Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 3 (18.1.1839)
- Date
- 1839-01-18
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Literarische Berichte. I. Neue Ansichten über Maimonides. Referirt von vr. Creizenach. (Fortsetzung.) Reggio bemerkt hierauf in einer Antwort: Ihre Bemerkungen über Maimonides, mit Ausnahme dessen, was Sie über die Auferstehung der Todten sagen, wovon ein anderes Mal, sind ganz richtig. Jeder, der es mit Israel gut meint, wird den edeln Eifer loben, mit dem Sie uns von dem Joche zu befreien suchen, das dieser Mann uns aufgebürdet, und das uns alle Freiheit im Denken raubt. Jedoch dürfen wir ihn nicht ohne Nachsicht beurtheilen, da er nicht von frevelnder Willkühr, sondern von seiner Verehrung für die griechischen Philosophen, deren Schriften die Araber nach Spanien brachten, geleitet wurde. Er glaubte, unsre Religion dadurch zu verherrlichen, daß er ihr die aristotelischen Philosopheme einimpfte, obwohl der Vorzug unsrer Religion gerade in ihrer Unabhängigkeit von allen philosophischen Systemen besteht, wogegen er in praktischer Hinsicht unbedingt der Tradition treu bleibt. Lassen wir der Reinheit seiner Absichten Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir auch seine Wirksamkeit nicht in Allem loben können. Vielleicht war dieselbe auch den Bedürfnissen seines Zeitalters angemessener. Uns indessen liegt es ob, die Begriffe nach dem Standpunkts unsrer Zeitgenossen zu berichtigen, da er wahrscheinlich selbst, wenn er jetzt lebte. Manches anders lehren würde. Nur unsre Schuld ist es, wenn wir jetzt fest halten wollen, was nur bei den erloschenen Generationen haltbar war. Es sei uns hier die Bemerkung erlaubt, daß der Haupttadel, den Luzzato und Reggio gegen Maimonides richten, auch die erklärtesten rabbinischen Gegner des Maimonides trifft, nämlich die Cabbalisten; wenigstens hält man auch in der Cadbala die Seele für eine eigentliche Emanation der Gottheit, womit sich die Vorstellung von ihrer Individualität durchaus nicht verträgt. Die Worte: Ein Theil des Herrn ist sein Volk, sagt der Schcfa Tal in seiner Einleitung, sind wörtlich zu nehmen. Die Seelen verhalten sich zur Gottheit, wie der Theil zum Ganzen. Der Unterschied zwischen der Seele und der Gottheit besteht blos darin, daß die Gottheit das unendliche allumfassende Licht, die Seele aber nur ein Funke von diesem Licht ist." Vorstellungen dieser Art mögen demjenigen, der sie nicht theilt, als phantastische Verirrungen erscheinen; es dürste aber schwer halten, zu beweisen, daß sie für Sittlichkeit und Religion gefährlich sind. Wo ist außerdem das Symbol, mit dem man ave metaphysische Hypothesen unsrer Theologen und Theosophen prüfend zusammen zu halten befugt ist, um darnach zu entscheiden, ob sie dogmatisch oder verwerflich sind? Man kann Maimonides einen Ketzer nennen, weil er keine individuelle Fortdauer der Seele glaubt; aber alsdann ist auch R. Is. Arama ein Ketzer, weil er auf die Ideen des Maimonides eingeht, und Iaabez, weil er annimmt, die Gottheit sei in einen beschränkten Raum eingeschlossen. Und R. Hai Gaon wegen einiger bedenklichen cabbalistischen Aeußerungen, und unzählige Andre. Seien wir übrigens gerecht- Luzzato und Reggio wollen nicht Maimonides verketzern, sondern nur zeigen, daß man nicht allzu blindlings auf seine Worte schwören dürfe, und sie leisten hierin unfern angehenden Gottesgelehrten einen sehr wesentlichen Dienst, für den man ihnen Dank schuldig ist. Desto weniger kann Ref. das Bedauern unterdrücken, daß H. Reggip nicht eine gleiche Mäßigung in dem Urtheil beobachtet hat, das er über dm verdienstvollen Bibelübersetzer H. Cahen ausgesprochen hat, dessen kräftige reformatorische Aeußerungen wohl geeignet sind, eine Widerlegung, aber nicht ein schroffes Anathem hervorzurufen. Saadjah Alfajumi. (v. H.) Unser Landsman S. Munk in Paris, welcher sich durch seine Leistungen in der Arabischen Literatur einen anerkannten Ruf erworben hat, macht in einem dem Eahen'schen Bibelwerk einverleibten, aber auch besonders abgedrucklen Auf- 7 satze über Saadjah und Une persische Uebersetzung des saiah zunächst die Rabbiner darauf aufmerksam, daß zur^ nähern und gründlichen Kenntniß der rabbinischen Theologie des Mittelalters das Studium der arabischen Originalschriften unerläßlich sei, und daß zu-unsrer Zeit, da die israelitischen Theologen sich nicht mehr auf den Thalmud beschränken, die arabische Literatur ihre Beachtung ganz besonders fordere, theils weil die Schwestersprache zur Erläuterung der heiligen Schrift diene, theils weil sie so viele wichtige theologische Werke dardiete. Ueber Saadjah gibt uns dieser wackere Forscher folgende die Geschichte *) ergänzende Notizen. Der größte Theil der unter den Muselmanen lebenden Juden hatte die arabische Sprache angenommen. Die chaldäischen Bibelübersetzungen (Thargunim) hatten aufgehört ihrem Zwecke zu entsprechen. In den berühmten persischen und palästinischen Schulen ryard arabisch gesprochen und die Geonim (nachthalmubische Schulhäupter in Persien) sahen sich genöthigt, ihre Commentare und Rechtsgutachten arabisch zu schreiben, wie dieß Juda B. Tibbon in der Vorrede zur hebräischen stebersetzung des Wegweisers für die Pflichten des Herzens (innere Pflichten) von R. Bechai. ausdrücklich erwähnt. Arabische Bibelübersetzungen waren Bedürfnis Saadjah übersetzte die meisten Bücher der heil. Schrift, Saadjah Ben Joseph (bei Massudi unrichtig Ben Iakub) war 892 in Fajum in Aegypten geboren, wovon er Fajumi heißt. Im Aller von 3fl Jahren ward er nach *) Dergl. Jost Geschichte der Israeliten. VI, 83. — Ferner De Ross, Diz. stör., und Rappopvrt im 1^22 DWI Jahrgang 5589 (1829.)