Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 373 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DAS STEGREITTHEA TER i ZENTRALBÜHNE MIT HÖHENENTWICKLUNG er im Guckkasten nur nach einer, so muß er jetzt nach allen Richtungen des Raumes spielen, denn überall sitzen Zuschauer, die ihn hören und sehen wollen,- mußte er bisher nur die Fläche, so muß er jetzt wie ein Akrobat auch die Höhen= und Tiefendimension beherrschen. Im Mittelpunkt steht nicht mehr das Drama, sondern der Körper, die Bewegung, der Schauspieler und seine SpieU und Geistmächtigkeit. Daraus erklärt sich, daß alle bisherigen Dramen für die Zentralbühne ungeeignet sind. Denn von Äschylos bis Wedekind hat der dramatische Dichter für Guckkastenbühnen geschrieben. Mit der Guckkastenbühne fällt auch das Drama und umgekehrt. Eine radikal geänderte Bühne ist nichts als der bauliche Ausdruck einer radikal geänderten Spielweise. Auch hier haben sich Impulse, die vom Sportplatz und Film kommen, mit kindlichen Komplexen verbunden — und so ist das moderne Stegreifspiel entstanden. Dieses stützt sich nicht auf ein »geschriebenes« Drama und so fällt der ganze dramaturgische Apparat weg,- es ist aber auch nicht Anarchie, vielmehr ist die »Freiheit« eine Frucht harter Zucht und strenger Gesetze. Ein Spiel mit Regeln, für das es ein Pendant in der sportlichen Sphäre gibt: der Boxkampf und das Fußballspiel. Am schlagendsten tritt diese Tendenz in einem neuen Typus auf »Die lebendige Zeitung«*. Das Leben selbst wird gespielt, bevor es in die Zeitung kommt oder gefilmt wird: Leitartikel, die neuesten Ereignisse, Gerichtssaal, Sport, Reklame. Das alte Theater wird als Gottesdienst unsterblieber Werte auch in Zukunft Sinn bewahren. Aber die Tendenz, eine so radikale Neuerung im Theater^ wesen vorzunehmen, ist geschichtlich begründet. Während Kino und Sport von ihrem Entstehen ab Massenvergnügungen waren, ist das bestehende Theater eine Einrieb^ tung des Hofes gewesen, Schauspieler und Dichter waren im Dienste aristo^ kratischer Zirkel. Die Krise des Theaters ist daher eine Folge der gesell^ schaftlichen Verhältnisse. Die herrschende Schicht ist zerfallen, eine neue Gesellschaft auf demokra^ tischerGrundlage entsteht. * Die lebendige Zeitung, ein Regiebudi. Verlag Kiepenheuer. <Die Schriften des Vaters). ELSE KLEIMANN SEDERTASCHE 373