach dem Beispiel der frühem Tanaim, für sich eine Geheimrolle zu bilden, und daß die Autorität seiner Person auf diese Sammlung übergegangen sei, so daß dieselbe allmählig. besonders durch den Verfall der Akademie von Palästina, die Basis vom Studium des Ritualgesetzes wurde. Es ist nicht zu verkennen, daß diese Hypothese der Form und dem Inhalt der Mischnah sehr entspricht und viel weniger Schwierigkeiten darbietet, als die Annahme, daß die Mischnah gar nicht durch Rabbi Zehubah, sondern erst unter den Seburaim geschrieben worden sey. Nachrichten und Correspondenzen. Aus dem russischen Polen. — Wir lesen oft mit Verwunderung die Urtheile des Auslandes über unsere Zustände, unsere Bildung und gesetzliche Stellung. Nun ja, manches könnte schon anders sein, aber urtheilen sollte doch keiner so entschieden, der nicht unsere Verhältnisse in diesem Reiche, wie sie waren und jetzt geworben sind, recht genau kennt. Wie die Sachen stehen, sind die schönsten Fortschritte zu erwarten. Die Regierung unsers glorreichen Kaisers läßt keinen Theil der Unterthanen außer Augen, und befördert Bildung und Wohlstand auf alle Weise. Es ist wahrhaft lächerlich, wenn einzelne allerdings betrübende Maßregeln gegen die nach der preußischen Gränze zu wohnenden, des Schleichhandels überwiesenen Hebräer, als Härte oder Verfolgung gegen unser Bekenntniß angesehen werden. Wir können nicht sagen, daß die Hebräer (oder wie Sie ftfcreiben Zsraeliten — der Name Jude ist hier Landes nicht beliebt) um der Religion wegen bedrückt würden. Was wir noch als eigene, auf uns besonders lastende Uedel beklagen, ist das Werk vergangener Zeiten, nicht aber einer Wiükühr der herrschenden Macht, und vieles davon ist durch kein Machtgebot geschwind zu vertilgen. Ich wünschte, daß ein gelehrter Geschichtskenner Ihnen hierüber genauere Aufschlüsse gäbe, und überhaupt Ihre Nachrichten in der Geschichte der Zsraeliten, durch aktenmäßige und vollständige Relationen ergänzte. Bisher ist noch so manches mangelhaft. — Neuerdings hat ein allerhöchster Beschluß den Hebräern die Fähigkeit in den Communalgerichten mitzustimmen abgesprochen. Dieß kann auch nur aus diesseitigen herrschenden Ansichten erklärt werden. Erlauben Sie mir darüber zu schweigen, und dafür zu bemerken, daß von einer entehrenden Zurücksetzung auf keinen Fall hierbei die Rede ist; denn sonst steht der Hebräer, je nach seinem bürgerlichen Rang mit allen Landeskindern gleich, und viele sind in Staatsdiensten angestellt. Auch läßt sich's die Regierung sehr angelegen sein, die unglücklichen Umstände zu bessern, und Erkenntniß und bürgerliche Gewerbe zu befördern. Unangenehm ist es, baß unsere eigenen Bücher so viel Stoff zum Kritisiren hergeben. Ob die von Pinn er aus Berlin mit so viel Ruhmrederei versprochene Thalmud - Uebersetzung, — welche diesseits der allerhöchsten kräftigen Unterstützung sich erfteuet, jemals zu Stande kommt? Ob sie besser ausfallen werde, als der von Fehlern aller Art wimmelnde Prodebogen? Ob sie endlich der Civilisation einen großen Nutzen dringen werde? Alles das mag dahingestellt bleiben. Vielleicht wäre sie dazu gut, dem Volke, welches doch nicht mehr so ganz der alten Welt angehört, und schon zu denken anfängt, zu zeigen, daß die Weisen Israels auch Menschen waren, falsche Schlüsse machten, und aus Furcht vor Neuerungen die stärksten Neuerungen eingeführt haben. Denn so viel ist gewiß, daß allerlei Lehren dort ausgesprochen werben, die jeder rechtschaffene Rabbiner bei der strengsten Frömmigkeit verwerfen muß. -Dazu brauchen wir aber keine 12 Foliobände von gemischtem Inhalt. Unsere Widersacher haben schon die betreffenden Stellen genug ausgesucht, und, wenn ich recht vernommen habe, sind schon wieder ähnliche Sammlungen unterweges. Ich meine, unsre Rabbincn thäten am Gescheidtesten, wenn sie, statt über diese Anklagen zu zürnen, lieber öffentlich und ohne Rückhalt erklärten, daß unsere ftommen Väter in den Verfolgungszeiten manches gesagt haben, was wir nicht billigen, und manches in ein solches Gewand hüllten, daß es leicht mißdeutet wird. Da könnten sie das Korn von der Spreu reinigen, und indem sie die Schlacken abwerfen, das gediegene Metall retten. Aber da meint jeder ein Sacrilegium zu begehen! — Die Regierung nöthigt sie indeß halb und halb zu solchem Geständniß, indem sie darauf dringt,—