Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 1 (4.1.1839)
- Date
- 1839-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Cm Wort zur Verständigung über die Tendenz der Annalen vom Herausgeber. Seit einer Reihe von Jahren herrscht eine ungewöhnliche Regsamkeit und Tätigkeit im Bereiche der Israeliten. Gesetze verdrängen Gesetze, Urtheile vernichten Urtheile, Vorschläge entkräften Vorschläge, Einrichtungen zerstören Einrichtungen; Versuche über Versuche werden gemacht, von innen und außen ist ein Drängen und Treiben, ein Streben und Haschen, ein Streiten und Ringen, Anklagen und Abwehren, daß der ruhige Beobachter erstaunt und fragt: Wo soll das hinaus? Es ist ein Zustand der Gährung, ein Proceß, den die Zeit hervorgerufen hat, ein Drang des lange niedergetretenen Menschenrechtes, sich herauszuwinden aus dem unnatürlichen Druck, und zum freien Selbftbewußtsein zu gelangen. Es ist kein Schwindel eines überladenen Geistes, es ist keine Umwälzung der Gesinnung, es ist keine Tyrannei von außen, keine Gewaltthätigkeir widerstrebender Bosheit; es ist die natürliche Wirkung der verworrenen Verhältnisse, die sich zu entwirren suchen. Wenn die Gesetzgebung hin- und herschwankt, bald ermuntert, bald niederdrückt, bald billigt oder zuläßt, bald mißbilligt oder verbietet, heute baut und morgen einreißt, so sehen wir darin nicht mehr den schnöden Hohn und die Grausamkeit eines Königs Johann von England, nicht den niedrigen Geiz eines Philipp des Schönen, nicht die Ausübung der Lehnsrcchre privilegirter Barone und Stände, nicht den verderblichen Bürgerneid freier Städte, — es ist die Macht der Gerechtigkeit, welche sich entringet den Armen des Unverstandes, der Thorheit, des Aberglaubens und tyrannnischer Anmaßung. Es ist die wägende Gerechtigkeit, welche noch sucht nach den Momenten, die sie in die Schale legen soll. Sie wünscht den Beistand einer reifen Erfahrung. Aber was vermag ein einziges Menschenalter zu lehren? Reicht ja doch in so vielen Dingen ein Unterricht von Jahrhunderten nicht hin, um die Gesetzgebung auf das Rechte zu leiten. Wenn im Innern geftre-bt und gekämpft wird, so ist es nicht mehr, wie vordem, ein Bewerben um die schmähliche Gunst eines Retchsvasallcn, nicht mehr die Scheelsucht um das Glück, sich in einem Ghetto anzusiedeln, nicht mehr Parteihader für und wieder eine Messiasgaukelei, — sondern es ^sind die wichtigsten, heiligsten Interessen der Menschheit, welche nach verschiedenen Richtungen hin ihrer Lösung zueilen möchten; es ist ein starkes Gefühl innerer Sittlichkeit, bisher mehr durch den Einfluß der Religionsinstirute, als durch freies Bewußtsein gehalten, jetzt aber selbstthätig wirksam; es ist eine religiöse Ueberzeugung, welche sich der Menge bemächtigt und der gar zu oft mißbrauchten Werkheiligkeit entzieht; Sittlichkeit und Religion wollen mit selbstbewußter Kraft wirken, ihre Institute und Lehre mit Erkenntniß und Liebe durchdringen, und gegen Scheinheiligkeir wie gegen Leichtsinn geschützt, ihre Laufbahn durchwandeln. Wenn die öffentliche Meinung ihre Stimme mit Ernst und Würde erhebt, so ist es nicht mehr ein Aufruf an die Gläubigen, zur Erbauung des gottseligen Gemüthes die Judenhäuser zu stürmen; nicht mehr das Geprassel der Flammen, in welchen Tausende von Brunnenvergiftern ihr unschuldiges Leben verhauchen; nicht mehr der höhnende Nachruf auf den Gaffen und das gellende Geschrei eines wilden Pöbels um das graue Haupt eines armen Juden; nicht mehr blutige Anklagen und schauderhafte Kreuzzüge gegen stille, friedliche Hüttenbewohner, — es ist die versöhnliche Stimme der Menschenliebe, welche durchbricht durch einen Nebel von Herkommen und Mißverständnissen, welche vernommen wird mitten unter dem dumpfen Gesumme leidenschaftlicher Aufregungen; es ist die Menschenliebe, welche ausgleichcn möchte die Risse der Jahrhunderte und heilen die alten Wunden; aber zugleich die kräftige und gesunde Menschenliebe, welche gern überall Hülfe leiht und Thränen trocknet, Bündnisse aber nur unter Würdigen schließet. Und hierbei muß von innen heraus mitgewirkt werden. Wenn die versöhnliche Stimme der Menschenliebe ruft, so fordert sie Antwort, Gegenliebe. Da weicht beschämt zurück der grämliche Menschenhaß, und herauslreten alle die heiteren, edlern Seiten des bisher erdrückten Geistes, und er sucht zu entfalten, was nur irgend ihn nach seinem ächten Gehalte und in seiner wahren Würdigkeit darzuftellen vermag. Es ist ihm nicht mehr genug, das Gute zu leisten, er will es erkannt wissen, er will darauf sein Recht gründen, darin seine Würde selbst sehen und nach außen hin geltend machen. 1