Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 370 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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AUS DEM NOTIZBUCH EINES EUROPAREISENDEN einer Wählerver- Sammlung und der gewählte Kandidat war Meyer Fisdil. Wie gern wäre idi dabei gewesen! Idi wäre neugierig, was man sich unter Frömmigkeit vorstellt.Unschuld<oder> und darum Dummheit? Gute Werke, gute Anlage, reiner Sinn? Wer ist würdiger ewig bei der Thora zu ruhn, ein weiser Mann oder ein gütiger Mann? Einer, dem sein Seelenheil allein am Herzen liegt, oder der sein Volk liebt? Wer ist ein guter Mann und was ist Weisheit? Es klingt gleich den Sprüchen unserer Väter. Ich weiß nichts von Meyer Fischl. Aber ich wäre neugierig auf den Grund seines Sieges. — Daß kein Tempelgründer, kein Wohltäter der Armen gewählt wurde, ist mir verständlich. Um Tempel zu erbauen und Arme großzügig zu beschenken, muß man reich sein, und kein Reicher kann, nach der Überlieferung, die Probe auf die Frömmigkeit bestehen. Josef del Medigo ist augenfällig ungeeignet. Er reiste viel und ich bürge dafür, kein Reisender kann rein bleiben. David Oppenheim war Bibliophile, ergo ein Mann der Lust. Mordechai Zemach war ein Verleger. Aber welcher Makel lastet auf Bezalel Low? Der Anfang eines Politikers oder eine Spur geistigen Hochmuts? Oder Abigdor Karo, der beliebte Dichter? Ich fürchte, es wird wirklich nichts über Meyer Fischl zu erfahren sein, denn um den Preis der Frömmigkeit über alle Kandidaten einer sechshundert Jahre langen Spanne Zeit Sieg zu erringen, muß man, fürchte ich, das reine Nichts gewesen sein. Nur das kann sündenlos bleiben. Jeder hat schon von der Altneu-Synagoge gehört, aber Keiner weiß, wie und warum sie gebaut wurde. Aber die Sage erzählt: Einst saß eine alte Jüdin in ihrem Zimmerchen am Fenster. Da bemerkte sie auf des Nachbars PRAG Dach eine schwarze Katze, die in Schmerzen ihre Jungen gebar. Sie eilte hinaus und stand dem Tiere liebreich in seinenSchmerzen bei. Sie nahm die Katze mit ihren Jungen zu sich und bereitete ihnen ein weiches Lager in der Kohlenkiste. Nach einigen Tagen war die Katze verschwunden, die Kohle aber, auf der sie gelegen war, ist zu eitel Gold geworden. Voll Freude zeigte die Alte den Schatz ihrem Mann und der widmete das ihm von Gott gesandte Geld dem Bau eines Tempels, eben jener Altneu-Synagoge. — Und jetzt erfahren wir auch, warum sie gebaut wurde. Da der alte Mann ein frommer Jude war, wünschte er sehnlich, in'.Jerusalem zu sterben, aber ebenso sehnlich, die schwarze Katze wieder zu sehen, um ihr für sein Glüdt zu danken. Und siehe da! Als die alte Frau wieder einmal an ihrem Fenster saß, erblickte sie wieder die schwarze Katze auf ihrem alten Platz auf des Nachbars Dach. — Laut ruft sie ihrem Manne zu: »Die Katze ist da!« Der Mann eilt hinaus, will die Katze fangen, die aber springt vom Dach, und gerade in die Altneuschul. Er eilt ihr nach, aber kaum im Tempel, sieht er sie plötzlich im Boden versinken. —- Er nähert sich der Stelle, entdedtt eine Öffnung, die scheinbar in einen Keller führt, und ohne eine Sekunde zu zögern, taucht er in die Finsternis hinab. — Er gerät in einen langen Gang, die Katze lodtt ihn weiter, immer weiter, bis er endlich Tageslicht erblickt. Aber wie er aus dem Dunkel auftaucht, findet er sich in einer fremden Stadt. — Er erfährt, er sei am Ziele seiner Sehnsucht, in Jerusalem, und stirbt an seiner Freude. Wie jeder Tempel, ist auch die Altneuschul gebaut, um den heiligen Weg nach Jerusalem zu verbergen und dadurch zu schützen. (ÜBERSETZT VON Dr. HEDWIG HERZKA) (PHOTOS S. REACH, PRAG) ALTNEU-SyNAGOGE 370