Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 359 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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BETRACHTUNGEN ÜBER PALÄSTINENSISCHES BAUEN Das Fehlen dieser Plattform hat die verschiedenartigsten Gründe. Wer sind zunächst die Bauherren? Meistens sind es Einwanderer, die vom Bauen an sich — von der Baukunst ganz zu schweigen —' überhaupt nicht die leiseste Ahnung haben. Diese Leute bauen entweder selbst voll Selbstvertrauen und Naivität ohne alle technischen Kenntnisse, oder sie übertragen die Planung und Ausführung ihrer Häuser Baumeistern oder Bauunternehmern, die sich diesen Berufen zugewandt haben, nachdem sie bisher Schneider oder Schuhmacher <an sich höchst ehrenwerte Berufe!) waren, und die, befähigt durch mehr oder weniger intensive Beschäftigung bei Bauten, nunmehr selbst handelnd in die Verunstal^ tung der Erdoberfläche eingreifen. Auch bei diesen Männern hieße es zuviel verlangen, wollte man technisch oder künstlerisch Wertvolles erwarten. Ja selbst, wenn diese Männer praktische, technisch einwandfreie und äußerlich anspruchslose, aber darum nicht schlechte Bauten herstellen könnten — dies erscheint höchst zweifelhaft, denn schon allein die Bautechnik kommt nicht angeflogen, sondern muß erarbeitet werden —, werden sie häufig genug von ihren Bauherren gezwungen, Dinge auszuführen, die vielleicht in der Galuth möglich und angebracht wären, aber für Palästina völliger Unsinn sind. Dann gibt es wieder Bauherren, die so einsichtig sind, daß sie sich an Architekten wenden, die durch ihre Vorbildung, durch ihr Diplom usw. eine gewisse Gewähr für anständige Bauten bieten sollten. Solche Architekten gibt es in Palästina. Aber auch bei den meisten von ihnen zeigt sich der Mangel einer gemeinsamen Plattform. Ihre Bauten zeigen entweder die Erinnerungen an die Bauten ihrer Galuthheimat, oder den Niederschlag einer polytechnischen Allerwelts-Archi^ tektur, die in der Anwendung von Künste und Orna^ mentformen historischer Stile ihr Genüge findet. Eine letzte Gruppe schließlich sucht das Heil der Architektur im Jagen nach den Ausdrudisformen allermodernsten Bauschaffens. ELSE KLEIMANN SEDERHANDTUCH Noch betrübender werden die Ergebnisse, wenn die Bauaufträge an Bauingenieure fallen. Sowohl der Architekt wie der Bauingenieur verlassen mit dem Titel Diplomingenieur die Technischen Hoch^ schulen und das Publikum hat keine Ahnung, ob hinter dem Diplomingenieur ein Architekt oder ein Bauingenieur steckt. Bei der geringen Zahl größerer Bauaufträge und dem bitteren Konkurrenz^ kämpf im palästinensischen Bauwesen wird der Bauingenieur niemals den Mut der Selbstverleug^ nung haben, einen Bauauftrag für einen Hochbau abzulehnen, obgleich er weiß, daß diese Aufgabe nicht zu seinem eigentlichen Fach gehört. Er wird im Gegenteil munter darauflosbauen. Kunst oder Schönheit wird und kann dabei nicht herauskommen. Und doch ist es so leicht, gerade in Palästina anständig und schön zu bauen. Gerade hier, wo das stumpfeste Auge vom eigenartigen Charakter der Landschaft entzückt wird, wo es erkennt, wie sich dort, wohin der europäisch geschulte Architekt noch nicht gedrungen ist, die heimische morgen* fändische Baukunst mit der Landschaft auf das VoCCendeteste paart wie das einfachste araßische Haus restfos in derHarmo* nie des Landschaftshifdes aufgeht, daß es gar nicht anders aussehen könnte. Hier liegt die Plattform, die gemeinsame Grundlage so nahe, so greifbar, so selbstverständ^ lieh, daß man bedauernd klagen muß: Sie haben Augen und sehen nicht! Und je mehr man in die arabische Bauweise eindringt, je mehr man einsieht wie schlicht, wie sach* lieh diese Männer der klimatischen Bedingungen des Landes Herr geworden sind, wie ihre Bauten echteste Heimat^ kunst sind, desto klarer erkennt der Architekt, daß hier die Grundlagen der Ent^ Wicklung zu einer künftigen jüdischen Architektur liegen. Hier soll keiner sklavischen Nachahmung arabischer Baukunst das Wort geredet werden, beileibe nicht! Ja, wenn wir dies beabsichtigen, würde es uns nie gelingen. Denn es fehlt uns die Selbstverständlichkeit der Tradition und 359