Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 1 (4.1.1839)
- Date
- 1839-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3133765-3133766-3133768--0010-3134104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 Das sind die eigentlichen Elemente jener rastlosen Thätigkeit, welche aus den durch die Zeitereignisse ganz und gar umgestalteten Verhältnissen der Israeliten sich nvthwendig entwickeln mußte, und noch sehr lange fortdauern wird, bevor bestimmte allgemeine Ruhepunkte gewonnnen werden. Daß so mannichfache, nach Maßgabe der verschiedenen Landessitten und Sprachen, Bildungsstufen der Völker und der einzelnen Classen und Individuen, nach Maßgabe der gerade vorschwebenden Absichten auf nähere oder entferntere Wirkungen und der unendlich vielen mitwirkenden Einflüsse, höchst verschiedenartig ausfallende Thätigkeiten eines sichern Mittelpunktes entbehren, darf nicht befremden; ist gleich die obige Grundidee durchgängig das belebende Prinzip, so verzweigt sich doch auch jede einzelne Thatsache in anderweitige Lebensverhältnisse hinein, so daß sie oft von diesen bedeckt, und erst spät, wenn längst ihre Frucht getrieben hat, wieder als deren Aussaar erkannt wird. Dieser Mangel an einem sichern Standpunkte, von wo aus die ganze vielseitige und viel verwickelte Thätigkeit überschauet, beurtheilt und zum Theil auch geregelt werden dürfte, und diese ungemeine Verwirrung der einander widersprechenden Ansichten, Bestrebungen, Wirkungen und Gegenwirkungen, sind aber wiederum die unverkennbaren Ursachen der so oft beklagten Schiefheit der Ansichten, des Mißlingens der tüchtigsten Bestrebungen und der Vernichtung so mancher bereits eingetretenen heilsamen Wirkungen. Das kann nicht anders sein, so lange jeder nur nach dem, was unter seinem beschränkten Gesichtskreise vorgcht, das Ganze beurtheilt, und auf das Ganze einzuwirken meint und hofft. Die Beweise liegen vor in den noch immer äußerst mangelhaften Staatsgesetzen über Israeliten, in dem beständigen Meinungszwist über den Neubau der verschütteten Ruinen, in den vielfachen Mißgriffen derer, welche leiten, und den noch häufigern Mißverständnissen derer, welche geleitet werden sollen. Wer sich von der obwaltenden Verwirrung überführen will, der frage herum und sammle die Stimmen. Erfrage den Gesetzgeber, den Staatsmann: Was sind ihm die Juden? Eine bedaucrnswerrhe Schaar, deren Schicksal das Gesetz nur erträglicher machen müsse. Wo lernt er ihre Zustände, ihren Sinn, ihr Streben kennen? Die Wenigen, welche in Staatsangelegenheiten benutzt werden, sind ihm entweder rühmliche Ausnahmen, oder wirklich nicht Vertreter der Gesammtheit. Einzelne Aeußerungen, Berichte der Untergebenen, öffentliche Stimmen müssen aushelfen und ergänzen; aber wie diese einander durchkreuzen, das lehren genugsam die bekannt gewordenen Emanzipationsverhandlungen, das lehren die unendlich wechselnden Urtbeile der Publicisten, der Historiker, der Philosophen, der Kritiker. Fast sollte man glauben, die Israeliten wären von gestern her, sie böten aller Welt eine neue Entdeckung dar, an welcher die Forschung unsicher herumtappe und experimentire, und jeder etwas anderes wahrnimmt; sie hätten noch gar keine Geschichte durchlebt, aus welcher sich bestimmte Grundzüge entwickeln lassen müssen. — Aber auch bei Den Israeliten selbst ist schwer, Auskunft zu erlangen. Jeder erblickt nur das, was vor seinen Augen vorgeht, den Kampf zwischen Fanatismus und Ungebunbenheit, zwischen Formenftarrheit und Veränderungssucht, zwischen Herkommen und Fvrtschrriren. Selbst die Besonnensten fühlen die Unbehaglichkeit der Anstrengungen, welche die Zeit fordert, ohne daß sie recht durchschauen, wie so es dahin gekommen? wozu diese schwere Prüfungszcit? Nur die genauere Kunde von der Vergangenheit und von dem innern Wesen der Israeliten, wie sich's in der Geschichte offenbart, vermag Aufschluß zu geben, das Gemüth zu trösten, die Hoffnung aufrecht zu halten, die Thätigkeit zweckmäßig zu leiten; aber wer sucht diese auf, wer kennt sie? Statt ihrer wirkt die Unruhe auf minder kräftige Gemürher und erzeugt krankhafte Zustände, die sich bald ^durch übermäßige Reizbarkeit, bald durch Erhitzung Der Phantasie, bald durch Kälte und Erschlaffung kund geben. Aus solchen .entstehen mitunter jene Auswüchse, welche leider am meisten unter die Augen treten, uud dann wieder das Urtheil der Unwissenden bestimmen. Sie liefern die traurigen Vorbilder zu jenen fratzenhaften Juden-Characteren, womit die Tagesschriftfteller ihre Gemeinplätze zu beleben suchen; ja womit selbst höhere Geister ihre Kunstwerke verunzieren. Was soll die Nachwelt zu dem Geschmacke unsrer Zeit einst sagen, wenn sie die schöne Literatur mit so vielen Zerrbildern entstellt findet? Wir bemerken dieß keineswegs aus Empfindlichkeit gegen die naturgemäße Schilderung der Ausar-