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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 357

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 357 (sequence 22)
Language
German
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ACHER ODER DIE RESTE DER TUGEND Da ich sie schreibe, steht ein Becher mit Gift* neben mir, den. ich trinken werde, wenn der Brief geschlossen und versiegelt ist. Ich habe die Schriften der Griechen studiert, wie du wolltest, und habe aus ihnen erkannt, daß das Leben sinnlos ist. Ich habe auch das Leben genossen, und wo ich es genoß, war es schal und leer. Liebe ist sinnlos und Güte ist sinnlos, und daß alles so sinnlos ist, auch das ist sinnlos. Ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen, es ist mir in der Seele zuwider. Vielleicht, Vater, wäre es besser gewesen, du hättest mich zum Vater Abuja in die Berge geschickt, statt nach Antiochia. Dann hätte ich wenigstens eine Erinnerung gehabt, wo ich jetzt noch nicht einmal die Erinnerung einer Erinnerung habe. Du hast sie noch, und sie gab deiner Liebe den Sinn. Mir ist alle Erinnerung alt geworden, so alterte ich selber, und mein Leben verlor seinen Sinn. Denke über das alles nicht nach, mein Vater, sondern lebe wohl und vergib mir den Schmerz, den ich dir bereite. Grüße auch den Vater Abuja in den Bergen, daß auch er mir vergebe nach der Fromm» heit seiner Seele.« Als Mei'r den Brief zu Ende gelesen hatte, sah er, daß Acher zu» rückgesunken war. Er beugte sich über ihn und er» kannte, daß er vom Schlage gerührt war und sich nicht bewegen konnte, obwohl er noch lebte. EMIL ORLIK Da kniete Mei'r neben dem Sterbenden, bettete sein Haupt in seinem Schöße und fing zu weinen an: »Kehr um, mein Vater, es ist noch Zeit!« Acher konnte nicht mehr reden, seine Zunge war gebrochen. Mei'r saß die ganze Nacht bei ihm und hielt das Haupt des geliebten Lehrers umfangen. Als die Morgenröte ins Fenster schien, zuckte der Leib des Sterbenden, und Meir sah, daß Acher weinte, als er starb. Da jauchzte seine Seele vor Freuden hochauf, denn er hatte erkannt, daß der Weise als ein Reuiger zu seinen Vätern eingegangen war. Am Morgen versammelten sich auf den Ruf Mei'rs alle früheren Schüler Achers im Lehrhause und trugen den Weisen und seinen Sohn zu Grabe. Auch folgten unzählige Arme weinend dem Leichen» zuge. Rabbi MeYr aber hielt ihnen Beiden die Leichen» rede mit den Worten: »Zwei Dinge nehmen zu, wenn sie beieinander sind, und ab, wenn sie auseinander sind: Gottes» furcht und Menschenliebe. Wer Gottesfurcht hat, aber keine Menschenliebe, vor dem ist die Tür geschlossen, aber die Tür hinter ihm blieb auf. Wer Menschen» liebe hat, aber keineGottesfurcht, v hinter dem schlug die Tür zu, aber \ die Tür vor ihm \ ist noch auf. Wer aber Men» schenliebe hat und Gottesfurcht dabei, dem sind alle Türen ge» öffnet, vor ihm x und hinter ihm.« TILLA DURIEUX 357

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