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Israelitische Annalen · 1839-01-11 · Heft 2 (11.1.1839) · p. Seite 11

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 2 (11.1.1839)
Date
1839-01-11
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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11 1 mochte die eingeführte Strenge nickt ungehörig gewesen sein; vielleicht konnte man durch die Beschämung in öffentlicher Synagoge, durch Auflegung von Bußübungen die Verirrten bei'm ersten Schritte auf dem falschen Wege aufhalten, und ihnen und ihren Familien später solche Schmach ersparen. — Allein die zweite Hälfte des achtzehntenten Jahrhunderts verbreitete einen neuen Geist in der civilisirten Welt, und ein Theil der Juden nahm Antheil an diesem Aufschwünge eines frisch erkeimenden Lebens. Die zahlreichen Jünger Mendelsohns verbreiteren sich, gleich Aposteln, übrt Deutschland und Holland, weckten überall einzelne sympathisirende Köpfe und lehrten diese das Wort Gottes in anderer Sprache, in anderer Deutung. Herausgeriffen aus ihren alten Lebensgewohnheiten, plötzlich in Verbindung gesetzt mit ihrer Zeit, sahen diese mit Erstaunen hinter sich auf ihr bisheriges Treiben, und alles schien ihnen verändert, umgestaltct durch den neuen Standpunkt, von welchem es beschaut ward. Manches wurde zur Last, was man bis jetzt mit Freuden geübt hatte, und zwar nicht mehr aus Luft an Zügellossigkeit, aus verdorbenem Herzen, sondern aus ernster Betrachtung, und klarer Erkennrniß seiner Unverbindlichkeit. Die Kirchenzucht und die Gewalt der Parnaßim wurde die schwerste Last, weil sie den Druck des Gesetzes mit aller Macht unterstützte, weil sie die Ueberzeugung sich thalkräftig zu äußern binderte, weil sie jede öffentliche noch so unbedeutende Abweichung von Thalmud und rabbinischer Satzung mit Schmach und Schande ahnte. Der Druck der Kirchendtsciplin wurde so schmerzlich gefühlt, daß man den eigentlichen Grund dieses Mißstandes fast ganz aus den Augen verlor, daß man kaum mehr die schwierige Erfüllung dessen, was durch die Parnaßim strenge gefordert wurde, beachtete, sondern bei jedem Plane zur Verbesserung nur die Parnaßim selbst ins Auge faßte, und nur ihre Macht zu brechen wünschte. Doch greifen wir nicht dem Gange der Verhältnisse vor; denn ehe es gelang, sich von diesem religiösen Joche zu befreien, waren noch ganz andere Bestrebungen nöthig, um sich dem politischen Drucke zu entwinden. Mit der Erleuchtung des Verstandes, und der zunehmenden Bildung, war den Juden auch eine neue Ansicht von ihren bürgerlichen Verhältnissen aufgegangen; sie fingen an, nicht mehr ihr ganzes Glück in der Uubesorgrheit vor pöbelhaften Angriffen auf ihr Eigenthum oder auf ihr Leben zu suchen; sondern ein Gefühl der Menschenwürde ward rege; sie erblickten Hunderte von Gewerben, in welchen sie ehrenvoll sich nähren könnten, Hunderte, von Aemtern und Ständen, zu welchen sie die volle Kraft in sich fühlten; aber die Kraft mußte ungeübt erschlaffen, der Gewerbzweig unergriffen bleiben, weil harte Gesetze es verboten. *) — Glaubt man jedoch, daß der Wunsch, alle Rechte gemeinsam mit andern Confessionen zu erhallen, der seitdem der Wunsch nach Emancipation genannt worden ist, sobald er einmal von mehreren aufgefaßt war, auch allgemeinen Anklang und Theilnahme unter den Juden gefunden habe, so irrt man sehr. Der Jude ist seiner Gesinnung nach, für die Stabilität, jede Aenderung der Verhältnisse ist ihm bei der Beschränktheit seiner Begriffe schreckhaft, und durch einen sichern Instinkt wird er geleitet, in Religion wie im Staate gleichmäßig das Bestehende aufrecht zu erhalten. Im Jahre 1787, als die Preußen zur Unterstützung des Prinzen-Statthalters gegen die unzufriedenen Bürger, welche nach den Verlusten gegen England eine andere freisinnigere Regierungsform wünschten, in Amsterdam einrückten, waren darum die Juden insgesammt auf der Seite Oraniens gegen die Patrioten, und fügten diesen selbst mannigfachen Schaden zu. Allerdings mochte bei dieser Gelegenheit die Dankbarkeit gegen das Haus Oranien, und der prekäre Zustand der Patrioten auch nicht wenig dazu beitragen, daß sich unter den Juden Keiner zu den Freiheitsfreunden schaarte; daß aber diese Gründe nicht allein, sondern das starre Anhängen am Hergebrachten sie bestimmte, zeigte sich bei der späteren Umwälzung von 1795. Der Prinz war entflohen, die Freiheilsmänner standen an der Spitze der baravischen Republik, alle Macht war auf ihrer Seite und das Gebäude, welches sie aufgeführt hatten, schien selbst klugen Staarsköpfen Dauer und Festigkeit zu gewinnen. Will man den *) Als besondere Gnade wurde ihnen das eine oder das andere untergeordnete Amt anvertraut. Asser in seinem preeis bistorique sagt: il faut rendre hommage ä la verite; malgre l’exclusion legale des israeiites, dejä avant la gründe revolution, le gouvernement tacha d’adoucir leur sort, en accordant de temps en temps des Privileges, dont 11s jonirent jnsqu’an woment, oü ils furent assimiles ä leurs concitoyens sans restriction. Ä*

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