Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 5 (1.2.1839)
- Date
- 1839-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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Platze seines Kampfes gewährt, und von wo aus ihm wahrscheinlich eine ähnliche Bewegung wiederum bevorsteht. — Ob wir damit weiter kommen? Ob sich der menschliche Geist, seit Jahrtausenden also beschäftigt, vervollkommnet habe? Wir glauben ja, und zwar erstlich, insofern er sein Selbstbewußtseyn immer mehr entwickelt, sich über sein Thun selbst immer mehr Rechenschaft ablegt, und die Motion seiner Kämpfe und Thätigkeiten immer mehr von dem reinen Streben nach Wahrheit bestimmt werden; und zweitens insofern der Geist sich auch seiner Kräfte immer mehr bewußt wird, dieselben zur Verbesserung seines Lebens hinieden zweckmäßiger verwendet und Zustände erzeugt, in welchen die Gesellschaft sich wohl befindet. Aus dieser einleitenden Betrachtung wird man leicht wahrnehmen, daß wir eine jede geistige Bewegung, — wenn sie wirklich dem denkenden Geist entspringt und nicht etwa von einem rohen Muthwillen ausgeht, — mit Freuden begrüßen, daß wir in ihr ein Unterpfand munterer und wohlthuender Entwickelung erkennen, von welcher wir wohl hie und da unangenehm berührt werden können, aber welche uns vor großem Uedcln beschützt, vor Erschlaffung und Verwesung. Auf unserm religiösen Gebiete hat es seit etwa 50 Jahren nicht erfteulich ausgesehen. Die ganze Aufmerksamkeit fand beständig nach außen hin Beschäftigung. Die Thore der Ghetti, der Judengassen und Judenviertel wurden eingeschlagen, die Schlagdäume geöffnet, die Zölle aufgehoben; die Juden wurden als Menschen betrachtet. Sie selbst hatten bisher nur sich gesehen, jetzt sahen sie nicht bloß andere Menschen, sondern auch eine Welt, die ihnen bis dahin unbekannt geblieben war. Ihr Geist mußte zunächst sich zu dieser hinwenden. Sie fragten sich: Gehören wir dieser Welt an oder nicht? Und auf die bejahende Antwort, fragten sie sich weiter: Was ist in dieser Welt nunmehr unsere Bestimmung? welche unsere Pflichten? Welches würdige Ziel unsrer Bestrebung? Daß es nun hier viel zu thun gab, läßt sich denken und die Geschichte dieser Zeit gibt befriedigende Auskunft; was ein Jahrtausend unter politischen Kämpfen bei einzelnen Völkern nicht hervorbringt, wurde hier in einem kurzen Zeiträume und über eine große Strecke der Erde hinaus ins Dasein gerufen. Aeußere Begünstigungen, so wie Bedrükkungen und Hindernisse wirkten mit zur Erzeugung neuer, der jüngsten Vorwclt ganz entgegengesetzter Verhältnisse. Aus verwahrlosten, verzärtelten und verzagten Anachoretcn sollten sorgsam gebildete, kräftige und starke Mitglieder der Gesellschaft, aus tief erniedrigten Sklaven, schöpferische, selbstthatige Männer, aus furchtsamen Schwächlingen, zuverlässige Vertheidiger des Vaterlandes, aus geschmähten und verachteten Gefangenen, freie, sich ihrer Würde bewußte, und diese zu vertreten fähige, Geister, aus arbeitsscheuen und für Genuß und Schönheit unempfänglichen Höhlenbewohnern, rüstige lebensfrohe Arbeiter, die das Schöne schaffen und sich dessen erfreuen, hervorgehen. Eine solche Umgestaltung ist nicht das Werk eines Zauberschlages, und wird auch in einem halben Jahrhundert, die Entwickelung möge noch so thätig betrieben werden, nicht vollendet. Jede einzelne Wirkung stößt irgendwo gegen bestehende Schranken an, jede einzelne Wirkung hat ihre besondere Krise; krampfhafte Bewegungen, verfehlte Versuche, Mißgriffe aller Art, Verletzungen dieser und jener Interessen sind die unausweichlichen Folgen, wiewohl von geringer Bedeutung für den Zweck der Gesammtheit. Während dieses, noch lange nicht abgeschlossenen Vorganges ward das Gebiet der Religion zwar niemals außer Acht gelassen, wie eine über alle Maßen angewachsene Lehrbücher - Literatur deutlich beweiset; aber es hat die nach außen hin gekehrte Thätigkeit ihm doch eine große Menge von Kräften entzogen, und man mußte sich mit einem sehr oberflächlichen Anbau begnügen. Diese Schwäche gibt sich schon in der Form kund, indem durchgängig nur das äußere Schulbedürfniß mit Lehrbüchern für die zarte Jugend, oder allgemein das Verlangen nach Erbauung durch Predigt-Sammlungen gestillt ward. Durchgreifende Werke für Belehrung der Denkenden konnten unter dem vielfachen anderweitigen Treiben, dem Einsammeln gemeinnütziger Kenntnisse, dem Vorbereiten der Jugend zu verschiedenen bürgerlichen Gewerben, dem Regeln vieler guten Stiftungen und Gesellschaften, dem Hinardeiten auf Erlangung günstiger Concessionen, dem Entgegenwirken gegen innere und äußere Vorurtheile, kurz einer unendlichen Menge die Denkkraft anstrengender Arbeiten um so weniger Raum finden, als ein großer Theil der Masse, welche zur Aufnahme solcher Werke beitragen soll, sich lieber passiv verhält, und einmal mit dem freiern Lebensgenuß bekannt, es vorzieht, sich demselben nach Zufall und Neigung zu überlassen, und seinen Ueberfluß an Kraft und Mitteln auf weltliches Vergnügen zu verwenden. Das religiöse Leben der Juden, nicht mehr durchtränkt von dem ersten Quell aller Religion, nicht mehr eingebürgert in der heiligen Schrift, und von außen durch bürgerliche Verhältnisse in Uebung der vielen Gebräuche wo nicht ganz gehindert, doch gestört und der ehemaligen Andacht entrissen, empfand immer mehr einen Widerspruch, zu dessen voller Ausgleichung vielleicht nur ein inspirirter Prophet sich Kraft genug zutrauen kann. Der Widerspruch ward empfunden bei jeder gottesdienstlichen Uebung, da abgerechnet manche Vernachlässigung des wahrhaft Schönen und Erhebenden in den Gebräuchen, und manche überflüssige Zusätze späterer Zeiten, die kernigte, zu religiösen Empfindungen vorzüglich geeignete Sprache der Gebete völlig unverständlich geworden war; bei jedemFamilienereigniß, damit der Bedeutung der Gebräuche auch die Bereitwilligkeit zu deren Uebung sich verlor, so daß mancher in die Bcschneidungs-, Hochzeits- und Trauergebräuche, selbst nach veränderter Aeußerlichkeit sich ungern fügte; bei jeder Berührung mit Mitgliedern anderer Kirchen, denen mancher an Bildung und Einsicht nachzustehen glaubte, wenn er sich durch Adsonderungsgesetze unterschied, welche ohnehin in öffentlichen Schriften höhnend zur Schau gestellt und als Gründe gegen bürgerliche Freiheiten geltend gemacht wurden. Somit fehlte eigentlich dem religiösen Leben ein bedeutender Theil seiner