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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 369

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 369 (sequence 34)
Language
German
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AUS DEM NOTIZBUCH EINES EUROPAREISENDEN GRABMAL RABBI SIMON SPIROS <i679> Toten erscheinen eher eingestampft als eingebettet und der Friedhof erzwingt den Eindruck, als wären seine Gäste in einen unterirdischen Zug gepreßt. Nur eine rasende Stunde weit ist der Weg in die Ewigkeit. — Auch Wappenkunde lernen wir von diesen Toten. Man erkennt die Familiennamen aus den eingemeißelten Emblemen der Grabsteine. Zwei Hände in der Geste des Segnens für Cohen, eine Wasserkanne für Levy, ein Hirsch für Hirsch, ein Hahn für Hahn, ein Karpfen für Karpeles, ein undefinierbarer Fisch für Fischel und ein Traubenbüschel für die unterschiedslosen Plebejer. Hie und da erkennt man die Figur einer Frau und dann weiß man, daß in einer Reihe darunter die Gebeine einer Jungfrau liegen. Und hält die Frau eine Rose in der Hand, so ist sie das Zeichen, daß die Jungfrau eine Braut war. Natürlich muß man vollständig vergessen, daß man uns gelehrt hat, die Juden dürfen auch zu religiösen Zwed\en kein Abbild machen von dem, was im Himmel über uns, auf der Erde hier unten, oder unter der Erde ist. In Wirklichkeit ist der Befehl seit seiner Bekanntmachung niemals befolgt worden. Ja, Gott selbst hat ihn sofort vergessen, denn weniger als ein Jahr nachher befahl er Bezalel, Cherubim in Stein zu meißeln, Mandeln in Knospe und Blüte, Glocken^ blumen und Granatäpfel zu sticken. Der ganze Gedankengang, die ritualen Zwecken dienenden Geräte der darstellenden Kunst zu entziehen, ist, soweit ich ergründen konnte, bloß ein Nebenprodukt der alten Angriffe jüdischer »Reformer« gegen alles Traditionelle, Orientalische, Sinnliche. In diesem Großkampf gegen Tallis, Chasan, Hebräisch und Zion wurde auch die rituale Kunst in die Aschen^ urne geschleudert, und einmal dem Anblick entzogen, begann sie ihre Existenz überhaupt zu verleug^ nen. — Ich erinnere mich noch deutlich, daß wir in unseren Sonntagsschulen von ihrer Nichtexistenz gelernt haben. Ich möchte noch hinzufügen: Die Trauerskulpturen in Prag vereinigen alle Schönheit und Würde, die die Zeit verleiht. In diesem Fall aber war die Zeit ein größerer Künstler als die ursprünglichen Bildhauer. Das Grab von Meyer Fischl ist wert, daß man davor verweilt. Nicht der verwitterten Renaissance^ buchstaben wegen, der entzückenden Feldblumen, die in den Stein gemeißelt sind, und der großen Kohlblätter wegen, sondern weil hier eine Tragödie, begraben liegt. Nach dem »Pogrom« von 1918 entstand die Frage, wo die entweihten Thorarollen begraben werden sollten. Man entschied: Der frömmste Mann, dessen Existenz authentisch ist, und der seit sechs oder sieben Jahrhunderten hier begraben ist, wird sein Grab mit den Thorarollen teilen dürfen. — Im alten jüdischen Rathaus wurden die vergilbten Urkunden hervorgesucht und vorgelesen. Die Endsitzimg glich GRABMAL MEyER FISCHLS 369

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