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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 358

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 358 (sequence 23)
Language
German
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BETRACHTUNGEN ÜBER PALÄSTINENSISCHES BAUEN VON REGIERUN GS= UND BAURAT ALEX BAERWALD Palästina ist durch die unendliche Mannigfaltige keit seiner Landschaft eines der schönsten Länder der Welt und verdient schon dadurch die Liebe, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wird, in vollstem Maße. Die Zeiten sind vorbei, in denen es als »Einfluß des bösen Geistes« galt, sich an der Schönheit der Landschaft zu erfreuen. So ist es nicht nur das tiefe historische Gefühl, das uns Palästina vor allen anderen Ländern wert macht, sondern der große Reiz, der von seinen Bergen und Tälern, seinen Flüssen und Seen ausstrahlt. Wie man ein geliebtes Weib mit dem Schönsten schmüdtt, was die Kunst erzeugt, so natürlich ist es, dieses herrliche Land mit Bauten zu schmücken, die seine Reize heben, und die die sichtbaren Beweise unserer Liebe und Verehrung bilden. Es ist durchaus nicht nötig, daß dieser Schmuck besonders kostbar sein muß. Das wäre im Gegenteil ebenso unsinnig und geschmaddos, als würde man einem armen Bauernmädchen ein Brillantkollier umhängen. Deshalb kommt es in Palästina nicht darauf an, luxuriöse oder prunkvolle Bauten zu errichten. Aber das muß verlangt werden: Die Bauten, die in Pafästina erricßtet werden, soffen zum Cßarafiter der Landschaft passen, sollen anständig und solide gebaut sein, sollen die klimatischen Bedingungen des Landes berücksichtigen und sollen nicht kostbarer sein, als es die Mittel eines armen Liebhabers gestatten. Die neue jüdische Einwanderung baut nun schon etwa zwanzig Jahre. Sie hat Tausenden von Ein- Wanderern Häuser errichtet, hat Wohnungen, Farmen, Schulen, Krankenhäuser, Fabriken usw. hergestellt. Sie hat ganze Kolonien, ja eine neue Stadt von etwa 15.000 Einwohnern geschaffen. Das sind an sich staunenswerte Leistungen. Wenn wir uns aber fragen, ob diese vielen Gebäude den obengenannten Anforderungen entsprechen, dann kommen wir zu dem bedauerlichen Ergebnis, daß unter der großen Zahl von Baulichkeiten nur ganz wenige Bauten erfreulich wirken. Dies ist das übereinstimmende Urteil aller Derer, die Gefühl für architektonische Schönheit besitzen. Was bisher gebaut ist, ist fast ausnahmslos unsolide, nicht für das Klima Palästinas gedacht und von einergeradezu grotesken Häßfidifieit. Diese Häßlichkeit im Extrakt drängt sich in TeßApiv zusammen, in dieser neuen Stadt, die als Gesamtleistung großartig, ja verblüffend wirkt, und deren rapide Entwicklung an die Entstehung amerikanischer Goldgräberstädte gemahnt, bei der aber ein Kunstrichter, und sei er noch so milde, kein Wort der Kritik finden kann, da eben leider kaum eine Spur von Baukunst anzutreffen ist. Das ist traurig, aber wahr. Die Straßenbilder Tel-Avivs zeigen ein charakterloses Mischmasch aller möglichen Stilarten der Welt. Äußerlich am erträglichsten sind noch diejenigen Häuser, die gar keinen Eindruck machen: Vier Wände, ein Satteldach darüber, die Fenster und Türen einfach eingeschnitten und damit fertig,- also Häuser, die ohne jeden Charakter und gänzlich unpalästinensisch, aber wenigstens völlig unauffällig sind. Unerfreulich wirken daneben Gebäude, die später einmal ein oberes Stodiwerk erhalten sollen und denen man das Unfertige <ein Zustand, der Jahrzehnte lang dauern kann) auf den ersten Blidt ansieht, besonders daran, daß die Betonstützen oder -Träger für den zukünftigen Balkon des Obergeschosses bereits eingemauert sind und sehnsuchtsvoll in die Luft ragen. Neben diesen anspruchslosen Gebäuden, die auf Kunst oder künstlerische Bewertung keinen An- Spruch erheben, spreizen sich Häuser mit aufwendigen Fassaden, mit Häufungen abgebrauchter Motive aller möglichen Stilarten der Welt, vom Schweizerhaus bis zum assyrischen Königspalast mit angeklebten Kunstformen aller vergangenen Epochen bis zum dernier cri, der in den modernsten Kunstzeitschriften zum Himmel schreit. Schließlich gibt es noch Bauten, denen man ansieht, wie der Architekt bestrebt war, etwas Morgenländisches zu schaffen und in höchst naiver Weise durch Verwendung von Palmen, Menorahs und Ähnlichem versuchte, etwas speziell Jüdisches, am liebsten den jüdischen Stil selbst herauszubekommen. Was ist aber wirklich bei alledem herausgekommen? Ein Tohuwabohu, ein mixtum compositum, ein leider allzu treues Abbild der Menschen, die aus den verschiedensten Ländern der Galuth in Palästina zusammenströmen, Erinnerungen an ihre bisherige Heimat mitbringen, nach Alter, Art und Temperament die verschiedensten Ideen und Wünsche in ihren Häusern verkörpert haben wollen und noch in keiner Weise eine einheitliche Basis oder Plattform gewonnen haben, die allein die Grundlage eines einheitlichen künstlerischen Ausdrucks ihrer Bauten bilden kann. 358

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