Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 372

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 372 (sequence 37)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133286--447-3133755
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ZENTRALBÜHNE MIT HÖHENENTWICKLUNG. VIER NEBENBÜHNEN DAS STEGREIFTHEATER* VON DR JAKOB MOREN O^LE VV Alle Ideen, welche bestimmt sind, eines Tages von der Menschheit in großem Stil verwirklicht zu werden, treten in frühen Stadien der Stammes^ geschiente als starke Erlebnisse auf und werden von einer Generation zur andern als Erinnerung <Mythos> weitergegeben. Der Turm von Babel, der Tanz um das goldene Kalb — enthalten diese berühmten Verirrungen kindlicher Menschen nicht beide Hauptelemente des hypermodernen IdeaU theaters <»Zentralbühne mit Höhenentwicklung«, »das Publikum im Kreise angeordnet«)? Ebenso wie dem großen Menschenstamm ergeht es dem Einzelnen. Wenn ihn bestimmte Ideen im erwachsenen Alter heftig beschäftigen, so haben diese sicher in der Kindheit ihren »Turm von Babel« gehabt. So erinnere ich mich an folgende Geschichte: Es war in meiner frühesten Kindheit. Da kamen oft, wenn die Eltern außer Haus waren, Nachbar^ kinder und wir spielten »Vater und Mutter« und das »feinste Essen«. Einmal sagte ich: »Heute spielen wir, Gott und die Engel. Ich bin der liebe Gott, ihr seid die Engel«. Ich führte sie in einen Saal, wir stellten einen Tisch in die Mitte. Die Kinder mußten aus allen Zimmern die Sessel herbeU tragen und nun stellten wir einen Sessel auf den andern, immer höher hinauf, bis knapp an die Decke. Die höchste Stelle war der Sitz Gottes. Ich kletterte hinauf, die Kinder mußten Tisch und Sessel an »Das Stegreiftheater«, Verlag Kiepenheuer, Potsdam <Die Schriften des Vaters, Band IV>. den Füßen halten, damit ich nicht herunterfalle. Als ich oben saß, befahl ich den Engeln, einen Kreis um den Tisch zu bilden, einander die Hände zu reichen und sich wie richtige Engel um den Tisch zu drehen. Nachdem sie sich eine Weile gedreht hatten, befahl ich ihnen, wie richtige Engel zu fliegen. Sie taten also und auch ich breitete die Arme aus, aber statt zu schweben fiel ich und brach den Arm. Dieselben Hauptelemente wie in diesem einfältigen Spiel sind in der modernen Bühnenforderung enthalten. Die Guckkastenbühne mit ihrer Rück=^ und Seiten^ dedtung, ihren Kulissen, ihrem starren System entspricht uns nicht mehr. Der moderne Geist, welcher seine Impulse vom Sportplatz und Film empfangen hat, verlangt vom Theater ein freies, körperliches, dreidimensionales Spiel. Daher wird die Bühne aus dem Versteck geholt und wie ein Turm in die Mitte gestellt. Sie schwebt im Raum, nicht rückwärts von Kulissen gedeckt, sondern frei nach allen Seiten, und die Zuschauer sitzen ringsum im Kreise. Die Bühne ist so konstruiert, daß sie beliebig hoch gestuft werden kann. Eine Zentralim Gegensatz zur bisherigen Peripheriebühne, eine Hochim Gegensatz zur bisherigen Tiefbühne, eine Vertikal^ im Gegensatz zur bisherigen Horizontal^ bühne, eine bewegliche Freibühne im Gegensatz zum starren Guckkasten. Diese Bauform stellt den Schauspieler in völlig neuartige Verhältnisse. Mußte 372

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.